Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-11-28 · Heft 46 (28.11.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 46 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063720--08791-3075987
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Wahrheit Seite 5. Nr. 46 Rednern dem Knltnsvorstande der Dank 'dafür ausgesprochen, daß sie Herrn Dr. Max Grnnwald in den Leopoldstädter Tempel berufen haben und wurden zu dieser Wahl lebhaft beglückwünscht. Ans den eigentlichen Zweck der Versammlung übergehend, traten die Tempelvorsteher mit großer Wärme dafür ein, daß auf die nnnmehr vakant gewordene Stelle einer der Tempelvereins-Rabbiner berufen werde. Die segensreiche Tätigkeit, die diese Herren in den verschiedenen Bezirken, wo das jüdische Leben pulsiert, seit vielen Jahren entfallen, wurde rühmend hervorgehoben und besprochen. Mit Genugtuung wnrde konstatiert, daß diese Vereins-Rabbiner, hinsichtlich der Qualifikation und der Tüchtigkeit den vom Knltnsvorstande von auswärts zu Probevorträgen berufenen Herren durchaus nicht nachstehen. — Da warf der alte Herr Hofban er nicht mit Unrecht die Frage auf: „Wenn Ihre Rabbiner gar so gut sind, weshalb wollen Sie sie denn weghaben?" Da diese Frage nicht zur Genüge beantwortet wurde, will ich es in Folgendem zu beantworten versuchen. Nein, mein lieber Herr Hofbauer, wir wollen unsere Herren Rabbiner nicht weg haben, wir wollen sie recht gerbe behalten, aber wie sie erhalteit!? Die Zeiten sind im allgemeinen, insbesondere für uns Inden, sehr schwer. Die Opferwilligkeit der einzelnen Vereinsmitglieder demzufolge im Abnehmen begriffen. Die materiellen Verhältnisse der Tempelvereine sind znm großen Eeile äußerst traurige, so daß sie beim besten Willen nicht in - der Lage sind, ihre Rabbiner auch nur halbwegs standesgemäß zu dotieren, von Pensionen und Relikten-Verforgung gar nicht zu reden: „Hachi achi ata waawadtani chinomu. Sollen diese Rabbiner, die uns so nahe stehen, gegen kärglichen Lohn und „sit venia verbo“ als Rabbiner zweiten Grades ihr Leben lang Dienste leisten.?. Es wäre daher Ehrenpflicht des Kultusvorstandes, diese Herrett Vereins-Rabbiner, welche derzeit auch dem Namen nach Gemeinde-Rabbiner sind und seit vielen Jahren unter schwierigen Verhältnissen Dienste leisten, auf vakant gewordene und besser dotierte Posten zu berufen. Es ist aber besonders Ehrenpflicht der Tempelverein e. mit allen Kräften dahin zu wirken, daß ihre Rabbiner derart gestellt werden, daß sie ohne Kämpfe in der Gegenwart und ohne Sorge für die Zukunft ihrem hohen und schweren Berufe znm Wohle der ganzen Gemeinde nachgehen können.*) — Dann werden wir unsere Rabbiner, die wir lieben und ehren, nicht weg haben wollen und sie also nicht wünschen werden, von den ihnen lieb und teuer gewordenen Stätten wegznkommen, wo sie ein weites Feld für ihre Gott gefällige Tätigkeit haben. Für viele Bezirkskommiffionsmitglieder: Jakob S. S t r a ß b e r g. Professor der Theologie Dr. Hermann jf. Strack «der den Kiemer Prozeß. In einer von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" einberufeilen Versammlung im Beethovenfaal hielt am 18. d. M. abends der Professor der Theologie an der Berliner Universität, Dr. Hermann L. Strack, einen Vortrag unter dem Titel: „Die Ritnalmordbeschuldiguug und die neuesten Prozesse". Sowohl der Name des Redners, der seit Jahrzehnten durch zahlreiche, wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen bemüht ist, den Nitualmordwahn zu bekämpfen, als auch der Gegenstand des Vortrages wirkten zusammen, um den weiten Saal mit einem zahlreichen distinguierten Publikum zu füllen. Professor Strack, mit lebhaftem Beifall begrüßt, erörterte zunächst den Ursprung der Blntbeschuldignng und wies nach, daß diese noch nicht siebenhundert Jahre alt sei und mit dem allgemeinen Glauben an die zauberische und medizinische Wirkung des Blutes znsammenhänge. Bei der schnellen Verbreitung der Beschuldigung *) Wir anerkennen gerne das Eintreten des geschätzten Autors für die Herren Rabbiner, glauben aber, daß es am Platze gewesen wäre, bei diesem Anlässe die geehrten Tempelvereine auch an die Pflichten gegenüber ihren Kantoren zu erinnern. Die Redaktion. haben viele Faktoren mitgewirkt: Haß und Neid, die an die Beobachtung religiöser Vorschriften gebundene Bereitung der Osterbrote, der bei der Passahfeier gebrauchte rote Wein, welchen manche irrig für Blut hielten, und das zur Heilung der Beschneidnngswunde dienende „Drachenblnt", wie das dunkle Harz einiger Palmenarten genannt wird. In seinen weiteren Ansführungen besprach der Vortragende vier ans verschiedenen Gründen wichtige Ritnalmordprozesse. 