Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-03-06 · Heft 9 (6.3.1914) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 9 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063734--08924-3076132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

-Nr. 9. Alten Testaments vom Halse, aber so gründlich, daß ihre Namen in Gegenwart eurer Kinder nie genannt' werden dürfen." " \ ' ' ’ ' Aber er findet doch auch gerade für die von Th. Fritsch so sehr geschmähten jüdischen Religionsbücher anerkennende Worte, er sagt z. B. .in. seinen Deutschen Schriften: „Mischua, Mechilta, Sifra, Sifri sind gewiß töteub langweilig, aber es ist doch ein sittlicher Ernst in ihnen, es handelt sich um Dinge, die den von ihnen Sprechenden, so gleichgültig sie uns scheinen, am Herzen liegen." Es ist daher anch kein Zufall, daß gerade, in den Reihen der evangelischen Orthodoxie die Zahl derer immer mehr anwächst, die ans ihrer innersten christlichen Ueberzeugung heraus sich gedrungen fühlen, gegen die Schmähungen des Alten Testaments lauten und eindringlichen Protest einzulegen. Zn dem offiziellen Organ der sächsischen Konservativen, dem „Vater-laud", war schon im Jahre 1912 (S. 287—291) ans Anlaß der Bestrebungen, die auf eine Reform des Religionsunterrichts nach evangelischen Grundsätzen abzielteu, „vom Standpunkte eines religiös positiv gesinnten, Volksschnllehrers uns", den Vorschlägen des Kirchenrats Dr. Katzer, der am liebsten das ganze Alte Testament ans dem biblischen Unterricht streichen wollte, eine heftige Gegnerschaft erwachsen: „Wenn der Herr Kirchenrat bedenkt, was das Alte Testament unserm Volke, besonders in schweren Zeiten, gewesen ist! Die Geschichte des Liedes: „Befiehl du deine Wege!" allein svricht schon Bände. Mit dem Alten Testament könnte man so ziemlich unser ganzes Gesangbuch streichen und auch das Neue Testament. Freilich würde man dann einen wurzellosen, unpädagogischen Religionsunterricht erteilen." Dieser religiös und politisch konservative Volksschnllehrer berief sich auf das Zeugnis des positiven Greifswalder Theologen O. Oettli, der in seinem Werke: „Die Autorität des Alten Testamentes für den Christen" sagt, daß das Alte Testament „der Gemeinde Christi als ein teures Erbteil aus der Vorbereitungszeit des Heiles m die Wiege gelegt" sei und dem Psalter das hohe Lob spendet: „Wir können uns ohne dieses Buch weder die nachexilische Tempelgemeinde noch die Kirche der Reformation denken, deren religiöse Lyrik ans seinem Born geschöpft und non ihm ganz durchtränkt ist. Und wer unter uns hätte nicht schon in duntlen Stunden Trost und Aufrichtigkeit in den Psalmen gesucht, und wem hätte dieses Arsenal geistlicher Ritterschaft nicht im Kampfe des Glanbens die siegreiche Waffe dargereicht!" Andere epische Teile des Alten Testament haben durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder zu dichterischen Lobgesängen angeregt. Börries Freiherr von Münchhansen hat vor einigen Jahren eine Sammlung von 15 Balladen „Inda" veröffentlicht, von denen Hanns Martin Elster in der „Krenz- Ztg." (20 11. 1912) schrieb: „Wer aber seine 15 Balladen „Juda" gelesen hat — vorurteilslos —, der wird wissen, weshalb Münchhausen diese Stoffe gewählt: als er das erste (soll heißen alte — D. R.) Testament las, hat es wie eine Flamme in sein Inneres schlagen müssen, denn hier fand er den dichterischen Ausdruck eines heroischen Aristokratentnms. Haben wir uns nicht alle an den Gesängen des Alten Testaments begeistert? Münchhausen ist der künstlerischer Wiedergebärer einer alten Zeit: danken wir es ihm, indem wir ihm gerecht entgegenkommen, denn darüber ist zu handeln, wie ein Christ und Dichter und ein Rassemensch sich an den Klängen des Alten Testamentes berauscht hat, wie ihm Bilder, Rhythmen zuflossen aus der Vergangenheit eines hochbegabten Volkes." Hier vereinigen sich also ein konservativer Autor, ein konservativer Kritiker und ein hochkonservatives Organ zu einem Hymnus auf die Religion des Judentums. Es sei ferner daran erinnert, wie hoch der Dekalog von einer so anerkannten Autorität im Reiche der Wissenschaft wie es der berühmte Leipziger Physiker und