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Die Wahrheit · 1913-12-05 · Heft 47 (5.12.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 47 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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'öeue 6. Die Wahrheil ' Nr. 47. besonders begabte, junge, marokkanische Juden ebenso wie Balkan-Spaniolen, neben der Aneignung allgemeiner Bildung jenen besonderen jüdischen Studien obliegen können, die sie befähigen, später in ihren Gemeinden als Rabbiner oder Lehrer tätig zu sein. Diese jungen Leute sollen durch Vermittlung der Kenntnis altspauisch-jüdischer Dichter und Philosophen, wie Jbn Gabirol, Jehuda Halevy und Maimonides, ansgelöschte Ueberlieferungen wieder aufleben lassen, welche die Hörer aufs neue an Spanien knüpfen müssen. Hierdurch sollen auch etwaige Erinnerungen an das Land der Inquisition, die sich bei den Spaniolen Menschenalter hindurch erhalten haben mögen, zum völligen Erblassen gebracht und Spanien Sympathien zngewandt werden, die ihm für seine politischen Zwecke überaus zustatten kommen müssen. Diese ganzen Bestrebungen gehen nicht über den angedeuteten Rahmen hinaus und verfolgen keineswegs den Zweck, etwa eine Einwanderung von Sepharden nach Spanien zu veranlassen, obschon sich auch hierfür schon Stimmen erhoben haben, wie z. B. Angel Pulido in seinem bekannten Buche „Die Spanier ohne Vaterland". Im Gegenteil soll die spanische Regierung, obschon die Inden sich bei ihr aller Rechte erfreuen und in Madrid und Sevilla z. B. kleine israelitische Gemeinden bestehen, solche Niederlassungen in keiner Weise zu begünstigen geneigt sein, von der richtigen Voraussetzung ausgehend, daß der politische Nutzen der Spaniolen für das alte Mutterland am besten in solchen Gebietsteilen zum Ausdruck konimen kann, wo sich diese seit Jahrhunderten niedergelassen haben. Um nun einen Anfang auf dem angegebenen Weg zu machen, hat die spanische Regierung, so lange kein Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Literatur vom Parlament genehmigt ist, beschlossen, in der diplomatischen Schule eine Reihe öffentlicher Vorträge über jüdische Kultur in Spanien und die gegenwärtige Lage der spanischen Juden in Marokko und im Orient halten zn lassen, und hiermit auf Vorschlag von Fachgelehrten den Dozenten für semitische Philologie Dr. Abraham Salom Jahuda beauftragt, der, int Orient geboren, in Deutschland seine Studien gemacht hat und nicht nur spaniolisch spricht, sondern auch die Verhältnisse der Sephardim ans' eigener Anschauung aufs genaueste kennt. Diese Berufung beweist, daß es Spanien tatsächlich ernst mit der Absicht ist. die Nachkommen derer für sich zu gewinnen, die es vor 400 Jahren vertrieb. Andere Merkmale lassen dasselbe erkennen. Schon vor Jahresfrist hat Rodolfo Gil einen kleinen Romancero Judeo Espanol zusammengestellt, und die spanische Regierung will diesen Gedanken auf breiterer Grundlage ausbauen und außerdem durch Sammlung der zugehörigen Musik vervollständigen, wozu bereits ein Romanist nach dem Orient -entsandt wurde. Wenn auch im Hintergrund der ganzen Bestrebungen politische Absichten zu erblicken sind, so ist doch zu begrüßen, daß Spanien in. deren Dienst Kulturaufgaben zn stellen geneigt ist, die den Bruch mit einer Vergangenheit von Verfolgung und Inquisition bedeuten. Mne Milliouenerbschaft von Wiener« in Kreslan. Eine zwischen Wien und Breslau schwebende Erbschaftsasfaire, großen Stils, soll in der nächsten Zeit zur Austragung gelangen. Es handelt sich um eine Erbschaft von 50 Millionen Mark, auf die eine Gruppe von Wiener Familien Ansprüche geltend macht. Die Sache betrifft den Nachlaß des vor nahezu 70 Jahren am 27. Jänner 1846 verstorbenen Kommerzienrates Jonas Fraenckel. Derselbe Haltern seinem am 28. Jänner 1846 vor dem königlichen Amtsgerichte Breslau eröffneten Testament eine Anzahl teils Familienstiftungen, teils anderen wohltätigen Zwecken dienender Vermächtnisse errichtet. Sämmtliche Stiftungen traten bereits vor mehr als 60 Jahren ins Leben und wurden durch königl. Kabinetsordre, vom 31. August 1847 als milde. Stiftungen