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Die Wahrheit · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Die WaMdeil Lette 5. Der Referenl bespricht hieraus in eingehender Weise jene Angelegeuheireu, die den Vorstand im kommenden Jahre in vieler Beziehung beschäftigen werden. In der Kinderspitalsfrage sind wir, wie Ihnen bekannt, bereits so weit, daß wir nach Abschluß des mit schwierigen Verhandlungen verbunden gewesenen Kaufvertrages mit dem Hofärar nunmehr die Pläne für das Kinderspital, soweit sie von der Jury als preis- und ankaufswürdig erachtet wurden, auch mit dem betreffenden Preise prämiert und bezw. erworben worden sind. Da nun für. diese Stiftung die Fonde vorhanden sind, so wird der Bau auch ohne weiteres nach den sonst nötigen Vorbereitungen in Angriff genommen werden können und auch vortzunehmen sein. Nur muß nochmals auf das Nachrücklichste betont werden, daß bei der weiteren Behandlung dieser Angelegenheit darauf mit aller Sorgfalt Bedacht zu nehmen sein wird, daß unsere Gemeindemittel für das Kinderspital gar nicht oder in nur sehr geringem Maße in Anspruch genommen werden, damit nicht, wie dies schon des Oefteren geschehen ist, die Wohltat für unsere Gemeinde zur Plage werde. Dringlich, ja fast dringlicher als die soeben berührte Frage, ist die Angelegenheit des neuen Friedhofes. Infolge schwieriger und langwieriger Verhandlungen mit der Gemeinde wegen Bewilligung der Baulinien, Stratzenabtretungen und Grundverhandlungen sind wir zwar so weit, daß uns die Baulinie bewilligt wurde, und werden wir in den nächsten Tagen, sobald wir die genehmigten Abtrennungspläne vom Magistrate erhalten werden, mit Dreher den Vertrag wegen des zur Straßenabtretung erworbenen Grundteiles abschließen können. Mit der Gemeinde werden wir jedoch, trotzdem der diesbezügliche Gemeinderatsbeschlutz, bereits im Juli 1912 gefaßt wurde, nicht so bald den Vertrag, mittels welchem gewisse Grundtransaktionen stattfinden sollen, abschließen können, und zwar nicht aus unserer Schuld, sondern aus dem Grunde, weil die Gemeinde noch nicht im Besitze derjenigen Grundteile ist, welche sie an uns vertragsgemäß gegen Ueberlastung von Grundflächen an sie abzutreten haben wird. Jedoch darf und wird die Inangriffnahme aller zur Herstellung des neuen Friedhofes notwendigen Arbeiten^ nicht die geringste Verzögerung erfahren und zwar aus dem Grunde, weil wir für Gratisleichen nicht länger als für zwei Jahre Belegraum in dem gegenwärtigen Teile des Zentralfriedhofes haben. Ich möchte zur Behandlung dieser Frage noch Folgendes wiederholt bemerken: Die gesamten Auslagen jeder Art für den neuen Friehof, daher auch die bisher für die zum Zwecke der Grunderwerbung aufgenommenen und für die Herstellung noch.aufzunehmenden Darlehen, auflaufenden Zinsen, müssen als Investition behandelt werden und es wird, sobald der neue Friedhof zu Belegzwecken wird herangezogen werden können, Aufgabe unserer Kultusgemeinde seindie Amortisation der ausgelegten und auszulegenden Beträge in richtiger Weise zu behandeln. Hiemit allein wird diese Frage nicht erledigt sein. Wenn Sie, sehr geehrte Herren, eine Berechnung äufstellen, welch hohen Betrag uns Gratisleichen kosten, so werden Sie zu einer Ziffer kommen, an die Sie gewiß nicht gedacht haben, daß nämlich im Jahre 1910 1306 und im Jahre 1911 1349 unentgeltgeltliche Beerdigungen vorgenommen worden sind. Ich will dieses Thema nicht näher ausführen. Gegenstand der Erwägungen wird es jedoch sein, ob nicht eine Aenderung der Taxe notwendig ist, damit man zu einer entsprechenden Amortisation gelangt und damit auch Fürsorge für einen Friedhofsfond trifft. And nun komme ich zu unserem Schmerzensklnde, zu dem Gegenstände, welcher bereits seit Jahren anläßlich