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Die Wahrheit · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Wadrbett. Nr 1. mehr die Schuld an der Katholisierung unserer Kinder Lei uns selbst, bei den jüdischen Eltern In'suchen? Womit bestreben mir uns denn, dem katholischen Geist von unseren Kindern fernzuhalten und dem jüdischen Geist einzuprägen? Ein kleiner Spaziergang durch die jüdischen Häuser Wiens in dieser Woche 'wird uns überzeugen, daß die wenigsten Juden überhaupt dieses Bestreben haben. Wie viele jüdische Häuser finden sich Ln dieser von 180.000 jüdischen Seelen bewohnten Stadt, in welchen die Chanukah-Menorah ängezündet wird? Wahrlich, an den Fingern 'sind sie zu zählen. In wie vielen jüdischen Häusern aber werden die hellen Lichter des Christbaumes erglänzen? Auf diese Frage ist eine - Antwort überflüssig. Stechen doch schon die jüdischen Christbäume selbst den Christen in die Augen, was schon dadurch ersichtlich ist, daß viele arme Christen in der katholischen Presse darüber Klage führen, daß sie infolge der großen Konkurrenz der jüdischen Kunden am christlichen Weihnachtsmarkt nicht in der Lage find, ein bescheidenes Christbäumerl'zu erschwingen. - , Nicht die Schuld unserer Kinder ist es, sondern wir allein haben den jüdischen Geist aus unserem Hause verbannt. Wir allein haben unser Haus zu einer Chorwoh, zu einer Wüste gemacht, nlld dunkel sind unsere Häuser gerade in dieser Woche, in welcher das jüdische Haus Mch Licht sich sehnt und finster ist es in den Seelen unserer kleinen Kinder. Die Kinder gleichen jungen Pflanzen. Gerade wie die zarte Knospe nach Wärme und Sonnenlicht lechzt, gerade so lechzen unsere Kinder nach dem Licht eines Glaubens. Renovieren wir unsere.von dem Golus-Gewitter , verwitterten Häuser. In dieser Woche des Chanuka feiern wir ein Chanuka-Habajis. Ein neuer Geist kehre in unseren .Häusern ein, der Geist des alten jüdischen Glaubens. Erstrahlen soll in der Chanukah-Woche das Zauberlicht der alten Meuora in unseren Wohnungen. Erzählen wir unseren Kindern beim Zauberschein der Chanukahkerzen, wie stark und groß und stolz das jüdische Volk einst gewesen ist und mit Gottes Hilfe auch fernerhin sein wird. Erklären wir Unseren Kleinen, daß auch wir Juden schöne Feste haben. Das schönste und herrlichste unserer Feste aber ist das jüdische Fest: Chanukah! Wien, 24. Kislew 1913. Josef Grob, Nqpotcoy. Heche M Mdezr Es ist im Ueberschwang des durch die Hundertjahrfeier wieder erweckten patriotischen Zornes'' gegen den Unterdrücker und Peiniger Deutschlands die Forderung laut geworden, man möchte das „ekelhafte" Lied des Juden Heine zur Verherrlichung Napoleons: „Nach Frankreich zogen zwei Grenadiere'" 'künftig aus allen patriotischen Liederbüchern ausmerzen? Als 'ob -ein solches Gedicht/ das losgelöst von allern Persönlichen - und 'vom Kultus des' Nationalen, den Zauber-"den ein genialer 'Feldherr aus seine durch 'ihn von 'Sieg zu" Sieg geführten- Soldaten uüsübt, inergreifenden Worten schildert, durch einem Federstrich aus der Weltliteratur ausgelöscht werden könnte! Von einem sehr bekannten Antisemitender im deutschnationalen Handlüngsgchilfenverbände eine führende''Rolle spielt,' wissen wir zufällig/ daß-er dieses Lied Dm ernsten öder fröhlichen Kreise mit ekstatischer Verzückung vorzütragen pflegte. Aus welcher Stimmung heraus-' däs'Gedicht geboren ist, dafür -gibt das -b Münte Werk von-'Paul- Holzhausen „Heinrich'Heine un8> Nüpoleon I." "(Moritz DiPsrwvg- Frankfurt a: M.) vörtrefflichen^Aüffchlußüllwo '-'es auf Seite Pi ff. heißt: ' r:f-— -' ' 'r‘ „Heines' Vater' sah und mußte mit . der damaligen Judenschaft in den Franzosen und'"ihrem Kaiser dfe'Befreier von jahrhundertlangem Joche sehen. Die traurige Lage und entwürdigende