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Die Wahrheit · 1913-12-12 · Heft 48 (12.12.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 48 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 48. Eine spate Ehrenrettung. Bon Prof. Dr. Kahan, Znaim. Wenn der gebildete Europäer einen Heuchler, einen Scheinheiligen, einen falschen Menschen in seiner ganzen Erbärmlichkeit charakterisieren will, so sagt er von ihm einfach, er sei — ein Ph arisäer! -— Pharisäisch ist der Inbegriff aller Schlechtigkeit, aller Niedrigkeit der Gesinnung. Hat doch kein Geringerer als der Gottmensch Jesus Christus die Pharisäer in Bausch und Bogen als H e u ch l e r, N a r r e n und Blinde, als oollerHeuchelei u n d U 11111 g e 11 d,'ja als Schla ngeu und Otterngezüchte hingestellt!*) Kann da ein gewöhnlicher Sterblicher von den Pharisäern anders denken? Gewiß nicht. Die Sache hätte aber weiter nichts auf sich, wenn die Pharisäer eine längst verschwundene Art von Menschen wären, wie etwa die Essäer und die Sadduzäer. Es hätte höchstens ein geschichtliches Interesse, zu wissen, wie schlecht die Gegner Jesu waren. Nun aber leben die Pharisäer noch und werden hoffentlich noch recht lange leben, denn die Pharisäer — das ist jetzt das ganze jüdische Volk, und wenn der Pharisäer der Inbegriff aller Heuchelei und aller Schlechtigkeit ist, dann ist es auch der Jude! Ist es da zu verwundern, wenn die Anhänger Jesu Christi uns Juden als den Auswurf der Menschheit behandeln und uns aller Schlechtigkeit für fähig erachten? Allerdings haben jüdische Gelehrte längst nachgewiesen, daß die Charakteristik der Pharisäer durch Jesus, in ihrer Allgemeinheit wenigstens, durchaus nicht zntrifft, so daß christliche Gelehrie gezwungen waren auszufprechen, daß das 23. Kapitel des Matthäus, wo eben die Beschimpfungen der Pharisäer enthalten sind, nicht echt sei. Nicht Jesus, sondern die späteren dem Judentum feindliche Kirche habe diese falsche Charakteristik der Pharisäer in die Welt gesetzt! — Das waren aber vereinzelte Stimmen, die von der Masse nicht gehört wurden, und der Pharisäer blieb — das größte Schimpfwort! . Nun hat es ein englischer Geistlicher gewagt, den Namen .Pharisäer" zu Ehren zu bringen. In seinem Buche „Das pharisäische Judentum" (Leipzig, bei Gustav Engel) hat R. Travers Herford mit viel Geist und gründlicher Sachkenntnis das Wesen des' Pharisäismus klar gelegt und den Mut aufgebracht zu behaupten, daß Jesus, bei der hervorragenden Größe, die er ihm zuspricht, dennoch unfähig war, den Standpunkt der Pharisäer zu verstehen! Die Pharisäer wiederum konnten nicht anders, als Jefnm verwerfen! — Man bedenke: Das sagt ein Mann, siir den Jesus der größte Mensch war, der je gelebt! Allerdings hat er den Beweis dafür nicht erbracht, uud die Jrrtümer und Einseitigkeit, die er ihm nachweist, lassen ein anderes Urteil zu. Während schon Abraham Geiger ausgesprochen hat, daß Jesus nichts Neues gebracht hat, will Harford manches Nene bei ihm finden, natürlich mit Unrecht. So ist seine Behauptung, das Vaterunser habe als Ganzes keine Parallele in jüdischen Quellen, durch Robertsons Ausführungen widerlegt. (Die Evangelien- Mythen, 191 ff.). Jedenfalls hat er klar nachgewiesen, daß die Polemiken und Vorwürfe Jesn den Pharisäern gegenüber keinerlei Berechtigung hatten. Noch schärfer ist sein Urteil über Paulus, dessen Darstellung des Judentums er „im besten Falle eine Verzerrung, im schlimmsten eine Erdichtung, eine besonders schwere Verunglimpfung" nennt! — Einen Pharisäer läßt er folgendes zu Paulus sprechen: „Du sagst, Gottes Zoru fei ausgegossen über die ganze Menschheit mit Ausnahme der Auserwählten; Du sagst von Christus, daß er in irgend einer Weise der Mittler sei, diese Auserwählten zu erlösen. Für uns aber gibt es keinen Christus; denn wir brauchen keinen, nur den Messias, der kommen wird, wenn es Gott gefallen wird, und der anderes tun wird, als der, von dem Du sprichst. Aber wir brauchen niemanden, der uns vor unserem Vater im