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Die Wahrheit · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 2. Eene 6 Die Wahrheit besondere die Abschaffung der Wahlkurie der Höchstbefteuerten zu fordern. Dr. Ehrlich urgiert auch die Einsetzung und Konstituierung der Palästina-Kommission und erklärt,- das Budgetnicht votieren zu können. Kultus-Vorsteher Oberingenieur Stricker bespricht die Vorgänge in Palästina, wendet sich in scharfen Worten gegen den „Hilfsverein der Deutschen Juden"^ der in Palästina preussische Politik macht. Da der Hilfsverein auch die Verwaltung der Lämelschule, die eigentlich eine österreichische Anstalt sein sollte, in Händen hat, so sei es Pflicht des Vorstandes, zu diesen Vorgängen Stellung zu nehmen. Er stellt den Antrag, die budgetären Subventionen für die Lämelschule zu streichen. Kultus-Vorsteher Dr. phil. et jur. Dr. Markus Spitzer wendet sich gegen die Ausführungen des Dr. Ehrlich. Redner selbst anerkenne die Verdienste des Zionismus, er selbst sei ja auch in gewissem Sinne Zionist, aber er könne es nicht zugeben, datz die Frage so gestellt werde: Judentum oder Zionismus. Der Zionismus kann niemals an Stelle des Judentums treten, das in allen seinen Phasen vorwiegend religiös war. Und so oft das Judentum in Gefahr geriet, war es immer die Religion, die uns gerettet hat. Es gehe daher nicht an, in Verkennung der historischen Entwicklung den Kampfruf „Hie Zionismus — hie Judentum!" in die Massen zu schleudern. Was das vorliegende Budget, welches Redner einer eingehenden Erörterung unterzieht, beirifft, so ist es ein eminent jüdisches, das in allen seinen Punkten die Tendenz zeigt, das Judentum zu konservieren. Daß die Gesamtorganisation nicht zustandekam, wird mit Unrecht dem Kultusvorstande zum Vorwurfe gemacht. Präsident Dr. Alfred. Stern habe sich alle Mühe genommen, die Differenzen auszugleichen, alle Gemeinden zu einem Zusammenschlüsse zu bewegen, doch hat er darin leider nicht die gewünschte Unterstützung gefunden. Kultus-Vorsteher Salo Kohn nimmt den Unterricht an der Lämelschule in Schutz. Die österreichischen Juden haben nichts dazu getan, um die Lämelschule zu erhalten, die deutschen Juden haben die Kosten für den Bau und die Erhaltung der Schule beigestellt und es sei nur selbstverständlich, daß sie auch auf den Unterricht Einfluß nehmen, da sie übrigens auch die ganz bedeutenden Zuschüsse decken. Herr Salo Kohn tritt ferner für die dreijährige Wahlperiode ein und stellt einen diesbe züglichen formellen Antrag. Was die Forderung der Zionisten auf Herabsetzung des Steuerminimums betrifft, so mache er darauf aufmerksam, daß die Kultussteuer von den meisten noch als ein Akt der Pietät betrachtet' wird. So lange es aber möglich ist, einfach durch einen Weg zum Magistrat die ganze Kultussteuer von sich abzuschütteln, sei es gefährlich, zu eXperimentiern. Kultusvorsteher Lmanue! H o f f m a n n bemängelt - es, daß die aus Stiftungsgeldern zustandegekommene Hilfskassa zur Unterstützung von. aus dem israelitischen Spital Entlassenen schon seit geraumer Zeit ihrer Zweckbestimmung nicht Zugeführt wird und wünscht rasche Abhilfe. Kultusvorsteher Professor Dr. S- Ehr mann kennt den Direktor der Lämelschule, Herrn Ephraim Lohn, als einen eifrigen Zionisten, einen hervorragenden Hebraisten und er könne nicht annehmen, daß er seine Hand zu einem loldjen Staatsstreich gegen die hebräische Sprache hergegeben habe, wie es hier dargestellt wurde. