Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 48 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 6. Ich wünsche Ihnen von Ihrer Arbeit recht guten Ertrag, die wahrlich nicht ganz leicht war. Verschicken Sie nur recht viele -Exemplare an die Zeitungen und rühren Sie die Reklametrommel. In großer Hochachtung Ihr ergebener Prof. D. Dr. A. Wünsche." Besonders erfreut zeigte er sich, als ich ihm anfangs 1909 eine Nummer des Hamburger „Jüdischen Familienblattes" eingesandt hatte, in welcher der erste Teil der oberwähnten Studien über talmndisches und römisches Recht abgedruckt war. Da ersuchte er mich um Fortsetzung, die ich ihm einige Zeit später nach ihrem Erscheinen auch abgesandt, welche Sendung er mir mit folgendem Schreiben beantwortete: „Sehr geehrter Herr Doktor! Wie Sie die eine Nisobne in Baba-mezia behandeln, so sollte das ganze Zivil- und Kriminalrecht behandelt werden, immer vergleichend mit den Institutionen und Pandekten. Professor Dr. Köhler in seiner Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft sucht dergleichen Aufsätze. Sie müßten aber die Diskussion der Gemara mitgeben. Die widersprechenden Ansichten ^müßten erörtert und klar dargelegt werden. Wenn diese Arbeit geleistet ist. dann sind wir in der Talmudforschung einen bedeutenden Schritt weiter. Aber darüber kann noch ein Jahrhundert vergehen, geleistet aber muß die Arbeit werden. Haben Sie besten Dank für die Uebersendung und ich bitte .um die Fortsetzung. Mit bestem Gruß Ihr Prof. A. Wünsche." Als ich nun seinen im Jahre 1909 erschienenen 3. Teil des Werkes: „Aus Israels Lehrhallen", welches die Nsssias- Hagada, das Noa-Bnch und die Rezensionen über das Embryo im Mutterleibs rc. behandelte, sowie seine bereits früher erschienene Arbeit: „Der Prophet Hosea" nach dem „Nedraseb. .Jalkut Scbimoni“ gelesen hatte, ein Werk, das ich kaum dem Namen nach kannte, so war ich von der Schönheit und wissenschaftlichen Gründlichkeit beider Arbeiten geradezu entzückt und fragte mich im Stillen: Wie ist es möglich, daß ein christlicher Gelehrter sich in das jüdische Schrifttum so versenkt, daß er die dort verborgenen Schätze hervorholen und sie in so schöner und -fesselnder Form dem deutschen Leser vorlegen kann. Als ich ihm nun meinen Dank für den Geistgenuß seiner Arbeiten brieflich aussprach und einige Hiobkapitel in meiner metrischen Uebersetzung eingesandt hatte, kam mir von ihm folgendes Schreiben zu: „Sehr geehrter Herr Doktor! Um den Brief nicht zu belasten, heute nur wenige Worte. .Ich übersende Ihnen zunächst das Hiobkapitel, das ich recht gut finde. Denn, wie ich die Hosea bearbeitet habe, so ist auch der Joel von mir erschienen. Von den Lehrhallen ist bereits der vierte Band heraus, der Sie ganz besonders interessieren wird, indem er ethische Midraschim bringt. Wissen Sie nicht, daß ich -auch den ganzen Midraschrabbi in zehn Bänden, die Posikte des Rab Kahana. den Midrasch v'b'.-m, die Sprüche Salomons. -ferner die hagadischen Bestandteile deskjerusaleminischen und babylonischen Talmud übersetzt habe. Das ist doch mein eigentliches Lebenswerk. Ich freue mich, daß Sie einen Verleger gefunden haben. Besten Dank. Ergebenst Ihr A. Wünsche. Das letzte Schreiben vom Februar 1911 kam von ihm bei Vorlage meines Manuskriptes vom Hohen Lied zu, wo er sich mit wahrer Begeisterung für dieses Lied anssprach, das er als Unikum der Weltliteratur bezeichnete. Dieses Schreiben sei hier, mitgeteilt: Geehrter Herr Doktor! Sie werden wohltun. wenn Sie das Hohelied gereimt -übersetzen wollen; hie und da. wo ich Fragezeichen gemacht habe, etwas freier zu übersetzen, so daß nur der Gedanke getroffen wird, andernfalls würde die Sache gesucht erscheinen. Ich freue mich, daß Sie in Ihrer Muße fortfahren, sich mit dem Alten Testamente zu beschäftigen. Das Hohelied ist ja ein lUniknm in der Weltliteratur. Keine Nation des Altertums hat ein solches Literaturdenkmal aufznweisen. Welche Innigkeit, Lartheit der Empfindung ist darin! Hochachtungsvoll mit bestem Gruß Ihr ergebener