Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 47 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. . Die Wahrheit .Nr. 47. In einer Traumerscheinung sah er eine Leiter, die auf der Erde standVund deren Spitze gegen den Himmel reichte, ein Bild, in welchem ihm gleichsam im Geiste gezeigt wurde, daß der Mensch sich nur dann von Stufe zu Stufe langsam emporarbeiten und den höchsten Gipfel des Glückes des Ruhmes und der Ehre erklimmen kann, wenn er in Folge der ihm frühzeitig ins Herz gepflanzten religiösen Grundsätze festen Boden zu fassen vermag. Beim Erwachen rief er aus: „0 wie ehrfurchterregend ist dieser Ort! Nicht anders, hier ist' ein Gotteshaus, hier sind die Pforten des Himmels". Er faßte nunmehr den schönen Vorsatz, einst, wenn er mit der göttlichen Hilfe glücklich wieder in die Heimat zurückkehren werde, feine ganze Kraft und sein Vermögen dem Gottesdienste und der Gründung humanitärer Anstalten und gemeinnütziger Institutionen zu weihen und zu widmen, und zog dann weiter. Als er in die Nähe von Charan kam, begegnete er Hirten. „Meine Freunde", rief er ihnen zu. „woher seid ihr? „Wir sind ans Charan", lautete die Antwort. „Kennt ihr den Laban, Sohn Nachars? Kennt ihr seinen Charakter?" „Wir kennen ihn" entgegneteu jene. Nun wenn ihr ihn kirnt, bascholaum lau, so saget mir, ob er friedlicher Natur sei, ob ich, da ich mich dort einige Zeit aufhalteu muß, werde mit ihm in Frieden leben können?" Seholaimi lautete ihre Antwort. Wir glauben, daß du mit ihm gut auskommen wirst, denn Laban, ist ein Mensch, der, wenn er irgend einen materiellen Vorteil erzielen zu können Aussicht hat, sich als der beste friedliebendste Mann gebärdet. Du als junger hoffnungsvoller Manu wirst gewiß von ihm, der heiratsfähige Töchter hat, äußerst freundlich empfangen werden, denn siehe, hier kommt seine Tochter Rachel. " Allein Jakob sah sich bald in seinen Erwartungen getäuscht. Wohl hatte ihn Laban freundlich empfangen, ihm sogar später zugerufen: „Ich habe Ahnungen, daß mich Gott um deinetwillen gesegnet;" es waren aber dies nur leere Phrasen, heuchlerische und bestrickende Redensarten, denn tatsächlich wurde Jakob von Laban nicht nur hintergangen und betrogen, sondern auch sehr gekränkt, gedemütigt. schikaniert und in feiner Ehre und Würde verletzt. Der wehmutsvolle Ausruf: „Am Tage war ich der Sonnenglut und in der Nacht dem Froste preisgegeben, der Schlaf wich von meinen Augen", beweist zur Genüge, daß Jakob im Exil furchtbar viel gelitten hat. Nichtsdestoweniger blieb er standhaft, verzagte nicht und verzweifelte nicht, denn das Bewußtsein, daß er sich, wie sein Vater ihm verheißen, stets des göttlichen Beistandes erfreuen werde, verlieh ihm Kraft, Mut und Ausdauer, das härteste Geschick geduldig und gottergeben zu ertragen. „Wäre nicht der Gott meines Vaters, der Gott Abrahams und die Ehrfurcht Isaaks mein Beistand gewesen, wahrlich, du hättest mich leer weggeschickt." „Mein Elend und meine ehrliche Arbeit hat Gott gesehen und zu meinen Gunsten entschieden", rief Jakob seinem ihn verfolgenden Schwiegervater zu. Nach zwanzig laugen und bangen Jahren konnte endlich Jakob das Exil verlassen, und als er sich anschickte, in die Heimat zurückzukehren, war vor allem sein Streben dahin gerichtet, sich mit Esau zn versöhnen. Obwohl Jakob keine Ursache hatte, Esau zu fürchten, da ihn Gott seines Beistandes versicherte, wünschte er doch, mit Esau versöhnt zu werden, denn er war ein Mann des Friedens und hatte das Bedürfnis, selbst mit seinem erbittertsten Gegner in Frieden zu leben. Er sandte daher Boten zn Esau und ließ ihm sagen: „Bei Laban, meinem größten Feinde, habe ich mich (gartü) als „Fremder" aufgehalten, und obgleich er alle möglichen Mittel angewandt, um mich vollends zu ruinieren, verweilte ich doch unerschrocken bis jetzt bei ihm, ja noch mehr, ich habe mir mit der göttlichen Hilfe geistige und materielle Schätze erworben. Nun gestatte ich mir, es dir mitzuteileu, damit du die Ueberzeugung gewinnst, daß ich mich des besonderen göttlichen Beistandes erfreue und daher unbesiegbar bin." — Nichtsdestoweniger wünsche ich es sehnlichst, mir auch deine Gunst zu erwerben, um friedlich und freundlich mit dir Zusammenleben zu können." Diese offene, mannhafte und doch äußerst höfliche Sprache dürfte im ersten Momente dem gottlosen Esau denn doch nicht