Behandlung der Juden in der vorrevolutionären Zeit ist allzu bekannt, um hier nochmals beleuchtet zu werden. Einige Milderungen hatte in Frankreich schon Ludwig XVI. verfügt; in Oesterreich war unter dem josefinischen Regiments ein kurzer Freiheitssommer über Judäa hereingebrochen, in Preußen, wo selbst der Fürst, der jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollte, sich den Bekennern des mosaischen Glaubens recht abgeneigt zeigte, war die berühmte Schutzschrift von Dohm*) wenigstens den Aufgeklärten eine Art Kanon für ihr Verhalten, gegenüber dem Judentum geworden. - Aber von einer völligen Emanzipation des geknechteten Volkes waren alle Staaten des ancien regime weit entfernt, bis aus Mirabeaus Munde die Donnerstimme des Weltgerichtes gegen dynastische, prinzlicheund ständische Frevel erklang und vor ihrem Posaunenschalle die''Tore der finsteren Ghettos aufsprangen. Es war also schon die Revolution gewesen, nicht eigentlich . erst Napoleon, der den Juden die Freiheit gab. Aber auch in dieser Hinsicht heimste der Korse, der große Exekutor der Revolution, deren Früchte ein. Wie man ihn wegen der Durchführung des Prinzips, der Gleichheit verehrte und, lobte, wegen der Konskription, des scharfen Prohibitivsystems und ' der Gründung des Rheinbundes ebenso unangemessen, tadelte und 'haßte, lauter Dinge, die'er für seine Person gar nicht erfunden, sondern von früheren französischen Regierungen, Konvent und Direktorium, manche sogar vom absoluten Königtum Ludwigs XIV. ererbt und übernommen hatte, so. ward er auch als Befreier der Juden gepriesen, obwohl verschiedene seiner späteren Maßnahmen eher gegen das •_ Judentum gerichtet als zu-dessen Gunsten getroffen waren. Auch den in'den deutschen Rheinlanden wohnenden Israeliten, wenigstens den linksrheinischen, war schön durch die Revolution das langersehnte Geschenk der Freiheit in den Schoß geschüttet worden. Die in das' Land gekommenen Franzosen hatten vor allem dem Leib- . zoll ab geschafft, diese erniedrigendste aller Abgaben, die, wie der charaktertüchtige schwäbische Politiker Friedrich Pahl damals sagte, lediglich zum Beweise dafür Ungeordnet zu sein schien, „daß man die Juden nicht als Personen, sondern als eine Art von Ware betrachte, wie z. B. ein paar Stiere". Während im Innern Deutschlands -wesentlich n alles beim : alten blieb und beispielsweise in Berlin gerade Dm ersten Dezennium des neuen Jahrhunderts auch, aus schriftstellerischen'Kreisen — es mag genügen, die Pannen eines Grattenauer und Buch Holz zu 'nennen viele feindselige Stimmen gegen das Judentum laut würden, hatte Napoleons auf das rechte Rheinufer hinübergreifende Macht in dem zuerst seinem Schwager Murat übergebenen, dann von dem Kaiser selbst in Verwaltung genommenen Prößherzogtum Berg die'Befreiung der"'Juden/vom" alten'Joche, bollzögen,' Die''HäuMaU. d'ieses näpoleönifchen Eintägsstaätes aber war Düsfeld.orf, Heines Geburtsort, den der Dichter so sehr liebte und an den er auch in späteren Jahren Nicht denken Konnte,/ 'ohne Pas, Gefühl, zü 'haben," er müsse „gleich nach''Hause "gehen". "FAr"" bie Düsseldorfer Inden' war 'mithin Pastoleon, her auch in dem Großhe'rzogtnme' 1808'die Leibeigenschaft äushob," 1809 die Beseitigüstg sämtliche Lehen verfügte' und' drei Jahre später die fortgefchriktene ^ran- > zösische ^Justizverfasfung .emführte, - ' der"'Erlöser aus drückender "Knechtschaft'."' ' ' *) Die Schutzschrist, von Dohm, ist im Jahre 1793 zu Berlin erschienen unter deiU'TiÜk: '„Ueber-^die burgtrUche-Berbe'ssekünü bei? Juden." Dohm w'ar'- ein chöher-err preußischer Mainier/Wer mit W^-' geisterung die Ideen, welche Lessing einst betreffs der Toleranz-verkündete, ausgenommen hatte.

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