Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 46 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 46. Kultusgemeinde Dn Stern, Landesschulrat D'r. Gustav Kohn, der Rektor der jüdisch-theologischen Lehranstalt Professor Schwarz, Oberrabbiner Dr. Güdemann, die Rabbiner Dr. Fenchtwang, Dr. Grunwald, Dr. Kaminka, Dr. Rosenmanu und Dr. Taglicht, Oberkantor Don Fuchs und die kaiserlichen Räte Änninger, Dr. Lieben und Kanders bei. Der traditionelle Gesang der orienlalifchruIuden und seine Deziehnngen jnm europäischen Synagogengesang. Mittwoch, den 12. d. M. hat der ehemalige Kantor, A. Z. Joel so hu ans Jerusalem, im Festsaale des Jngenieurnnd Architekten-Vereines im Anschlüsse au die Generalversammlung des „Jüd. Museums" über das obige Thema einen Vortrag gehalten, dessen Ankündigung namentlich in den fachmännischen kantoralen Kreisen mit lebhaftem Interesse ausgenommen wurde, da es das erste Mal ist, daß dieses Thema öffentlich behandelt wird und insbesondere in einem wissenMaftlich so bedeutsamen Rahmen; wie das „Jüdische Museum". So hochgespannt aber die Erwartungen waren, so sehr enttäuschte der mit grammophonischen Demonstrationen ausgestattete Bortrag, der bei den kautoralen fachmännischen Zuhörern direkten Widerspruch hervorgerufen hat, und es muß, bevor wir in Details eingehen, von vorneherein sestgestellt werden, daß sämmtliche Konklusionen des Vortragenden, trotz seiner anerkennenswerten fleißigen „Forschungen" falsch sind und nicht in einem einzigen Falle seine Schlüsse annähernd zu rechtfertigen sind. Der sephardisch-liturgische Syuagogengesaug har auch nicht eine, sage nicht eine Melodie während des ganzen Jahres, welche sich mit der betreffenden aschkenasischen Synagogengesangsmelodie deckt oder ihr ähnlich ist. Daß eine Folge von drei bis vier Tönen eine gewisse Aehnlichkeit aufweisen, das bietet noch keinen Anhaltspunkt für eine Stammverwandtschaft. Wenn man zum Beispiel g, a, b—a hört, so kann man doch nicht gut sagen, daß das die Volkshymne von Haydn ist, aber nur dieser Art ist die Aehnlichkeit zwischen den orieutalisch-sephardischen und den aschkenasischen Melodien nach Jdelsohns Auflassung und Forschung. Die grammophonischen Ausnahmen des Herrn Jdelsohn sind jedenfalls eine schätzenswerte Bereicherung des Grammophon-Ar chiv es.*) beweisen aber gerade das Gegenteil von dem, was Herr Jdelsohn aus denselben ableiten will. Die Aufnahmen beschränken sich, zumeist auf die „Neumen“ (Neginot vder Tamini“) beim -Vortrage der „Paraseba, Haftara, Megilla“ li. s. w., welche überhaupt ans den synagogal-liturgischen . Gesang keine Schlüsse zulassen. Es bliebe somit lediglich nur die Vorführung der wenigen rezitativischen Stücke wie „Ata nigleta“ und „Owaus“, welche einen Beweis der Stammverwandtschaft erbringen sollten; leider trifft aber auch dieser Beweis nicht zu, wenn auch hier etwas ähnliche Tonbewegnngen Vorkommen, die in den sogenannten „Adonog mc>l0ob“-Steiger hineiupassen, aber nur so weit wie die früher erwähnte Volks- Hymne. Das Charakteristische der sephardisch-orientalischen Synagogen-Rezitative und zumeist auch der Melodien, soweit sie originell sind, liegt darin, daß sie mit konsequentem Monotonie fortschreitend, Terz, Quart, Quint auf- und absteigend sich bewegen, selten wird eine Sext gehört, eine Bewegung aber,, die eine ganze Oktave umfaßt, also eine volle Tonleiter znließe, niemals. Man hört zum Beispiel: fis, g, a, g, fis — g, a, b, a, g, fis, c, b, a; g, fis, selten wird da ä oben gestreift. Wie kann nun eine solche Tongrnppieruug mit den Steigerskalen oder Siugweisen der aschkenasischen Synagogenliturgie verglichen werden, welche doch volle siebentönige Steigerskalen hat, wie zum Beispiel „Abawo rabbou-©tei.qer e, f, gis, a, b, c, d, e. Aus der Tongruppierung und dem Charakter der sephardischeu Gesangsweiseu ist lediglich das Alter nnd die streng *) Oberkantor Bauer und Schreiber