imponiert'haben, was ans dem Berichts den die Boten, als sie zurückkamen, dem Jakob erstatteten, zu ersehen ist. „Wir sind wohl zn deinem Bruder Esau gekommen und nun zieht er dir entgegen mit vierhundert kampsgeübten Männern."'Furcht, Angst, Bangen und Grauen bemächtigten sich Jakobs und in seiner höchst traurigen Lage wandte er sich vor Allem im Gebete-zn Gott: Kotaunti. „Ich bin viel zu gering für all die Wohltaten und für all die Treue, die du mir, deinem Diener erwiesen hast; denn bloß mit meinem Stabe bin ich über den Jordan gegangen und nun bin ich zu zwei Lagern geworden." Hier erscheint uns der Patriarch in seiner wahren Größe, in seiner ganzen Glorie, ja in seiner herrlichsten Gestalt. Bescheidenheit ist unstreitig die schönste Tugend, die den Menschen ziert und schmückt. Bescheiden und demutsvoll gesteht der Patriarch ein, daß er nicht seine Fähigkeiten und Geistesgaben, sondern einzig und allein der göttlichen Hilfe, dem göttlichen Beistände sein Glück, wie seine Reichtümer und Schätze, die er sich ans fremden Boden erworben, zn verdanken habe. Niir eine Bitte hat er: Hazileni „Errette mich doch von der Gewalt meines Bruders, befreie mich von der Hand Esau's, ändere seine Gesinnung, auf daß er zur Einsicht komme und dieUeberzeugung gewinne, daß es sündhaft, thöricht und grausam sei, einen Menschen, besonders' einen Bruder zu kränken und'zu verfolgen und sogar seine unschuldige Familie em ol habonim schonungslos zu vernichten. Und diese Bitte hatte auch Erhörnug und Gewährung gefunden, denn Esau hatte ihn nicht nur nicht angegriffen, sondern vielmehr umarmt, geküßt (wajiscbokebu) mit) sich mit ihm versöhnt. Der Anblick der „zarten Kinder" hatte ihn, der selber Familienvater war, erweicht. „Heil dem, dessen Beistand der Mächtige Jakobs ist". Ein ähnliches Geschick hatten auch die Nachkommen Jakobs. Jahrhunderte lang weilten sie auf heimatlichem Boden in Palästina, erfreuten sich ihrer nationalen Selbstständigkeit ilnd des blühenden Wohlstandes. Allein wegen innerer Zerklüftung und Zerwürfnisse mußten sie die Heimat verlassen und in die kalte, frostige Fremde hinausziehen. Zerstreut unter allen Völkern der Erde lebten sie in Not, Kummer und Elend. Ueberall wurden alle möglichen Torturen und Folterqualen für sie ersonnen, überall wurden gefährliche, auf ihre Vernichtung und Entwurzelung zielende Pläne geschmiedet, überall riefen sich ihre Feinde gegenseitig zn: Lechu -wenachecbidem migoj el goj „kommt, laßt uns fest Zusammenhalten, vielleicht gelingt es uns doch, dieses uns so verhaßte Volk zu vertilgen, auf daß der Name Israel auf dem ganzen großen Erdenrnnde nicht mehr vernommen werde." Die Söhne Israels aber 'blieben trotz der Scheiterhaufen, die für sie angezüudet, trotz der Jnquisitionstribnnale, die ihretwegen errichtet wurden, trotz der grausamen Verfolgungen und Bedrückungen, denen sie preis gegeben waren, ihrem Gotte, dem „Mächtigen Jakobs" treu und harrten geduldig aus, bis endlich vor ungefähr sechs Dezennien die Morgenröte der Freiheit zu dämmern begonnen hatte. Kaum aber waren sie nach erlangter Freiheit redlich bemüht, sich die Liebe und Freundschaft Esaus zu erwerben, als dieser vom Neide und Hasse ergriffen, aufs Neue, kampfgerüstet gegen 'sie auszog und seit Jahren unausgesetzt bestrebt ist, das Judentum in Wort und Schrift mit echt mittelalterlichen Waffen auzügreifen, zu verdächtigen und zu verunglimpfen. Der Antisemitismus, dieses Entsetzen erregende, die niedrigsten Leidenschaften erweckende, heillosen Schaden anrichtende Ungetüm hat sichs zur Lebensaufgabe gemacht, die geistige und moralische, die physische und materielle Existenz Israels in Frage zu stellen. Das größte Unglück bei der Sache ist, daß es auch innerhalb des Judentums ehrgeizige Streber gibt, die'angeblich um das Judentum zu retten, tatsächlich aber um ibre eigenen Vorteile .zu erreichen, und ihren unbezähmbaren Ehrgeiz zu befriedigen, sich nicht entblöden, durch ihre Assimilationssncht, wie durch Auflösung der konfessionellen Schule, dieser kräftigsten und mächtigsten Säule des seit Jahrtausenden bestehenden prachtvollen israelitischen Religionsgebäudes, den Antisemitismus zu fördern. Wie viele Existenzen sind seit zwanzig Jahren durch die Auflösung der jüdischen Volksschulen, in zisleithanischen Gemeinden zerstört worden? Und was'hat diese Ässünilations-