Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 8 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 8. Vierzig Jqhre hast Du, o Aron, Dich bemüht. Bedrückten Leben eiuzuhancheu, ihnen.zu helfen, die .durch Hunger und Sorgen Gebeugten hast Du durch Deine Freigebigkeit vom Tode errettet. . Wohl Dir, Du teure Seele, eju herrlich Los ist Dir beschieden, denn Du schreitest hinaus ejnen Pfad der flusterblichkeit, um die Früchte Deiner Wohltaten zu ernten. Dort im Vereine mit den Gerechten wirst Du wohnen, unter den Seraphim wird Dein Sitz sein, hier dagegen find Deine Taten für ewig eingegraben. Dies sind die Worte, eingegraben ans dem Sarkophage, welcher die Hülle des edlen Mannes deckt und ihnen folgen gleich erhabene lob- und preisspendende für die an seiner Seite ruhende gleich gute, edle, fromme, teuere Lebensgefährtin. Mir selbst aus meinen Kinderjahren ist noch erinnerlich, mit welch liebevoller Begeisterung meine Großeltern und andere alte Leute, die den Dahingeschiedenen gekannt hatten, über ihn sprachen. Reb Aron Naß, io sein Name in her Judenschaft. war der Inbegriff alles Guten und Edlen, der Inbegriff' der Mildtätigkeit, Barmherzigkeit, der Aufopferung für die bedrückten Glanbensbrüder. Wurde der Name genannt, da sah man Tränen blinken in den Augen der Alten, denen er geholfen hatte oder welche Zeugen einer Hilfeleistung an anderen, einer guten, edlen Tat gewesen waren und jeder wußte immer und immer noch Besseres zu erzählen und jeder überboi an Lobeserhebungen den anderen. Die Wiener Jndengemeinde bestand damals nicht. Etwa zu Begum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren, wie ein altes Schristchen besagt, die Kenne für die Entstehung einer jüdischen Knltusgemeinde dadurch gelegt worden, daß im Jahre 1764. also heute vor geiiau 150 Jahren, im Wege einer kaiserlichen. Verordnung bestimmt worden war, daß Juden unter bestimmten Voraussetzungen der Aufenthalt in Wien auf Lebensdauer zu gestatten sei, denn bis dahin war die Aufenthaltsdauer eines Juden in Wien von der Willkür der Behörden abhängig gewesen und von lebenslanger Dauer schon gar keine Rede. Daun folgte das Toleranzpatent. von dessen geradezu die Begeisterung, 'die stürmische Dankbarkeit der Inden auslöseuder Wirkung wir uns heute keine Vorstellniig machen können mit) als nun der Juden mehr wurden — man zählte 33 ansäßige Familienhänpter mit ungefähr 550 Angehörigen und Bediensteten, denen der ständige, lebenslängliche Aufenthalt in Wien, allerdings unter verschiedenen Einschränkungen gebührte, und sie dann darangiugen, neben ihrem uralten Friedhofe in der Seegasse auch ein vorhandenes kleines Krankenhaus umzugestalten, da mußte wegen der Beschaffung der Geldmittel, wegen des Eigeniumserwerbes, wegen der rechtlichen Möglichkeit Verpflichtungen einzugehen, ein Rechtssubjekt geschaffen werden, es erfolgte die Anerkennung der Judenschaft Wiens, zwar nicht als Gemeinde (öiqe ließ noch mehr als ein halbes Jahrhundert auf sich warten), aber die Anerkennung der Judenschaft als solche, welche zunächst durch drei alljährlich aus ihrer Mitte zu wählende Vertreter handlungsfähig wurde. Und einer dieser drei wohlverdienten Vertreter war mein Urgroßvater, dessen Bild auch an der Wand des Sitzungssaales unserer Gemeinde in der Reihe der Bilder der um die Gemeinde hochverdienten Männer prangt. Was nun folgt, das ist eben die Geschichte der Gemeinde, ihrer Entwicklung, ihres Aufschwunges, der Bedeutung, welche sie erlangte und heute als die bedeutendste jüdische Kultus gemeinde Mitteleuropas, als eine Führerin der europäischen Judenschaft behauptet. Wenn in den 25 Jahren, da ich in der Gemeinde als Mitglied des Vorstandes diene, in den nun bald vollendeten zehn Jahren, feit mir die hohe Ehre zuteil wurde, das Präsidium zu führen, mein Streben stets