Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063726--08834-3076034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ni. 1. Tie Wahrheit Es ist richtig: Heine war ein glühender Verehrer Napoleons — aber andere noch größere Sternei am deutschen Dichterhimmel — Goethe voran — waren es nicht minder. Als Heine zum ersten Male den großen Kaiser von Angesicht zu Angesicht sah/ findet er die lapidaren Worte (Ausgabe von Elster, Band III., Seite 493): „Nie schwindet dieses Bild aus meinem Gedächtnisse. Ich sehe ihn immer noch hoch zu Roß mit den ewigen Augen in den marmornen Jmperatorgesichte, schicksalsruhig hinabblickend auf die vorbeidefilierenden Garden — er schickte sie damals nach Rußland, und die alten Grenadiere schauten zu ihm chinauf so schauerlich ergeben, so mitwissend ernst, so todesstolz— Holzhausen, der and) diese .Stelle ab druckt (a. a. £). S. 64), fügt hinzu: Te Caesar, morituri salutant! „Alles in diesen Worten, bis auf das wiedergegebene lateinische Zitat, atmet einen währen Sturm der Begeisterung. Und diese war um so echter, als sie getragen wurde von der Flutwelle der allgemeinen Volksstimmung. Napoleons Reisen durch die Rheinlande — er hat deren zwei gemacht, die eine 1804, die andere, während deren ihn 5)eine sah, im.Jahre 1811 — waren nicht lediglich Prunk- und Huldigungsreisen, wie sie Fürsten wohl machen, um sich anstaunen und bewundern zu lassen. Dafür allein hatte der unermüdlich tätige Mann keine Zeit gehabt, Er ließ die Arbeit auch auf der Reise nicht ruhen, und diese selbst wurde für ihn zur gewinnbringenden Tätigkeit. Ueberall sah er nach dem 'Rechten, half Uebelsiänden äb und setzte durch seine Sachkenntnis die Menschen in Staunen." Paul Bourget schließt übrigens aus den Memoiren Heines, daß dieser den leidenschaftlichen Kultus, den er mit Napoleon getrieben, seiner Mutter verdankt und fügt (in einem jüngst erschienenen Artikel der „Franks. Ztg.") hinzu: „Man vergegenwärtige sich die sonderbare Unruhe, die der Durchmarsch der Weltsieger bei den biederen Bürgern an den Rheinufern weckte) die von Emporkömmlingen befehligt wurden, welche — wie es schien — mit einem Säbelhieb ererbte Monarchien ftir immer vernichteten. Und welche Rache für die Juden, die Parias dieser hochgeborenen und kirchlichen Gesellschaft. Heinrich Heine hat sein ganzes Leben lang des Anblickes gedacht, wie Napoleon über die Beete des Parkes seiner Heimatstadt ritt, den Kragen seiner Ausrüstung mit der Hand streichelnd, und das Kind, das sich an der Perücke eines kurfürstlichen Denkmales festhielt, um besser sehen zu können, hat den Zauber dieser Erscheinung, die so viele erlittene Demütigungen von seinen ^Vorvätmu gerächt, niemals vergessen können." Daß „das Ungeheuer Napoleon" vor hundert Jahren sozusagen eine weltgeschichtliche Mission erfüllt hat, die für Deutschländ nur zum Heile gewesen ist, erkennt auch ein den nationalistischen Rassentheoretikern so nahestehender Politiker, wie Heinrich Driesmanns an, der im Mamburg er „Beobachter" (1. 9.) schreibt: „Dessen also sollen wir bei allen national-berechtigten „Tyrannenhaß" zur Jahrhundertwende eingedenk bleiben und auch dem Erbfeinde wider Willen danken, denn ohne die Aufräumungsarbeit der Puppenfigur mit dem „Künstlerzeichen Gottes" dürfte auch heute noch kein Boden für das neue Deutsche Reich frei geworben und selbst das Einigungswerk Bismarcks erfolglos geblieben sein. So hat der Kelte hier in der entfachten Freiheitsbewegung ein niedergeworfenes Volk wieder aufgerichtet, das ohne seinen rauhen Eingriff politisch