anerkannt, sowie auch ein Fraenckelsches Nachlaßbureau eröffnet. Der Erblasser ernannte ein Kuratorium, welches die Stiftungen zu verwalten hat. ' Nach dem Tode des Erblassers wurde der betreffende Stammbaum vom Kuratorium aufgestellt und weiter geführt, der Erblasser war ohne Deszendenz gestorben und hatte letztwillig bestimmt, daß an den von ihm errichteten Familienstiftungen, nur jene Verwandte teilnehmen, die in gerader Linie von seinem Vater Joel Wolf Fraenckel und dessen Gattin Edel Fraenckel geb. Josef Jonas Fraenckel absiammen. Vor einiger Zeit wurde nun ein Aufruf in einem Blatte veröffentlicht, wonach sich etwa dreißig in Wien lebende Personen meldeten, welche auf Grund ihrer Abstammung von den Angehörigen der Mutter des Erblassers, Frau Joel Fraenckel, ihr Erbrecht geltend zn machen entschlossen sind. Die Interessenten haben einen sehr schweren Standpunkt, nachdem das Kuratorium eine Kopie des Stammbaumes ablehut, jede mündliche Auskunft statutengemäß verweigert wird und jede gerichtliche Intervention im Sinne des Erblassers ausgeschlossen ist. Dem Vernehmen nach findet in kürzester Zeit eine Versammlung in Wien zn diesem Behnfe statt. Verein der Sal»v«tfre»«de „Leiiomre Zekaddos". Am 23. November eröffnete der Verein der Sabbatfreunde seinen Vortragszyklus dieser Saison mit einem Vorträge des Herrn akad. Maler Prof. David Lohn, der über das Thema „Welche Aufgaben hat ein Schomre Schabbos=5ßereht zu erfüllen?" sprach. Dem zahlreichen Publikum, das zn den. ständigen Besuchern der Vorträge dieses rührigen Vereines zählt, gesellte sich diesmal eine, erhebliche Anzahl persönlicher Freunde und Verehrer . des allgemein beliebten, auch als Künstler sehr hervorragenden Referenten. Der Vortragende, der einem streng religiösen Hanse entstammt, ist eine Zierde der jüdischen Orthodoxie. Er. widmet feine Mußestunden am Samstag seiner Familie und dem Studium unseres heiligen Schrifttums. Den Sonntag verwendet, er dazu,' um im Volksheim in uneigennützigster Weise einer großen Anzahl von Schülern aller Konfessionen einen gediegenen künstlerischen llnterricht zuteil werden zn lassen. Seine Leistungen in der Verwaltung der „Talmud Thora“ sind einzig und findet er bei diesen zahlreichen Beschäftigungen noch Zett, in ausgedehntestem Maße für Arme, Witwen und Waisen zu sorgen. Die Erwartungen des Publikums waren hochgespannt; denn man hört nicht alle Tage in Wien Künstler ersten Ranges über jüdisch-kulturelle Dinge sprechen. Die Ausführungen des Redners waren von ergreifender Wirkung. . Seine Darlegungen über die unendliche Wichtigkeit des Schabbos — der das grundlegende Glaubensbekenntnis des Judentums involviert durch seine Anerkennung Gottes als Schöpfer der Welt, durch die Bestätigung des Gedankens, daß alles: Erwerb und Erfolg nur von Gott kommt — machten auch auf den Teil des Publikums, dem die Sabbatidee mehr oder weniger fremd ist, tiefen Eindruck. Der Vortragende richtete einen dringenden Appell an den Verein, sich nicht darauf zu beschränken, nur die leider in Wien nicht zahlreichen Posten, wo Gelegenheit gegeben ist, den Sabbat zn beobachten, durch geeignete Bewerber zn besetzen, sondern hauptsächlich sein Augenmerk darauf zn richten, daß die sabbathaltenden Gewerbetreibenden auch die Möglichkeit haben, zu existieren. Dies sei seiner Ansicht nach nur zn erreichen, wenn man denselben, die jedenfalls mit unsagbaren größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben als die Arbeitgeber anderer Kategorien, Arbeit und Verdienst verschafft. Der Vortragende richtete auch an die Kultusgemeinde die eindringliche Bitte, diesem Vereine, der für die. Erhaltung des Judentums Großes zu leisten berufen ist, in ausgiebigerer Weise, zu unterstützen, als dies bisher der Fall war. Die anziehende Rede, die in geistreich pointierter Weise vorgetragenen Ausführungen des Redners fanden begeisterten Beifall. In der sich an dem Vortrage anknüpfenden Diskussion ergriff Herr Dr. Gustav K o h n, Vizepräses der Israel. Knltusgemeinde und Landesschulrat, das Wort und führte ans, daß

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