Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 47 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 47. meinde zu würdigen verstehen, nur R. Sender Pfeffermann, der Allgewaltige, blieb stets bis hinauf zugeknöpft und nahm, so oft er dem Rabbi begegnete, die strenge Amtsmiene eines Vorgesetzten an, der allein im Orte zu gebieten das Recht besitze. Rabbiner Dr. Abrahamsohn ließ nicht im entferntesten merken, daß ihn das uuqualifizierte Benehmen des Präses irritiere, denn er dachte: ich erfülle pünktlich meine Pstichten, erfreue mich der .allgemeinen Liebe und Achtung, so daß niemand Ursache hat, mit mir unzufrieden zu sein, was kann also der Eine mir anhaben, besonders, wenn ich ihm gar keinen Anlaß gebe, mir zu grollen. So vergingen ganz ruhig die ersten zwei Jahre. Nach Verlauf derselben jedoch wurde der Präses Pfeffermann schon ungeduldig, denn—so dachte er, wenn das so weitergeht, wird dieser Mann nach Ablauf des dritten Jahres schwer fortzubringeu sein — ich muß daher rechtzeitig alle Hebel in Bewegung setzen, nm ihn auf die feinste Weise hinausekeln zu können. Bei der ersten Begegnung mit dem Rabbi machte er ihm folgende Enthüllungen: „Sie scheinen, mein lieber Herr Rabbiner, den Leuten, die Ihnen so viel Anerkennung zollen und Ihre Leistungen in überschwänglicher Weise loben, zu viel Vertrauen zu schenken. Wie oft schon haben gerade diese Ihre Freunde bei mir Klagen gegen Sie, respektive gegen Ihre so wenig entsprechenden Leistungen geführt, so daß ich mich mit meiner ganzen Macht für Sie eiusetzen mußte, um Sie schützen zu können. Natürlich habe ich, so oft ich mit Ihnen zusammen kam, nichts von all diesen Vorfällen erwähnt, nm Ihnen keine bitteren Stunden zu bereiten. Da kam einer zu mir und sagte: „.Der neue Rabbi ist ein großer Fanatiker, verhetzt uns die Kinder, indem er ihnen bei jeder Gelegenheit sagt, daß wir schwere Sünden begehen, den Sabbath entweihen, nicht rituell zubereitete Speisen genießen usw. Ein anderer klagte wieder darüber, daß Ihre Predigten oft länger als eine halbe Stunde dauern und daß Sie überhaupt die Zuhörer mit Ihrem ewigen Moralisieren langweilen; ein dritter war ganz konsterniert darüber, daß Sie einmal am Sabbath der Neumondsverkündigung eines leichten Schnupfens wegen zu predigen unterließen usw." Ich fürchte sehr, daß dieser Posten für Sie nicht von langer Dauer sein wird. Sie brauchen sich aber darüber durchaus nicht zu grämen. Sie sind noch jung, besitzen eine vorzügliche Rednergabe, gründliche talmudische Kenntnis und überhaupt allgemeine Bildung, haben es daher nicht nötig, sich an einen Ort, wo man Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten nicht zn würdigen versteht, zu klammern. Als aufrichtiger Freund rate ich Ihnen daher, die Zeit, die Sie vertragsmäßig noch hier ztt verweilen haben, sorgfältig zu benützen, fleißig Umschau zn halten, damit es Ihnen rechtzeig gelinge, in einer alten Gemeinde, wo noch bei der Anstellung eines Rabbiners auf gründliches talmudisches Wissen und Frömmigkeit Hauptgewicht gelegt wird, emen Ihrer Begabung entsprechenden Rabbinerposten zu erreichen. Der kluge Rabbi eutgegnete: Ich danke Ihnen bestens, sowohl für die Enthüllungen, die Sie mir zu machen, wie für deu wohlmeinenden Rat, den Sie rechtzeitig zn erteilen die Güte hatten, und seien Sie versichert, daß ich — nachdem ich weiß, woran ich hier bin — gewiß nicht darauf ankommen lassen werde, nach Ablauf des Trenniums existenzlos dazustehen. Die Welt ist doch wohl nicht mit Brettern vernagelt, ehrliche, fleißige, strebsame Menschen, die redlich und gewissenhaft ihre Pflichten erfüllen, finden immer Beschäftigung, können llch immer ihr Brod verdienen. Nachdem sich der Herr Präses entfernt hatte, tat der Rabbiner seinen Angehörigen gegenüberfolgende Aeußerung: Dieser gute Mann lebt in dem Wahne, daß ich ihn noch nicht durchgeblickt habe, seine Schliche und Kniffe nicht kenne, ihn sogar für das. wofür er sich ansgibt — für einen Ehrenmann — halte und jedem seiner Worte vollen Glauben schenke. Ich lasse ihn dabei, obwohl ich vom Gegenteil dessen, was er mir milgeteilt, fest überzeugt bin. Allein trotz der allgemeinen Achtung und Liebe, die ich mir hier erworben, muß ich doch recht bald alle Hebel in Bewegung setzen, um rechtzeitig in den Besitz eines anderen Rabbinerpostens gelangen zu können, denn dieser Pfeffermann ist hier wohl nicht geachtet, aber sehr gefürchtet. Ich habe genügende Ursache, zu befürchten, daß er, wenn mein dreijähriger Vertrag zu Ende gehem und es sich um die Erneuerung desselben handeln.wird, dagegen stimmen und seinen Willen durchsetzen werde, weil-die anderen