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Die Wahrheit · 1914-02-06 · Heft 5 (6.2.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 5 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. Die Wahrhell gen eine Bekräftigung oder eine Ablehnung verdienen. Die Vertrauensmänner waren zweimal vrsammelt: Das erstemal vor Abhaltung der Gastpredigten, deren Veranstaltung aber dazumal beschlossen wurde, das zweite Mal nach ihrer Abhaltung. Geladen waren — nach der Rihensolge der Zulassung — die Herren Rabbiner Dr. Taglicht vom Mariahilfer Tempel, Rabbiner Dr. Schweiger vonErlau, Rabbiner Dr. Lazarus s von Göding, Rabbiner Dr. Abeles, der an zwei Wiener Tempeln, in der Brigittenau und auf der Landstluß' wirk! uni) Nuvviiikt Dr. Fnilk Nlis Bciskvwitz. Aus diesen Gästen galt es nun, einen zu erküren: lauter prächtige Männer. Einmütig wurde jede einzelne Predigt als hervorragende Leistung von kunstvollem Ausbaue und unübertrefflicher Darbietung gewürdigt; kaum eine Nüance in der Klassifikation gemacht) jeder einzelne Kandidat als eine Zierde seines ehrwürdigen Standes gerühmt. Das liegt auch in der Natur der Sache) die zu Gäste geladenen Kanzelreöner bildeten schon eine Auslese erprobter und bewährter Kräfte, die nattirlich beflissen waren, aus dem Liefen Born ihres reichen Wissens die schönsten und köstlichsten Gaben auszuschöpfen und sie in packender Form zu verabreichen. Die von ihnen öargeüotene geistige Kost hat trefflich gemundet) man war jedesmal voll der mächtigsten tiefgreifenden Eindrücke gesättigt und befriedigt von dannen gezogen. Die Palme des Erfolges wurde keinem versagt und kannte auch keinem vorenthalten werden: es waren durchwegs glanzvolle, den Gottesdienst verherrlichende Abende. So ist denn jeder einzelne Bewerber für das heilige Amt bestens qualifiziert und es wäre im Grunde genommen einerlei, auf welchen von ihnen die Wahl fiele) der Sache wäre mit der Bestellung eines von den fünf ehrwürdigen Gottesöienern, Gleichgiltig wessen, bestens gedient. Allein quod non! wird uns gleich eingeworfen. So geht das nicht an. Es gibt denn doch etwelche Untersicheöe, und wenn es sie nicht geben sollte, müssen sie künstlich gezogen werden. Die eine Distinktion geht von der Parole aus: Hie Wien, hie Provinz. Die Wiener und auswärtigen Rabbiner werden gegeneinander ausgespielt. Man meint, die Rabbiner, die schon m Wien seßhaft fiuö, hier waten mtD mit den Verhältnissen der Gemeinde und ihrer Angehörigen, mit ihren Bedürfnissen nud Einpiindnngen, kurz auch mit ihren Imponderabilien vertrant sind, sollen den Borzug genießen. Erlau, Göding und Boskowitz müssen hiernach den Kürzeren ziehen. Eine andere Differnzierung gefüllt sich darin, die Vereinsrabbiner und insonderheit jene, die schon als titulierte Gemeinöerabbiner in Amt und W üden sind, hätten den naturgemäßen Anspruch, Lei Besetzung eines definitiven Geweinöerabbinats vorweg berücksichtigt zu werden. Auch diese Motivierung will den auswärtigen Rabbinern die Türe vor der Nase zuschlagen und ein System hierarchischer Vorrückung in die bessere Pfründe aufrichten. Alles dies ist freilich noch eher diskutabel, wie etwa eine dritte Ansicht, die nicht scharf genug verworfen werden kann und die sich dahin verdichtet, daß die wahre Legitimation zur Erlangung der Stelle durch den größeren Wohlstand verliehen fei, weil die Wohlhabenheit die materielle Lüsternheit hemme, was aber offnkunöig ebenso falsch, wie antisozial klingt. Ein anderer Fürsprecher ergeht sich in den lebhaftesten Akzenten für seinen Kandidaten, weil er sich , als ObmannMüS des Vezirksvereines, für den der Rabbiner tätig ist, zu einem Panegyrikus auf ihn verpflichtet fühlt, ohne zu bedenken, daß solche Lorbeeren gar zu