Himmel zu retten oder bei ihm Fürsprache für uns eiuzulegen hätte, wenn je er sich von uns wendet. . . . Wir blicken zu ihm auf als zu *) Matthäus Cap. 23; unserem Helfer und unserem Schirm, unserem Vater uud Herrn, unserer Kraft und unserem Erlöser. Und er wendet sich nicht weg von uns. Gehe Du und bete ihn an, wie Du willst, und wenn die Thora Dir nicht mehr das ist, was sie Dir einst war, dann suche Gottes Offenbarung anderswo und höre seine Stimme in anderen Tönen. Was uns betrifft, wir wollen bleiben bei dem, was wir gelernt haben, da wir wissen, von wem wir es gelernt haben. Und so lange wir dem Glauben treu bleiben, den Gott Israel verliehen hat, als er es zu einer Nation machte und ihm die Thora gab und die Propheten erstehen ließ und die Psalmisten sandte und weise Männer, ihre Brüder zu belehren, so lange soll Gott der Herr mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war!" So spricht ein Christ, der das Judentum nicht aus den Evangelien, sondern aus den Quellen des Judentums kennen gelernt hat. Sollte das nicht für den gebildeten Juden ein Ansporn sein, die Quellen des Judentums s e l b st kennen zu lernen? Wahrlich, in diesem Falle würde Selbsterkenntni s — Selbstachtung mit sich bringen! Zur Grinnermlg an Prof. Dr. August Wünsche. Die Nachricht von dem Tode des Prof. Dr. August Wünsche in seinem 75. Lebensjahre hat mich, den 79jährigen, wie ein Donnerschlag getroffen und mein Herz tief erschüttert; denn> wenn ich ihn auch nicht persönlich kannte, so stand ich doch noch bis in die letzten Jahre mit ihm in regem schriftlichen Verkehr. Seine eigenhändigen Schriftzüge.zeigten keineswegs die verschwommenen Züge eines greisen Gelehrten,, sondern die einer festen Haod im kräftigen,Mannesalter und der Inhalt seiner Briefe nebst Liebenswürdigkeit auch noch Lebensmut, und Lebensfrische. Wohl war mir fein Name als protestantischer: Gelehrter auf biblistifchem Gebiete aus dem Prozesse des Doktor Bloch gegen Rohling 1886 als Sachverständiger bekannt, aber, seine Schriften selbst waren mir fremd geblieben. Als im Jahre 1905 nach meiner Zurücklegnng der Advokatie meine erste Arbeit auf biblistifchem Gebiete: „Dle prozessualen Rechtsgrundsätze der Inden in biblistischer und uachbiblistischer Zeit" in der „Monatschrift der österreichischen israelitischen Union" erschienen war, wurde ich in einer hiesigen Buchhandlung auf das damals erschienene Werk: ^Uauaw.6liba Judaica“ aufmerksam gemacht. Als ich des ersten Teiles dieser großartig angelegten wissenschaftlichen Arbeit ansichtig wurde, war ich über die Fülle und Gründlichkeit der Verarbeitung dieses schwierigen Stoffes erstaunt. Das gab mir Veranlassung, ihm die obige Broschüre sowie ein Manuskript „Eine Studie über talmndisches und römisches Recht" einzusenden. Darauf kam mir von ihm folgendes Schreiben zu: „Albrechtsstr. 15. Hochgeehrter Herr Advokat! Haben Sie recht freundlichen Dank für die Uebersendnng der beiden schönen Arbeiten, leider muß ich sie Ihnen retournieren, da ich nicht die zuständige Instanz bin, die über die Aufnahme in die „Moniiin“ zu entscheiden hat. Haben Sie die Güte, die Arbeiten nach Wien an den akademischen Verlag zu richten, mit dem Vermerk, daß es aus meiner Veranlassung geschehen sei. Für die gedruckte Abhandlung „Prozessuale Rechtsgrundsätze" meinen besten Dank. Ich werde auf die Abhandlung, sobald ich Gelegenheit finde, zurückkommen. Hochachtungsvoll ergebenst Prof. D. Dr. August Wünsche."; Als ich ihm dann ein Jahr später das Manuskript „Alttestamentarische Poesien" zur Durchsicht einsandte, war er so liebenswürdig, die ganze Arbeit nicht nur zu revidieren, sondern seine Korrekturen vom ersten bis zum, letzten Bogen mit eigener Hand beizusetzen. Als ich ihm nun die-gedruckte Arbeit vorlegte, schrieb er mir im Oktober 1908: „Sehr gehrter Herr Advokat! < Haben Sie besten Dank für die Zusendung der „Poesien des alten Testaments", die sich, wie ich sehe, sehr gut machen.

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