der Budgetreferate und auch bei anderen Angelegen-, heilen als äußerst dringend bezeichnet würde. > Es ist die Dringlichkeit der baldigen Aufführung eines der Gemeinde Wien würdigen und den hygienischen Anforderungen entsprechenden Amtsgebäudes. Ich üebersehe durchaus nicht die berechtigte Frage-; woher das Geld nehmen, welches der Bau kostet. Der Vau, wenn er allen administrativen Bedürft nissen unserer Gemeinde entsprechen soll, wird einen Be-, trag von mindestens 2,000.000 Kronen in Anspruch nehmen und die Beschaffung eines solchen Betrages, welche? unser Budget mit einer so hohen Zinssumme belasten würde, ist gewiß eine außerordentliche Schwierigkeit, besonders unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Wir sollten uns aber in diesem Falle ein wenig von dem Optimismus, der uns Juden eigen ist, beeinflußen lasten und uns dieselben als Vorbild vor Augen halten. Ich erinnere an Folgendes: Am 13. Oktober 1911 waren es 109 Jahre, daß von der Firma Biedermann & Trebitsch im Vollmachtsnamen der tolerierten Juden in Wien, dazumal eine ganz geringe Anzahl, das Haus in dem wir heute Lagen,- der Dämpfinger Hof, nach jahrelangen Bemühungen und nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten um den Betrag von 90.000 Fl. W. W. gekauft und in demselben eine Betstube errichtet wurde. Bis zum April 1612, also nach Ablauf von kaum sechs Monaten waren teils durch Geschenke, teils durch verzinsliche und unverzinsliche Darlehen 91.334 Fl., also mehr als der Kaufschilling betragen hat, aufgebracht und die „Wiener Zeitung" vom 16. September 1813 berichtet bereits, daß in dem Bethause von den Juden am 5. September 1813 Gebete um Verleihung des Sieges für österreichische Waffen verrichtet wurden und daß bei dieser Gelegenheit 1.352 Fl. 8.kr. W. W. für verwundete Soldaten gesammelt worden sind. An das Haus erfolgte die Anschreibung im Jahre 1814. Das geschah vor hundert Jahren. Wenn nun damals die die Ziffer von 303 kaum übersteigende Anzahl von Juden unter den drückendsten und durch die Kriege äußerst erschwerten Umständen einen derartigen, für die damaligen Verhältnisse sehr namhaften Betrag aufgebracht haben, sollte es heute, wo wir eine Gemeinde mit einer Seelenzahl von nahezu 180.000 Seelen bilden und wo doch ein ganz anderer Wohlstand herrscht, als es damals der Fall -war,- wc die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen sich in sr hohem Maße bewährt hatte, da sollte es nicht möglic sein, eine Frage, wie die vorliegende zur gedeihliche'. Lösung zu bringen! Ich glaube, daß wir die Schwierigkeiten, die wirklich bestehen, durch Zögern und Zagen nur vergrößern und daß wir, wenn wir mit mehr Zutrauen zu der Opferwilligkeit und dem Gemeinsinn unserer Glauben genossen die Durchführung dieser Frage in Angriff ne. men, wir auch diese Angelegenheit zu einem gedeihlich und für unsere Gemeinde segensreichen Ziele zufüh':\i. werden." (Lebhafter Beifall). Bei der hierauf eröffneten Debatte ergriff zunä st Kultus-Vorsteher Dr. Jakob Ehrlich das Wort zur Kri 'k der Verwaltung, die nicht auf der Höhe der Situation steh'. Dem Kultusvorstand sei es nicht einmal gelungen, -D gesetzliche Organisation der Gemeinde durMusetzen e.rch ein Beweis, daß der Wiener Kultusvorstand nicht die Führung unter den Juden Oesterreichs habe. Die Struktur des Vorstandes sei eine verfehlte, vom Vertreterkollegium, in welchem alles schon vorher bestimmt wird, komme nie eine Initiative. Er sei daher gezwungen,- abermals die endliche ^Erfüllung der Programmpunkte des zionistischen Kultusprogrammes u. zw. Oeffentlichkeit der Vorstandssitzungen, Herabsetzung des Steuerminimums auf zehn Kronen, die Reform des Wahlrechts und ins-

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