Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 47 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Lreite 5. Nr. 47. sucht dem Jndentitm genützt? Hat nicht vielmehr der Antisemitismus inzwischen riesige Fortschritte und das geistige ideale Judentum gewaltige Rückschritte gemacht? Was soll nun das schwache, wehrlose Israel tun, um seine zahlreichen Gegner bekämpfen zu können? , Gleich dem Patriarchen Jakob soll es sich im Gebete zu Gott wenden, dem Gotte Israels, denn „Heil dem, dessen Beistand der Mächtige Jakobs ist;" wie Jakob soll der Jude bescheiden ansrufen: „Nicht meiner Kraft und nicht meinen Fähigkeiten, sondern einzig nnd allein deinem Beistände habe ich es zu verdanken, daß es mir trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen gelungen ist meinen Bestand zu verteidigen. “Wesocliarto es Adonai eloheclio ki Im hanansen lecho konach laasaus. chojil. Nicht ostentativ soll der Jsraelite seine Reichtümer zur Schau tragen, denn das protzenhafte Benehmen ist nur geeignet den Haß und den Neid der Gegner, die so gerne die Fehler einzelner Inden generalisieren, zn erregen; er soll weder unbescheiden, zudringlich, vorlaut in seinen Urteilen, noch kriecherisch und servil sein, sondern Bescheidenheit, Charakterfestigkeit und Selbstbewußtsein sollen ihn zieren nnd schmücken. Stolz soll er sich einen Sohn Israels nennen und mit dem Bewußtsein im Herzen, daß er als Träger einer: großen Idee, ja. der größten Idee in der Geschichte, der Gottesidee, sich stets des göttlichen Beistandes erfreut, soll er dnrch's Leben wallen imd segensreich im Kreise der menschlichen .Gesellschaft wirken, denn nichts ist mehr geeignet selbst-den erbittertsten Gegner zu entwaffnen, als Bescheidenheit gepaart mit Mut nnd Charakterfestigkeit. Ferner soll Israel im Gebete gleiche dem Patriarchen Jakob ansrufen: Hazileni nu mijad ochi. Errette mich, o Vater, vor allem von der Hand meines eigenen B r über s, stehe mir bei, wenn jene meiner Stammesgenossen, die stir Assimilation schwärmen, alle Hebel in Bewegung setzen, um sich auf Kosten unserer heiligsten geistigen Güter, für die unsere Väter jahrtausendelang mit ihrem Herzblute gekämpft, draußen in der großen Gesellschaft Ehrenstellen und Ehrenämter ergattern zu können; dann erst, mijad Esow von meinen äußeren Widersachern, die unschädlicher sind als die a btrünnigen Brüder. Wenn also Israel seine Zuflucht wieder zu Gott nehmen, durch Gründung und Erhaltung ko nfes s i o n e ll er S ch u l en für die Verbreitung der Kenntnis der Thora Sorge tragen, und überhaupt die hier besprochenen.Mittel anwenden wird, dann-wird.'es auch .siegreich aus dem ihm aufgedrnngenen Kampfe hervorgehen, den . Frieden genießen, sich seiner hohen Aufgabe als mamlechet kohanim auf die glänzenste Weise entledigen., und überhaupt alle seine Pstichten treu erfüllen können, so daß selbst seine Gegner werden ansrufen müssen: rak am chochom wenowaun hagoj hagodaul hase, „wahrlich, diese Nation verdient nicht nur nicht verfolgt, bedrückt und verachtet, sondern geehrt, geschätzt nnd gewürdigt zu werden. Ehrenpflicht der Tempelnereine. Löbliche Redaktion! Ihre Randbemerkung zn meinem vorwöchentlichen Artikel „Ehrenpflicht der Tempelvereine" veranlaßt mich demselben Nachstehendes hinznzufügen: Ein weiser Rabbi hat mit Bezug auf 01 ^2 den Ausspruch getan pr pfc nan Jiwa-j rra „ein Tempel gleicht dem Paradiese": Der Eintretende läßt die Sorgen draußen, eine Stunde der Andacht im Gotteshaus verbracht, genügt, um wieder mit neuem Mute den Kampf für das Leben aufzunehmen und etwaigen widrigen Schicksalen ein mit Geduld gerüstetes Herz entgegen zu tragen. Hier rufen die traditionellen Gesänge jugendliche Erinnerungen wach und mit diesen zieht auch neuer Mut ein — hier hört man Gottesworte durch den Prediger verkünden, Worte, die man leider jetzt in jüdischen Häusern nicht mehr hört, wodurch das Judentum zu erstarken pflegte. Unverwischbar ist der Eindruck. den der Tempelbesuch auf das Gemüt eines Juden ansübt. Es ist daher Pflicht der