Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 45 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 45. deutscheu Juden, sondern nur deutsche Staatsbürger. . Nicht in erster Linie als Juden, sondern als Deutsche verlangen wir, daß russische Rückständigkeit vor jedem Deutschen haltmacht. Wie immer aber der Staat sich zu unseren berechtigten Forderungen stellt, dem Vaterland verbleiben unsere Liebe und unsere Arbeit. Das sagen wir nicht im Tone einer patriotischen Phrase, sondern in dem ruhigen Bewußtsein, daß alles Unrecht uns die Liebe zu dem Lande, in dem wir geboren ivurdeu, nicht nehmen kann, weil diese Liebe dem Menschen angeboren ist. Ich habe russische Juden kennen gelernt; sie sprachen von all ihrem Elend und ihrer Not, von all der Grausamkeit und Brutalität; und was war das Ende: sie lieben ihr russisches Land und das russische Volk. Uns geht es besser; es dürfen wohl bei uns noch hinzutreten ein Stück Staatsbürgerbewußtsein und ein Stück Freude am Staat; nicht rein und ungetrübt ist diese Freude, aber wir wollen arbeiten, daß unsere Kinder auch des Staates selbst sich voll erfreuen können, weil er keine Rechtskränkung mehr zuläßt. Für die Gleichberechtigung kämpfen wir als Juden und als Deutsche. Geachtet ist Deutschland in der Welt durch seine Macht, seine wissenschaftlichen Leistungen, feine Kunst, durch die wirtschaftliche Arbeit seines Volkes. Eine Zeit soll kommen, in der die Durchführung der Menschenrechte, die Gleichheit aller Bürger nicht nur vor dem Gesetze, sondern in der Wirklichkeit des Staates ein Ruhmestitel Deutschlands ist. Dafür zu kämpfen, ist vaterländische Arbeit. Wir glauben an jene bessere Zukunft, weil wir an Deutschland glauben, weil es vorwärts schreitet und weil diese Vorwärtsentwicklung alle Vorurteile überwindet. Religiöse Streiflichter. Jüngst war ich in einem Gotteshause, dessen Architektonik mir für stilvoll geschildert wurde. Ja allerdings, äußerst prunkvoll ließ sich der Anblick an, aber ich habe da so meine individuelle Anschauung, mit welcher ich vielleicht ganz vereinzelt dastehe. Bedarf es eines glänzenderen Rahmens für unsere Religion, welche wie ein Leuchtstern uns seit Jahrtausenden den Weg weist, welche edle Grundsätze und Philosophie in so harmonischer Weise vereint, um eine Stätte idealer Gottesverehrung zu sein? Da fällt mir eine Episode aus nicht allzu ferner Zeit ein: Kaiser Wilhelm I. äußerte einmal den Wunsch, einer Hochzeit nach jüdischem Ritus beizuwohnen. Mau geleitete den Kaiser in den mit Blumen geschmückten Tempel und die Zeremonie begann. Weiße, raschelnde Seide, Myrthe und Schleier hoben die liebliche Erscheinung der Brant, Damen in kostbaren Toiletten scharten sich zur anmutigen Gruppe. Helle Kiuderstimmen fangen und rauschende Orgeltöue bildeten den Schluß." Als der alte, leutselige Herr gefragt wurde, wie es ihm gefallen habe, sagte er: „Sehr gut, aber eine jüdische Hochzeit, wie ich mir sie gedacht, ist das nicht!" Kaiser Wilhelm mag wohl an die berückenden Schilderungen der Gebräuche des Morgenlandes gedacht haben, an das altehrwürdig Hergebrachte, das nichts von Kultur weiß. Weiland Dr. Ludwig August Frankl hat in seinem Werke der Reise nach Jerusalem das altjüdische Leben ebenso anschaulich wie geistvoll geschildert. Wenn wir den Dichter auf seinen Wegen begleiten, so drängt sich unwillkürlich die Ueberzeugung auf, daß nie der Glanz zum Stege verhalf. Wie eine mächtige, alte Melodie tönt die Ueberlieferung aus grauer Zeit zu uns herüber. Dort, wo an heiligen Stätten historischer Vergangenheit jeder Stein seine Sprache spricht und feierliche Mysterien nach Jahrtausenden Herz und Stimme in ihren Bannkreis ziehen, bedarf solcher Zauber jener Folie, die doch der Vergänglichkeit alles Irdischen anheimfällt? Ich will nun meine paradoxe Idee zu begründen suchen, indem ich ein Beispiel aus der biblischen Geschichte anführe: König Salomo, der Friedensfürst genannt, erbaute den ersten Tempel mit