dieser Zeilen wurde im Vorjahre von der Akademie der Wissenschaft zur Begutachtung obiger grammophonischer Aufnahmen geladen. orientalische Art derselben nachznweiseri, da sie zumeist auch mit den liturgischen Gesängen der nichtjüdischen Stämme des Orients, besonders mit denen der Araber nicht nur ähnlich sind, sondern auch dieselbe begrenzte Jntervallenfolge aufweiseu. Leider liegt uns der Vortrag in seiuer^Gänze nicht vor und wir müssen uns bloß auf das Gehörte beschränken, sonst könnten wir,Punkt für Punkt widerlegen. Den vollen Gegenbeweis behalten wir nns für einen Vortrag vor. Es wäre noch so manches über die angeführten 18 gegen 2 Tongeschlechter, über die 24tönige chromatische Tonskala der .orientalischen Musik u. s. w. zu sprechen, dies würde jedoch heute zu weit führen und soll in einem weiteren Artikel 'eingehender behandelt werden.. Geradezu deplaziert war das Zitat Richard Wagners „die Juden sind Krämer in der Musik",, was wohl durch Mayerbeer, Halevy, Goldmark u. s. w., ferner in der Synagogenmusik durch Snlzer, Lewandowsky, Nonmbnrg, Deutsch, Grünzweig, Rubin u. v. A. genügen ad absurdum geführt wurde. Ebenso lächerlich war der Appell an die Synagogenmnsik-Komponisten, sich von den armseligen monotonen Grammophon-Aufnahmen, Anregung zu weiterem Schaffen für die Synagogenmnsik zu holen. Zur Kage der Inden in Kmttänien. Der rumänische Minister des Innern Take Jonescn ist von einem bekanntem französischen Journalisten interwiewt ' worden. Ueber die, Unterredung teilt der Berichterstatter in der „Auroel" folgendes mit: Die jndenfeindlicheu Gefühle des rumänischen Ministers des Innern bilden für Rienianden ein Geheimnis. Take Jonescn ist der Chef der konservativen Partei im rumänischen Parlament und in dieser seiner Eigenschaft läßt er keine Gelegenheit vorübergehen, um in seinen politischen Reden unsere Glaubensbrüder in Rumänien in einer Weise zu apostrophieren, deren Beweggrund leicht erkennbar ist. Auch, von seinem Organe „La Nonmanie" ist es bekannt, daß ihm jede Rücksicht auf die Rechte der Juden, fremd ist. Trotz alledem hielt ich es für nützlich, den Minister zu bewegen, sich über die Jndenfrage ansznsprechen. Als ich das politische Jnterwiew beendet hatte, wies ich ihm meine Legitimation als Vertreter der „Anrore"'nnd sprach: „Exzellenz, Sie werden es gewiß als einen Mißbrauch Ihrer Liebenswürdigkeit ansehen, aber ich hoffe, daß Sie mir die Ehre nicht verweigern werden, an Sie einige Fragen über die Juden Ihres Landes zu richten." Take Jonescn antwortete wie folgt:. ' - „Wie ich Ihnen bereits sagte, ist diese Frage außerordentlich kompliziert, wir denken daran, denjenigen Inden, welche die neuen an Rumänien angeschlossenen Gebiete bewohnen, sämtliche Rechte zu verleihen. Und wir glauben auch, daß die Bitte derjenigen Inden, welche den letzten Feldzug mitgemacht haben, erfüllt werden, könnte, was aber die anderen betrifft, darüber kann ich jetzt nichts sagen." Das ist Alles, was Take Jonescn geglaubt hat, über die Angelegenheit sagen zu müssen und es ist klar,-daß er damit den Willen der rumänischen Regierung kuudgetan hat, in Bezug auf den Antisemitismus nicht hinter Rußland zurückbleiben zu wollen. Das Arbeitsproblem nr Uoiästinn. Die Frage, wie man Arbeitern "durch Bereitstellung von Hans und Garten eine Existenzbasis sichert, beschäftigt in steigendem Maße die besten Köpfe nnd Herzen der vorgeschrittenen Nationen. Den Philantropen fesselt der schöne Gedanke, mit verhältnismäßig geringen Mitteln, einer armen, arbeitsamen Familie ein bescheidenes, aber glückliches Heim zu schaffen. Den Sozialpolitiker leitet das Bestreben, den Arbeitern durch eine kleine Hausnnd Gartenwirtschaft das Ertragen von industriellen Krisen zu erleichtern und ihn gleichzeitig zu verhindern, durch Unterbietung den Lohn seiner Arbeitskollegen zu drücken. Den Grundbesitzer auf dem Lande leitet das Interesse, das Abströmen