billig zu pflücken sind, solcher Anpreisung die nötig. Schlagkraft fehlt. Auch die Melange von Tallis und Tschako (analog dem Weihweöel und Säbel) für den Feldpreöiger will mir nicht recht in den Sinn. Die Menge hat gewiß nicht die richtige Würdigung für solche kumulative Missionen. Aber auch das leere Pathos gleitet plattweg ab, mit welchem einem Bewerber, für den vielleicht etwas übereifrig Stimmung gmacht wurde, das Beiwort eines Hetzkaplans an den Kopf geschleudert wird, der Zwietracht sät und den stillen Frieden der Gemeinde stört. Das erinnert freilich an das Karnikel, das ja immer anfängt, nur fragt es sich, wer eigentlich das Karnikel war. Man darf eben nicht übersehen, daß sich önie Gemeinde gar rasch gerührt und versöhnt in den gegenseitigen Armen liegen würden, wenn nur die Grachen, die sich immer beschweren, eben aufhörten, sich zu beschweren und sich entschlössen, gleichfalls für den besagten Kaplan zu stimmen. Muß es denn just der andere sein? Ein unzweifelhaft eloquenter Sprecher, der die schwierige Sache von hoher Warte betrachtet, und in der Schlichtheit seiner Redeweise an seinen Schützling?^ erinnert, ist von fast zärtlichen Anwandlungen für ihn beseelt und versteht es, seine Sentiments durch rührende Vergleiche und Hinweise auf den steinreichen Protzen und den verhungerten Bettler, auf die aufhorchende Muttr und ihren sich anschmiegenden Kleinen und was dergleichen sonst ans Gemüt greift, geschickt auszumünzen. Allein die Kameraderie und Gefälligkeit sind doch zu sehr enthüllt, als daß die Wärme der Empfehlung vor rascher Erkältung behütet werden könnte. Man merkt die Absicht und wird — verschnupft. Nicht mit Unrecht hat ein fernerer Redner auf die talmuöische Gelahrtheit Gewicht gelegt. Indessen mußt gerade er sich um den Effekt seines Argumentes bringen, weil er selbst sich als Generalpächter und Monopolist der Talmudleute aufgespielt hat und niemand andern neben sich, selbst den Oberrabbiner nicht gelten lassen wollte. Das heißblütige Plaidoyer endlich, das den Vorkämpfern aus Hietzing entfuhr, mußte gleichermaßen verpuffen, weil die Herren eben aus — Hietzing und nicht aus Fünfhaus sind, ihren eigenen Tempel haben und an der Frage doch weniger beteiligt sind. Die Fünfhauser aber, die echten Leute vom Grund haben sich — gründlich ausgeschwiegen. Sie, die vor allem ihr Votum in die Wagschale werfen sollten, sind ziemlich abseits gestanden, bis auf zwei, mehr als Exponenten auftretenöe Partisane. die sich in Ton und Gebärde vergriffen und die richtige Resonanz infolge zu langgedehnter Tempi nicht geweckt haben. So ist die Enquete ziemlich fahrig auseinander gegangen. Wie soll nun jetzt der Vorstand der Kultusgemeinöe die richtige Entschließung fassen? Ist unter solchen Umständen die Wahl nicht der reinen Zufallsabstimmung preisgegeben? Und dies wäre doch im Interesse aller Beteiligten unendlich zu beklagen. Allein eine Richtschnur fehlt, ein bündiger, beherzter Vorschlag, ein Gesamtwille der unisono erschollen wär, hat sich nicht erhoben. Die unterscheidenden Merkmale sind zu fein, um mit freiem Auge wahrgenommen zu werden. So wird es unausbleiblich sein, daß auch hier der Protektionismus sich zur Geltung bringen wird und unter den Bewerbern, die in Wahrheit der,, de wieder von dem Gelingen dere rhöhten Brantdurch die Reihe unico et aequo loco präsentiert sind, jener ans Ziel gelangt, welcher im Wettlaufe es versteht, mehr Freunde und Beschützer uw sich zu scharen. Das soll beileibe kein Vorwurf sein: es folgt notgedrungen aus dem Laufe der Geschehnisse, aus dem Ergebnisse der Beratungen. Doch gemach! Vielleicht findet sich irn Kreise des Vorstandes jene zauberhafte.

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