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen spricht Herr Prof. Dr. E h r m a n n den Wunsch aus, daß auch für diejenigen ein Freitag-Abendgottesdienst eingerichtet werde, die arbeiten müssen und nicht die Zeit haben, besonders im Winter zu den festgesetzten Stunden an dem Gottesdienst teilzunehmen. (Erster Sekretär, kais. Rat, Dr. Lieben^; macht hiezu die Bemerkung, daß ein diesbezüglicher Antrag des Bureaus bereits im September 1911 eingebracht wurde.) Gegenüber "den Bemängelungen, daß die Verpflegskosten im jüdischen Spitälezuhoch ferech weist Redner darauf hin,'' daß VersvrguNgshaus und Spital in dieser Drehung nicht miteinander verglichen werden können. Während das Versorgungshaus die Aufgabe hat, den Lebensabend des Pfleglings möglichst angenehm zu gestalten, muß das'' Spital heilen und zu diesem Zwecke alle modernenauch die teuersten Mittel in Anwendung bringen. : ' I. Vice-Präsident Dr. Gustav K o hn reflektiert auf die bisherigen Ausführungen. Der Gemeindebund wäre schon längst Zustandegekommen, wenn die Aktion nicht von anderer Seite gestört worden wäre. Nichtsdestoweniger wurde von Seite des Gemeindebundes weiter gearbeitet und' es besteht die Hoffnung, daß die gesetzliche Organisation — ohne die Renitenten Zustandekommt. Die Erhöhung der Schächtgebühren wurden schon beschlossen. hie Durchführung des Beschlußes mußte jedoch wegen der inzwischen eingetretenen wirtschaftlichen Krise vorläufig sistiert werden. Die Regulierung der Einhebung und Aufteilung der Scheidungstaren wird in absehbarer Zeit zur Durchführung gelangen, und auch die Vorarbeiten, betreffs Stellungnahme zur Frage der Wahlordnung und des Steuerminimums sind im Zuge. Redner bemerkt gegenüber einer Aeußerung des Kultus-Vorstehers Stricker, daß es kaum eine zweite Körperschaft gebe, die sich solcher ausg^eichneter Beamten rühmen könnte,- wie die Wiener Kultusgemeinde. (Stricker: „Gerade deshalb müssen die Unbrauchbaren beseitigt werden.") Auf die Angelegenheit der Lämelschule übergehend, ersucht er den Ersten Sekretär, kais. Rat, Dr. Lieben> den diesbezüglichen Bericht zu verlesen. Aus diesem Bericht geht hervor, daß der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde schon seinerzeit, als er die Verwaltung an dem Frankfurter Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, mit dem Sitze in Frankfurt am Main, innehatte, als auch später, da der Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin die Verwaltung der Schule übernahm, darauf bestand, daß die Erziehung in der Anstalt im Sinne des Stiftbriefes eine streng jüdische sei und die Schule in jeder Beziehung ihren österreichischen Charakter bewahre. Meritorisch sei übrigens die Uebernahme der Anstalt durch den Hilfsverein, wie aus der Korrespondenz hervorgeht, auch nicht erfolgt, da hierzu noch die Zustimmung der Stiftungsbehörde ausstehl. Was jedoch die jüngsten Vorgänge in Palästina und insbesondere in der Lämelschule anlangt, so seien die Ausführungen der Herren Dr. Ehrlich und Stricker insofern überholt, als das Präsidium gleichnachdem es durch Zeitungsnachrichten von den Vorfällen in der Lämelschule erfuhr,: in Zuschriften an den Hilfsverein, den österreich-ungarischen Konsul in Jerusalem und an den Direktor Ephraim Cohn um authentische Darstellung und Aufklärungen ersuchte, um auf Grund derselben dem Vorstande entsprechende Vorschläge zu erstatten. Zum Schluß bemerkt I. Vice-Präsident Dr. Gustav Kohn, daß wenn für die selbständige Erhaltung der Lämelschule gesorgt werden könnte, auch seiner Meinung nach alles aufgeboten werden müßte, um die Schule selbst in die Hand zu bekommen. Kultus-Vorsteher Dr. Heinrich Schreiber wendet sich zunächst gegen die Ausführungen des Dr. Ehrlich. Wer die Rede desselben gehört hat, muß glauben, daß alle Vorsteher nichts anderes als die Mameluken des Präsidiums oder Vertreterkollegiums seien, und daß bloß die zwei Herren Vertreter der zionistischen Partei die einzigen sind, die Initiative haben, daß sie mit neuen Ideen auftreten. Man kann sich eine solche Herabsetzung des Gesamtvorstandes nicht wortlos gefallen lassen. Redner hat erwartet, daß!die Herren Zionisten, nachdem sie dem Kultus-Vorstand, in dessen Mitte sie sitzen, Initiative und Ansehen abgesprochen haben, nun selbst mit neuen

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