Philosoph Wilhelm Wundt äst, eingeschätzt wird : -.. Seite 7. „Der unvergleichliche Wert des Dekalogs besteht darin, daß er in seiner allsdrucksvollen Kürze das ehrwürdigste Zeugnis für die Unvergänglichkeit der sittlichen Grundsätze selbst ist, das wir besitzen. Ihn verbessern wvlleü, würde ein Attentat gegen den Geist dev Geschichte, ihn durch einen Dekalog moderner Erfindung nachahmen wollen, ein törichtes Unternehmen sein. Der Religionslehrer mag ihn für unsere Zeit interpretieren, wie dies Luther für seine Zeit getan hat. Von dem Dokument selbst lasse er die Hände!" Dem israelitischen Prophetismus hat — in seinem gleichnamigen Werke — der bekannte Alttestamentler Prof. Cornill das schöne Zeugnis ausgestellt: „Die Geschichte der gesammten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was auch nur entfernt sich mit dem israelitischen Prophetismns vergleichen ließe. Durch seine Propheten ist Israel der Prophet der Menschheit geworden." Professor Flöring und Schnlral Bang verlangen außerdem noch eine größere Rücksichtnahme auf die Poesie des Alten Testaments. Prof. Gunkel-Gießen nannte an einem Anfang dieses Jahres von Hamburger kirchlich-liberalen Kreisen veranstalteten Vortragsabend über das Thema: „Was haben wir mit dem Alten Testament noch zu schaffen?" die Propheten des Alten Testaments zum großen Teile Dichter ersten Ranges: „Sie reden mit majestätischem Schlvunge, erfüllt von einem brausenden glühenden Zorn oder übergnellender Begeisterung. dann wieder hinschmelzend vor Erbarmen oder sich emporraffend zu mutigem Glauben. Die ganze Welt der altteftamentlichen Lyrik ist geradezu ergreisend. Alle übrige Dichtkunst der alten Völker ist der israelitischen unterlegen. An den biblischen Geschichtsschreibern rühmte Prof. Gunkel ihre „bewunderungswürdige Tendenzlosigkeit": .iUeberall im Orient stehen die geschichtlichen Ueberlieferungen im Dienste der Tyrannen, in Israel aber beugen sich die Geschichtsschreiber nicht unter die Könige. Diese streng geschichtlichen und mehr poetischen Erzählungen haben vor allen modernen Erzeugnissen große Vorzüge, nämlich ihre Schlichtheit und Einfachheit, dann ihre künstlerische Schönheit. Sie eignen sich daher ganz besonders für den Unterricht der Kinder." Sein Gesamturteil über das Alte Testament faßte der Gießener Theologe wie folgt zusammen : . . Der Bibelleser wird immer wieder von selbst zum Alten Testament greifen. Solange die christliche Kirche besteht, wird man daher das Alte Testament lesen müssen. Vieles, was im Alten Testament geschrieben steht, hat überhaupt keine religiöse Bedeutung. Was ehemals von großem religiösen Wert war, ist im Laufe der Jahre dahingefallen, z. B. ist die alttestamentliche Religion prinzipiell intolerant. Wir modernen Menschen können nicht prinzipiell intolerant sein; wir wissen andere Religionen relativ zu schätzen. Das Alle Testament hat aber eine ganze Reihe von Gedanken, die unverlierbare Errungenschaft des Geistes sind. Gedanken, die auch jetzt noch nicht veraltet find. Neben diesen Gedanken aber gibt es auch solche, die für die Gegenwart nicht mehr in Betracht kommen, die jedoch als DnrchgangsPnnkte in der Geschichte des Geistes niemals vergessen werden können. . ." ... . . Israel war arm an allen Technischen, aber es hat auf geistigem Gebiet das Größte erzeugt, was es im Orient überhaupt gab, nämlich die Person, die ihr eigenes Leben führt.-Darum ist Israel eine Grundlage unserer geistigen Kultur. Für die Kinder sollen wir aus dem Alten Testament das aussnchen, was für sie passend ist. Der Gebildete soll das Gesamtbild der Bibel haben. Unsere Kultur ruht ans zwei Säulen, nämlich auf der Bibel und auf der griechischen Kultur. Eine ungeheure geistigeRevolution würde eintreten, wenn man diese beiden Grundsteine verrücken wollte. Das Gebäude soll man weiterführen, aber der Grundstein muß bleiben." In Bausch und Bogen wagt nun freilich selbst ein so energischer Gegner des Judentums wie Th. Fritsch nicht das Alte Testament zu verwerfen; er macht nämlich eine feine Unterscheidung zwischen Israel und Inda, die zwei rassisch Die Wahrheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.