weiter hinveaetiert haben wurde, wie es seit den Dagen der Staufen politisch Jahrhunderte lang (nur vegetiert hat, ohne irgendwelche" eigene größere Initiativer -Darüber wollen wir uns doch nicht täuschen, und diese „deutsche Schmach" lieber offen und ehrlich eingestehen, als sie patriotisch zu bemänteln. Das wäre für eine 'Jahrhundertfeier jedenfalls ehrenhafter und ließe für hie Zukunft hoffen, daß wir uns damit wirklich für allemal von nationaler Entwürdigung befreit haben. Die patriotische Lüge aber deutet nur auf weitere innere Schwäche, die damit zugedeckt werden soll. Lassen wir also dem Korsen, was des Korsen, und dem 'Kelten, was des Kelten M, und lügen lwir Uns nichts gegen den Erbfeind vor: wir haben beide zu unserer deutschen Auferstehung notwendig bedurft, und wären nicht ohne sie, was tbir sind. Alles Leben ist symbolisch, in polarem Spannungsaustausch aus gegensätzlichen Verhältnissen heraus. Unsere Labiaten Nationalisten aber wollen glauben machen, sie hätten die deutsche Geschichte ohne Mithilfe unserer Erbfeinde allein gebaut." Oberkantor Mayer Scharr. Nach längerer, schwerer Krankheit, von der man allerdings in der Oessentlichkeit teilte Ahnung hatte, ist Meyer Schorr. Oberkantor des Synagogen-Vereines „Belh- I s r a e I" nach polnisch indischem Ritus in Wien. II. Leopoldsgasse, Mittwoch, den 24. Dezember gestorben. Ein glänzender Chasen, ein seltener Kenner des jüdisch-traditionellen Gesanges, und des jüdischen Schrifttums, ein brillanter Sänger, der nicht blos durch den Glanz seiner wunderbaren Stimme sondern auch durch die Fülle seilles lnusikalischen Wissens und die tiefgründige Kenntnis des gesungenen nnd gesprochenen Wortes große Wirkungen an geheiligter Stätte erzielte, ist mit ibm dahingeschieden und sein Heimgang wird nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch in den weitesten Freundes-und Kollegenkreisen, insbesondere aber im Oesterr.-ungar. Kantoren- Verein, dem er durch zwei Jahrzehnte als Vorstandsmitglied und in den letzten Jahren als Vizepräsident seine reiche Arbeitskraft und sein ernstes Streben widmete, tief und schmerzlich empfunden. Die köstlichen Früchte seiner musikalischen Produktion hat er in dem wiederholt anerkannten Werke „Hallel wesimroh" verewigt und durch Lehre und, Beispiel eine große Zahl hervorragender Schüler herangebildet von denen Einer Herr Oberkantor I. Weisz in Karlsbad uns Folgendes schreibt : „Eine markante und sympathische Gestaltnnseres Standes, Herr Mayer Schorr, Oberkantor des Vereines „Beth-Jsrael" in Wien, Viceprüsident des Oesterr. nilg. Kanroren-Vereines, ist am 1. Cdaunkatage nach einer längeren Krankheit in ein besseres Jenseits abbernfen worden. Vor mehr als 20 Jahren wurde der Dahingeschiedene aus einer der vornehmsten, orthodoxen Gemeinden Ungarns, aus Gr. Wardein, wo mau ihn nur schwer vergessen konnten, nach Wien als Oberkantor berufen. Von Natur ans ambitiös nnd bildungsbeflissen veranlagt, studierte er Gesang bei einem hervorragenden Gesangs-Pädagogen und somit begann erst recht sein Stern in schönem Lichte zu erstrahlen. Er wurde immer mehr und mehr bewundert und hatte viele Freunde und Verehrer seiner Kunst. Sein Name war auch außerhalb seines engeren Wirkungskreises rnhmlichst bekannt, so daß sich häufig unter seinen Zuhörern auch leitende Persönlichkeiten der Wiener Knltnsgemeiude. wie auch seine Kollegen befanden, um in Andacht feinem erbauenden Vortrage zu lauschen. Doch die moralische Würde seines Standes war ihm ebensv

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.