1. M e tz. Rafael Levi wnrde im Jänner 1670 lebendig verbrannt, weil er angeblich einen dreijährigen Knaben gestohlen haben sollte. Ludwig XIV. annullierte ben ganzen Prozeß, konnte aber leider den unschuldig Verurteilten nicht wieder ins Leben znrückrufen. 2. Könitz. Ernst Winter wurde im März I960 nicht Opfer eines Ritualmordes, sondern, wie die Untersuchung der Leiche und der Kleider seitens der höchsten medizinischen Autoritäten Preußens feststellte, von einem Nebenbuhler des Mädchens erschlagen, mit dem er sich zuletzt eingelassen. 3. P o l u a. Das ganze Verfahren gegen Hilsner war durch antisemitische Flugblätter und Agitatoren stark beeinflußt. Die Geschworenen konnten sich dem Eindruck der aufreizenden Reden der Rechtsanwälte Baxa und Pevny, welche die Privatbeteiligten vertraten, nicht enrziehen. Hervorragende Juristen, wie Professor v. Liszt, Hvfrat Dr. Stoos, Oberlandesgerichtspräsident Freiherr v. Krall, Jnstizrat Dr. Sellv, haben erklärt, die Verurteilung sei zu Unrecht geschehen. Ein Motiv für die Ermordung sei weder inbezng auf Agnes Hrnza, noch inbezng ans Marie Klima auch nur wahrscheinlich gemacht, geschweige denn nachgewiesen worden. Hilsner habe sich-in der Strafanstalt musterhaft geführt. Vor zwei Jahren habe er auf die Frage, ob er begnadigt zu werden wünsche, geantwortet: „Nein, ich will freigesprochen werden. Wenn ich nicht als ehrlicher Mensch draußen leben kann, bleibe ich lieber hier." Endlich der Kiew er Ritnalmordprozeß. Der Vater des beschuldigten Beilis war zwar ein eifrig religiöser Jude, der Sohn aberarbeitete am Sabbath. Schon dadurch ist es ausgeschlossen, daß Beilis, selbst wenn er der Mörder war, die Tat begangen haben sollte, um Blut zu einem Zweck der jüdischen Religion zu gewinnen. Die Geschwornen hatten zwar Beilis freigesprochen. Sehr zu beklagen aber sei, daß durch die Bejahung der ersten Frage die Beschuldigung bestehen bleibe, daß der Mord ein Blutmord gewesen. Die Arbeit an der Aufklärung der großen Massen in Rußland müsse von neuem beginnen. Man müsse befürchten, daß auch in Oesterreich und Deutschland diese Antwort zur Wiederbelebung der Blntauklage benutzt würde. Der Redner zeigte dann, daß nach den medizinischen Gutachten der Professoren Haberda-Wien, Ziemke-Kiel und Forel-Schweiz an einen Blntmord nicht gedacht werden könne. Darauf kritisierte er das vom Untersuchungsrichter in Petersburg eingeholte Gutachten des Priesters Justin Pranaitis. welches ihm im russischen Wortlaute Vorgelegen habe. Dieses Gutachten erkläre den Kiewer Mord für ein typisches Beispiel eines Ritualmordes, aber Pranaitis habe weder die Widerlegung der angeblichen Geschichtsbeweise gekannt, noch selbstständige Studien auf dem Gebiete der jüdischen Literatur gemacht. Alle seine Zitate feien aus Büchern von August Rohling, Justus und Ecker abgeschrieben. Dieser Gutachter habe nicht eine Belohnung für sein Geschreibsel verdient, sondern Strafe für Verhöhnung der Wissenschaft und des Gerichtes. Der Redner drückte seine Befriedigung darüber aus, daß man heilte feine Resolution beschließen wolle, denn eine solche würde die böswilligen Verleumder in ihrer gehässigen Wühlarbeit nicht behindern. Es sei Pflicht sachkundiger und intellektueller Christen, die jüdische Religion gegen Verleumdungen zu verteidigen. Pflicht der Inden sei es, alles ihnen Mögliche zu tun» um in vertrauensvollem Frieden mit ihren christlichen Mitbürgern zu leben. Dem Vortrage folgte lebhafter, anhaltender Beifall. Dem Vortrage wohnten u. a. die Reichsratsabgeordneten Professor M a s a r yk, K u r a n d a und Dr. O f n e r, Oberkirchenrat Dr. Witz-Obertin, Pfarrer Dr. Zimmermann, die Regiernugsräte Professor v. Lenk und Dr. Frankfurter, Gemeinderat Stein, die Universitätsprofessoren S. Krans, Haberda, Dozent Dr. Aptowitzer, Dir. Rippel, der Präsident der ifraek.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.