Vorstandsmitglieder, obwohl sie meine aufrichtigen Freunde sind, es nicht wägen würden, ihm, dem Vielverinögenden, Opposition zn machen. Jetzt heißt es unr recht fleißig Umschau halten. Am zweiten Sabbath nach der Unterredung-die' Pfeffermann mit dem Rabbi — es war gerade Neumondsverkündignng hielt er die obligate Predigt, die, wie gewöhnlich, allgemeinen Beifall gefunden. Zufällig war auch ein fremder Großkanfmann, und zwar Herr N. ans A., einer altenacht-' baren Gemeinde, der im Z. geschäftlich zu Inn hatte, im Tempel anwesend. Obwohl er im jüdischen Restaurant speiste, hat doch niemand in der ganzen Gemeinde erfahren, wer und woher dieser fremde Herr sei. Die Predigt des Rabbiners schien ans den fremden Gast einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, denn er hatte^ sich im Gespräch mit den Leuten, wenn auch indirekt, recht lebhaft über die Gemeindeverhältnisse, wie über die Lage' der Kultusbeamten erkundigt. Um jene Zeit beabsichtigte der Vorstand der Gemeinde I.. den seit einem Jahre erledigten Rabbiuerposten aufs neue zu besetzen. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Herr Rabbiner Dr. I. Taglicht wird im Fünshauseri Gemeindetemvel am Freitag, den 6. Dezember beim Abendgottesdienste eine Gastpredigt halten. Wien. Freitag, den 5. Dezember, abends, Predigt des Herrir Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n im Floridsdorfer Tempel. Wien. (Israelitische Kn ltu s g emein d e W i en.) Diens- . tag, den 9. Dezember 1913, um 6 Uhr abends, findet im Leopoldstädter Tempel, II., Tempelgasse 3, eine vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeiude in Wien veranstalte Gedächtnisfeier für den verewigten Rabbiner dieses Bethauses, D r. Adolf S ch m i e d l s. A. statt. Die Trauerrede hält Herr Rabbiner Dr. Max G r u u w a l d. „ Wien. (Emigranten für sorge der Israelitischen Allianz zu Wien.) Während des Monates November 1913 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 351 Emigranten, davon 293 russische und 58 rumänische, weiterbefördert, U. zw.: 223 nach den Vereinigten Staaten,33 nach Argentinien, 49 nach Kanada, 4 nach England, 32 nach Frankreich und 10 nach anderen Ländern. In ihre Heimat zurückbefördert wurden 18 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden im Monate November für 35 Personen zstsammen 88 Tage Logis und volle Verpflegung bezahlt und an 116 Personen zu-' sammen 385 Speisemarken für die israelitische Volksküche ausgegeben. Wien. Ueber Einladung der „Zentralstelle für das jüdisch e A rm en w es en i n W i e n" wird Frau Stefanie Forchheimer- Fialla ans Frankfurt a. Main, Mittwoch, den 10. Dezember a. c.- 7 Uhr abends im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereines einen Vortrag über: „Iü d i s ch e s o z i ä l e Frauenarbeit" halten. Für diesen Vortrag, zu welchem auch die bekannte Vertreterin deutscher jüdischer Frauen, Fräulein Bertha Pappenheim in Frankfurt am Main, nach' Wien.kommt, gibt sich ein lebhaftes Interesse seitens der Wiener jüdischen. Wohlfahrtsvereine kund. Vien. Ueber mehrfache Anfragen teilen wir mit, daß die in voriger Nummer veröffentlichte Kritik des Vortrages I d e l s o h n im „Jüdischen. Museum", uns von Herrn Isidor Löwit, Kantor und Chordirigent der israel.-sevhard. Gemeinde, eingesandt wurde. Wien. (Iüdische Toynbeehalle. XX., Othmargasse 46.) Beginn der Vorträge: An Wochentagen 1/2 8 Uhr, Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Vortrags-Programm für die Zeit vom 6. bis 12. Dezember 1913: Samstag, den 6., Konzert.-.Sonntag, den 7., Thema Vorbehalten. Sekretär- Guido Fuchs gelb. Moritag. den 8.. „Aus Dr. Adolf Schnnedls Schriften". Professor Dr. M. R o.s e n f e l d. Dienstag, den 9., „Die Sintfiutsage". Phil. Dr. N. E. ,P o horilles. Mittwoch) den 10., „Richard- Wagner, sein Leben und seine Werke". Fritz Hohenberg. Donnerstag, den 11-, „Eine Gewiffensfrage". Dr. I. Sainnely. Freitag, den 12., Bibelvortrag. / Wien (Vortrag aus jüdischer Geschichte. Literatur und Kultur.) Donnerstag,, den. 11. Dezember 1913, halb 8 Uhr abends, findet im FestsaalWdes Jngenienr- und Archirekten-Vereines, I., Eichenbachgaffe 9, ein Vortrag des Herrn Rabbiner Professor Doktor Adolf B i a ch ans Brüx, statt. 'Thema: „Ein jüdischer E nz yklop ä d i st aus dem '18. Jahrhund er l". Eintritt frei, ohne Karten. Wien. Herr Mathias Balogh, welcher an den hohen Festtagen mit seinen Funktionen vielen '/Beifall hatte, wurde für das Bethaus' „Tefilath Jeschnrun" zum Oberkantor einstimmig gewählt. Wien. (K l e i n e r B e e t h o v e n s a a l, I.,'Strauchgasse 4.) Am 16. Dezember 1913, um ^8 Uhr abends, hält Herr Richard K r a m e r,.