unbeschreiblicher Pracht. Die kunstreichen Phönizier, durch ihre bewundernswerte Gewerbetätigkeit und Erfindungsgabe bekannt, lieferten die Glasfenster. Gleißendes Gold, Fresken und kostbare Geräte zierten das herrliche Gebäude, dem Geiste Gottes gewidmet. Da kam der Sturm der Zeit, ein finsterer Tyrann sandte seinen Feldherru gegen die heilige Stadt und der Tempel mit seinem kostbaren Inhalt lag in Trümmern. Wieder bewegten sich die mächtigen Speichen des Weltenrades, eine neue Generation erstand, ein gütiger König gab dem schwergeprüften Märiyrervolke einen Lichtstrahl. Alls der Asche erhob sich, gleich dem Vogel Phönix, ein neuer Märchenbau mit Gold und Silber und den alten, prunkvollen Geräten. Man jubelte und weinte, es wurden Dankovfer auf neu errichtetem Altäre gebracht. Eine wütende, römische Soldateska schleuderte die Brandfackel in das Heiligtum, und was mit beispiellosem Heldenmut, mit Todesverachtung verteidigt wurde, fiel in Asche und Slaub! Gehen wir auf die neueste Epoche, das herzerschütternde Elend der russischen Inden über. Konliten irdische Güter sie vor der Wut einer entmenschten Menge schlitzen? Das leise geflüsterte „Schema Israel“ aber, das sich der bleichen Lippe entrang, bewies den Hel,kern, wie der Jude für den Glauben seiner Väter würdig zu sterben weiß. Diese Runenschrift ist unauslöschlich, gefeit gegen jeden Fanatismus. Indem ich diese Bilder der Vergangenheit und Gegenwart kaleidoskopartig entrolle, gedenke ich meiner eigenen Jugend und unvergeßlicher Momente: Der Vater, eine imponierende Erscheinung, Kantor einer größeren Gemeinde, ich sein Solist am Chor. Waren das schöne Zeiten! Nicht nur die andächtigen Zuhörer erkannten den gottbegnadeten Sänger in der Wiedergabe der süß melancholischen Weisen des Judentums, ich selbst, mit meinem Kinderherzen, lauschte mit Begeisterung jeder Nuance dieses Melodienreichtums. Aber auch schmerzliche Augenblicke haben sich meinem Gedächtnisse eingeprägt: Ich batte ein herziges kleines Brüderchen, einen blonden Cherub, die Wonne der Eltern, die Freude aller! Eine tückische Krankheit raffte ihn hin. unser Schmerz war unbeschreiblich! Eben brach der Vorabend des heiligsten aller Feiertage, des Versöhnnngsfestes, heran, als unser Liebling entschlief. Der Vater beugte sich ergeben dem Willen Gottes, segnete uns und begab sich gefaßt zum Tempel. Nie im Leben hatte dieser wahre Priester des Herrn rührendere Töne gefunden, als an diesem Abend, da sein Kind auf der Bahre lag. Wohl brach die liebe, traute Stimme in kurzem Aufschlllchzen, wir anderen aber vernahmen stockenden Atems, tränenden Auges das hohe Lied: „Kol Nidre“. Die Tendenz bleibt dieselbe: nicht antike, gleißende Pracht waren des Glaubens Pfeiler, der religiöse Sinn, das Erbteil längst geschwundener Geschlechter ist die Goldader, welche sich durch das rauhe Gestein des Alltags schlängelt und im Dornenwege des Märtyrertums. Flora Wilhelm-Frankel. Kaijerl. Kat Direktor K. Heller. Der in den weitesten Kreisen verehrte und durch sein hervorragendes Wirken anerkanilte Direktor des Wiener Israelitischen Blindeninstitntes, kaiserl. Rat S. Heller, hat am 13. d. M. das Doppelfest seiner 40-jährigen Tätigkeit und des 70. Geburtstages bedangen und aus diesen Anlässe wurden; demselben große Ovationen bereitet. Nach einer am frühen Morgen vom Lehrkörper und den Zöglingen veranstalteten internen Feier empfing um 11 Uhr vormittags der festlich geschmückte, Prüfuugssaal des Blindeninstitutes ..Hohe Warte" zahlreiche Gäste. Es waren erschienen: In Vertretung des Kuratoriums die Damen Bacher nnd Nosenthal; als Delegierte desselben gratulierten Präsident Knffner, Dr. Adolf Stein und Emil Karpeles. Ferner waren anwesend: Generaldirektor L. Rechuitzer, Rechnnngsdirektor im Ministerium Tauschinsky, Ober-Rechnungsrat Lindt, Professor Dr. Frankl von Hochwart, Professor Dr. Klein, Regierungsrat Dr. Frankfurter, Doktor; Fenchtwang, kais.. Rat Hirsch, Dr. Obersohn, Dr. Silbersteril,