dahin gerichtet war und ist, die Ehre, das Ansehen unserer Gemeinde,, dieser Führerin der europäischen Judenschaft, zu wahren und zu mehren, das Besterreichbare für sie zu schaffen, Streit und Zerklüftung von ihr möglichst fernznhalten, da ist tt, als ob in mir lebendig wäre dje traditionelle Erinnernng an mejue^ Stammvater, au den edlen Mann, dessen gesegnetes Andenken in unserer Gemeinde förtleben möge! .;i ro"ö>5 pHS na? Spitalsdjrektor Dr. Fleischm a n n dgnkte hem Präsidenten Dr. Stern und der in der Versammlung anwesenden Schöpferjn des Bildes, Frau Dr. G o l d b e r g, für dje Widmung und übernahm.das Bild, in.Erinnerung au die Verdienste, in die Obhut des Spitales. Hierauf (ub er die Festgäste zu einem Rundgange durch die unter Leitung des Vorstandsmitgliedes, Herrn Architekten Jakob G a r t n e uenadoptiexten Abteilungen des Spitales ein. Mn Grinuernngsblatt an Clemens Schnitz. Als Kanzelredner, als Seelsorger, als Bahnbrecher auf dem Gebiet der Jugendfürsorge ist in den Nekrologen der Presse der zu früh Heimgegangene Pastor Clemens Schultz von St. Pauli nach Verdienst gefeiert worden. Dieses Erinuerungsblatt möchte auf ein weiteres Verdienst des edlen Mannes Hinweisen, auf die Art, in der er edelste Toleranz zn pflegen wußte. Pastor Clemens Schulz stand in innigem Freundschaftsverhältnis zn dem hiesigen Rabbiner, Dr. D. Leimdörfer der bei der Nachricht von seinem Tode die Worte ausrief, die Jehuda Ha-Nassi. der Patriarch des hohen Rats zu Jerusalem bei der Nachricht vom Tode des Kaiser Antonius Pins sprach: Nitparda hachawita! d. h.: Zerrissen hat der Tod das Band zweier Herzen, die einander so sehr nahe standen. Die beiden Männer trafen sich in ihren Bestrebungen, Toleranz und konfessionellen Frieden zu pflegen und ihre Gemeinden im Sinne Lessings zur vorurteilsfreien Liebe zn erziehen. Und viele Jahre verkehrten sie als hingebungsvolle Freunde mit einander. Oft erschien Pastor Clemens Schulz im Heinescheü Krankenhaus um zahlreichen Kranken christlichen Bekenntnisses Trost znznsprechen. In einem langen Schreiben hat er den Rabbiner Dr. Leimdörfer in seinem Namen der Verwaltung des jüdischen Hospitals zn danken für die ausgezeichnete Behandlung und Pflege der Leidenden, für die entgegenkommende Beachtung und Würdigung seiner Person und seiner Worte. Dieser in Händen des Vorsitzenden der Verwaltung des Krankenhauses befindliche Brief ist ein Dokument pastoral edler Denkweise. In der ursprünglichen von Israeliten begründeten Stiftungsschnle von 1815, der sogenannten Reeschen Schule, lehrte und wirkte Pastor Schultz vorbildlich. Mustergültig war seine Kollegialität christlichen und jüdischen Lehrern gegenüber. In der Gabriel Riesser-Vereinignug zur Förderung der Wissenschaft des Judentums sprach er in den letzten Jahren drei Mal. Er behandelte mit Geist und Witz, vor allem aber mit vorurteilsfreier Liebe jene Kapitel der jüdischen Patriarchengeschichte, die für alle Zeiten klassisch bleiben. Er redete über den Provheten Jesajas und seine Weissagungen, über die pädagogischen Momente auch für das weibliche Geschlecht mit Hinweisen ans die unmittelbare Gegenwart in zündender Weise. Er sprach über das Buch Sirach und holte ans dem alten Schacht neue Schätze hervor zur Belehrung für die Jugend aller Bekenntnisse. Stets ' schloß er unter dem stürmischen Beifall seiner zahlreichen Hörer, die in ihn einen zeitgemäßen Anreger dringend aktueller Erfordernisse fürs Leben erkannten und bewunderten. Hinwiederum veranlagte er alljährlich seinen jüdischen Freund, in dem ihm unterstehenden Jngendvexein, Gehilfenverein und Gemeindeverein zn St. Pauli Vorträge zur Belehrung über die jüdisch-religiöse Wissenschaft zn halten. Dr. Leimdörfer behandelte hier auf Anregung des Pastors Schultz die Tolerauzabschnitte der Genesis; die Proverbieu