beiden Hanplpersönlichkeilen, Rabviner und Kamor, welche im Tempel berufen wurden nnacbi rrosfr zu arbeiten uiib darüber zu wachen, daß der Gottesdienst durch seine Würde und Feierlichkeit erhebend und belehrend wirke. Ein guter Kantor ist der Lebensnerv eines jeden Tempels, ein guter Rabbiner ist aber Lebenssaft für das Judentum. Ersterer vermag den Tempel zu füllen, die Zuhörer durch seine Kunst zn entzücken, doch können selbe das Gehörte nicht wiedergeben. Letzterer vermag die Zuhörer derart zu enthusiasmieren, daß diese dann die Worte und Lehren des Predigers im Kreise der Familien und der Bekannten weiter verbreiten. . Es ist daher oberste Pflicht einer jeden Gemeinde, insbesondere der Kultusgemeinde, dahiu zu wirken, daß die Hauptfuuktionäre eines Tempels ohne Kämpfe in der Gegenwart und ohne Sorge für die Zukunft ihrem hohen und schweren Berufe znm Wohle des Judentums obliegen können. Jakob S. Straßberg. Das jndenfrenndllchc Spanier«. Ueber die U m w e r b n n g der Sephardim du r ch Spanien bring: die „Kölnische Zeitung" folgende Ausführungen: Die Stellung der Spaniolen des Orients, d. h. der Nachkommen der 1492 aus Spanien vertriebenen Inden, zu ihrem früheren Mntterlande, ist in Nummer 1454 der „Kölnischen Zeitung" vom 30. Dezember 1912 in sehr bemerkenswerter Weise behandelt worden. Dabei wurde namentlich darauf hingewiesen, wie die Juden des Orients ihrer ehemaligen Heimat noch heute eine treue Anhänglichkeit bewahren, die wohl nichts stärker bekundet als ihr unentwegtes Festhalten an der altkastilischen Sprache, die noch immer unter den Sepharden dem Verkehr des Familienumganges dient. Unter dem jahrhundertealten Einfluß römischer Verfolgungsprinzipien, das Auge gerichtet auf Eroberungen jenseits der Meere oder heimisches Elend und innere Kämpfe, hatte Spanien es bisher nie verstanden, das Beispiel moderner Staaten zu befolgen, die Sympathieströmnngeu für sein Land bald zu verstärken, bald zu erzeugen, um für die Zwecke seiner Politik hinaus entsprechenden Nutzen zn ziehen. Zwar bedeutet schon der französisch-spanische Vertrag über Marokko mit seiner Anerkennung einer vollkommenen Kultusfreiheit für Christen, Mohammedaner nnd Juden in den von Spanien abhängigen marokkanischen Gebietsteilen ein merkliches Verlassen alter Gleise, aber es erschien zuerst doch, als ob hierin mehr ein Zugeständnis an den marokkanischen Teilhaber Frankreich als eine Politisch vorbedachte Maßnahme läge. Sei aber dem, wie ihm wolle, die bisherigen Erfahrungen in Marokko dürften Spanien wohl die Ueberzeugung beigebracht haben, daß mit dem kriegerischen Vorgehen inSpanisch-Afrika eine moralischeEroberungHand in Hand gehen müsse, zu der ihm die in Marokko durch zähe Anpassung viele Jahrhunderte heimisch gewordene Judenschaft der Spaniolen, bei denen die kastilifche Ueberlieferung nie ausgestorben war, die beste Beihilfe leisten könne. Diese Elemente bilden gleichsam eine religiöse und kulturelle Brücke zwischen der in Afrika in Begleitung des Christentums eindringenden europäischen Flut und dem seine alten Vorrechte und Ueberlieferungen verteidigenden Mohammedanismus. In klarer Erkenntnis der Wichtigkeit, die für Spaniens Zukunft in Afrika die Freundschaft des einheimischen Judentums haben muß, das auf die marokkanischen Mohammedaner einen weitgehenden wirtschaftlichen und kulturellen Einfluß ausübt. bereitet sich daher das Land der katholischen Könige vor, den geistigen Interessen der vorhandenen Million Spaniolen eine Heimstätte zu bieten, an der nicht nur seine eigenen diplomatischen nnd konsularischen Vertreter sich über alles ausbilden können, was die in ihren Bereich tretenden Sepharden betrifft, sondern auch die Spaniolen selbst in die Ueberlieferungen eindringen können, die sie mit Spanien verbinden. An der neugeschaffenen Schule zn Madrid für Diplomatie, Konsulardienst und marokkanische Studien soll daher ein Lehrstuhl für jüdische Geschichte und hebräische Literatur, besonders! im spanischen Zeitalter, errichtet werden, dergestalt, daß dort