Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 47 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien. H/, Nvvaragasse 27 XeUbbou: Redaktion 6609(IV. HuaLHängige Hertschrifi für jüdische Netugopret»: Ännziiidrig .K »*.— Halbiiihrig .'.K 7.— Sbrninifiratiou 4938/11. ft. k. öftere. Postsvarkasiakcvklt'Koino Nr. 100.918. IrrlereAn. Für UnttnSbeainle: - .K IO.— In lernte: Die viermal gejvaltene RouPareille-Zeiie 2L Heller. Erscheint jeden Ireitug. Für Ausland: AdonnemciilS-. und Inserlionslii»»zl!itnig.8 Mark («täfle sind in Wie» zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit.!“ 8 Dtiiöfl oder 18 Sfrt*. Kr M Wie», 3. Dezember U»k3. Inhalt: Der Mächtige Jakobs. — Ehrenpflicht der Tempelvereiue. — Das judeusreundliche Spanien. — Eine Millionenerbschaft von Wienern in Breslau. — Verein der Sabbatfrennde „Lohomre Lohahhos". — Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. — Das Martyrium eines Idealisten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Infolge der mit der Lohnbewegung im Buchdruckergewerbe verbundenen technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung des Blattes ist die Ausgabe der dieswöchentlichen Nummer verzögert worden und bitten wir daher um Nachsicht seitens unserer geschätzten Leser. Die Redaktion. Der Mächtige Jakobs. Bon Dr. H. Friedländer. („Heil dem, dessen Beistand der Mächtige Jakobs ist." Psalm 146.) Schon. in grauer Vorzeit haben die Weisen Israels den beachtenswerten Ausspruch gemacht, daß in den wechselvollen Erlebnissen der Patriarchen die ihrer Nachkommen sich abspiegeln. Wie die Frömmigkeit und Strenggläubigkeit der Patriarchen osl und harr aus die Probe gestellt wurden, ebenso wurden ihre Nachkommen unzähUgemale schwer geprüft und hart heimgesncht; wie die Stammväter die schwersten Prüfungen glänzend bestanden, indem sie unter allen Umständen fest und unerschütterlich auf Gott vertrauten, seinen Verheißungen vollen Glauben schenkten, ohne je zu verzagen , und zu verzweifeln, ebenso haben auch ihre.Nachkommen den furchtbarsten Stürmen aller Zeiten heldenmütig getrotzt, ohne in ihrem festen Glauben an Gott, den Schöpfer des Weltalls, , dem Vater aller Menschen, dem Lenker aller Geschicke, erschüttert zu werden. Und wie die Patriarchen infolge ihrer Strenggläubigkeit und Opserfähigkeit siegreich aus dem Kampfe hervorgingen, ebenso vermochten auch ihre Nachkommen zu .allen Zeiten die gefährlichen Pläne ihrer unerbittlichsten Gegner zu überdauern. Ein Blick in die Geschichte genügt, um uns von der ewigen Wahrheit dieser Bemerkung aufs innigste zu überzeugen. Von dem Patriarchen Jakob, nach welchem seine Nachkommen „Israel" genannt werden, erzählt uns die heilige Schrift, daß er in Folge eines Bruderzwistes frühzeitig schon unsäglich viel leiden, dulden und tragen, die Bitterkeit des Lebenskampfes empfinden, das teure Vaterhaus verlassen und in die kalte, frostige Fremde, ins Exil wandern mußte, um ans diese Weise der Gefahr, von Esau erdrosselt zu werden, entrinnen zu können. Worin aber bestand das große Verbrechen Jakobs, daß Esau ihm nach dem Leben trachtete? Etwa darin, daß der Vater ihm bei. der Erteilung des Segens eine schöne, glückliche Zukunft in Aussicht gestellt? Esau wurde ja auch vom Vater gesegnet, es wurde ja auch ihm eine herrliche Zukunft verheißen? Efaus Haß gegen Jakob war nichts anderes, als die natürliche Folge des Neides und der Mißgunst. Esau erscheint liebenswürdig, großmütig, herablassend, wenn Jakob mit gekrümmtem Rücken eiuherschreitet, wenn er sich duckt, krümmt und beugt, wenn er als Karikatur, als Zerrbild dasteht und den Gegenstand des Spottes, des Hohnes und der Verachtung bildet, wenn er mit Not und Elend zu kämpfen und zir ringen hat, wenn er verurteilt ist, als Packträger keuchend von Dorf zu Dorf, von Stadt zn Stadt zu wandern und bittend und bettelnd an seine (Esaus) Tür zu pochen. Einem solchen Jakob gegenüber erscheint Esau äußerst tolerant und milde, ihn nennt er einen braven und edlen Juden, macht mit ihm bereitwilligst ein Geschäft, d. h. er läßt ihm, natürlich fürs Geld und gute Worte, die für ihn und die Seinen unbrauchbar gewordenen Abfälle zukommen. Und wenn auch dieser Jakob eine andere Sprache spricht als er, anderen Sitten, Bräuchen und Formen huldigt, grollt er ihm doch nicht, denn was liegt Esau daran, welche Sprache Jakob spricht und in welchem Idiom er beter, lehrt, unterrichtet und unterweiset. Esau ist es nur darum zu tun, daß Jakob im sozialen Leben thm nicht ebenbürtig dastehe, ihn nicht überrage und ihn nicht überstügle. Wenn aber Jakob sich aufrafft, emporschwingt und an dem Wettkampf lebhaft beteiligt, wenn er infolge seiner Intelligenz und der ihm innewohnenden Geistesgaben ans allen Gebieten des kulturellen Lebens Bedeutendes zu leisten imstande ist und sich daher berechtigt fühlt, die volle Gleichberechtigung zu beanspruchen, erweckt und erregt er den Neid Esaus, der ihn zu vernichten droht, selbst wenn, oder richtiger weil dieser Jakob sich vollständig nationalisiert und assimiliert und ihm zuliebe, bereitwilligst seinen Glauben, für den seine Väter mit ihrem Herzblute gekämpft, verleugnet und seine heiligsten Güter preisgegeben hat. Weil Isaak dem Jakob zugernfen: „Gott möge dich mit irdischen und zeitlichen Gütern beglücken, auf daß du auch in den Besitz der geistigen gelangest", geriet Esau so sehr in Wut, daß 'er in seiner furchtbaren Aufregung und Erbitterung ausrief: „Sobald die Trauertage meines Vaters herannahen, werde ich meinen Bruder Jakob umbringen". Als Rebekka dies erfuhr, erteilte sie ihrem Sohn Jakob den Rat, sein Heil in der Flucht zn suchen. Auch Jsak, der ihn nochmals segnete, riet ihm, das Vaterhaus zu verlassen, nach Charau zu reisen und dort von den Töchtern Labans sich eine zur Gattin zu wählen. Jakob befolgte den wohlmeinenden Rat der Eltern, griff zum Wanderstabe und zog ins Exil nach Charan. Unterwegs überfiel ihn die Nacht, da nahm er einen Stein, gebrauchte ihn als Kopfkissen und legte sich nieder.