Prost Aug. Wünsche. Erwähnenswert ist gewiß die Tatsache, daß Prost Doktor Wünsche, den Rohling in einer seiner Schriften als getauften Juden bezeichnet hatte. dem Dr. Bloch über dessen Wunsch seinen Taufschein sowie-den Taufschein seines Vaters eingesandt hat, nach welchem er am 22. Juli 1838 geboren und 26. Juli 1838 getauft, sein Vater, Gartenbesitzer und Schuhmacher, am 1. November 1804 geboren und 4. November 1804 getauft war. Als Kuriosum sei auch erwähnt, daß er seine Briefe gewöhnlich Brünn (in Böhmens adressierte, was wohl nur darin seinen Grund haben mag, daß man in Sachsen ganz Deutsch-Oesterreich nach Böhmen als sein Nachbarland zu verlegen gewohnt ist. Das Judentum verliert in Dr. Wünsche gewiß einen seiner vornehmsten wissenschaftlichen Schriftgelehrten, der als Christ znr Ehre des Jndentumes, resp. der jüdischen Wissenschaft mehr beigetragen hat, als manches Rabbinerkolleginm. Mil Wünsche verliert aber auch die christlich-orientalische Gelehrtenwelt eines seiner würdigsten Mitglieder, das die deutsche Wissenschaft mit den verborgenen Schätzen der jüdischen Literatur'bekannt macht und so unserer vom Antisemitismus und dem Ritnalmordwahn durchseuchten Generation gezeigt hat, daß nicht nur das Alte Testament, die Bibel, sondern auch die talmudischeLiteratur im großen und ganze» auf ethischer Grundlage ruht. Mit August Wünsche ist aber auch einer jener immer seltener werdenden, edlen Charaktere, jener Lichlgestalten, geschwunden, die trotz der — wie er sich in seinen Briefen öfters beklagt — ungünstigen materiellen Erfolges ihrer geistigen Arbeit dennoch unentwegt das für Recht erkannte Ziel ihrer Bestrebungen mit eiserner Konseguenz. mit wahrem Idealismus bis zu ihrem Lebensende weiter verfolgen. Ehre seinem Andenken. Dr. M. Epstein, emer. Advokat, Brünn. Protestlnttldgelttmgett in Jerusalem. Vom Zionistischen Zentralburean in Berlin werden wir um Aufnahme nachstehenden Berichtes ersucht: Der Hilfsverein der Deutschen Juden versendet ein Kommttttigus über den Empfang, den Dr. Paul Nathan bei seiner Ankunft in Jerusalem gefunden hat, und spricht dabei von dem „Ausbruch von Unruhen in zwei Anstalten des Hilfsvereins — im Lehrerseminar in Jerusalem und in der Knabenschule in Jaffa — welche durch maßlose Agitationen zugunsten der Forderung, daß künftig die hebräische Sprache die ausschließliche Unterrichtssprache werden soll, entstanden sind." Gegenüber dieser mindestens einseitigen Darstellung muß es die jüdische Oeffentlichkeit interessieren, wie sich die jüdische Bevölkerung Palästums in Wahrheit zu dem bekannten Beschluß des Kuratoriums, aus dem neuen Haifaer Technikum und der Mittelschule die hebräische Unterrichtssprache auszuschließen, stellt. Wir teilen deshalb im folgenden nur einige Tatsachen mit und überlassen es dem jüdischen Publikum, den Schluß aus diese» Tatsachen und der Darstellung des Hilfsvereins selbst zu ziehen. Unmittelbar nach Bekanntwerden der erwähnten Entscheidung des Kuratoriums beschloß der palästinensische Lehrerverband ^Msrkas Hamorim", dem nahezu sämtliche jüdischen Lehrer Palästinas, auch die der Hilfsvereinsschule» angehören, sowohl über die Mittelschule, als auch über das Technikum den Boykott zu verhängen und zwar sowohl Lehrern als auch Schülern gegenüber. In Jaffa und i» Jerusalem traten die Schüler des Seminars und der. oberen Klassen der Hilfsvereiusschnle, ebenso wie die Lehrer i» einen Proteststreik ein. Für die streikenden Lehrer und Schüler wurde eine Streikkasse gegründet. In Haifa fand am 15. November ein Protestmeeting unter freiem Himmel statt, zu dem fast die gesamte jüdische Bevölkerung Haifas erschien. Eine Resolution, in der die Unterzeichner erklären, mit allen Kräften gegen die Beschlüsse des Kuratoriums anznkämpfen, wurde unterschrieben von den Vorständen der aschkenasischen und der sephardischen Gemeinde in Haifa, der Paul Nathan-Loge des U. O. B. B., der Karmel-Loge, des Order of Ancient Maccabaeana, dem Konnte der Mittelschule des Hilssvereins der Deutsche» Jude»