Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 45 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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vir. .45, Die Wahrheit Seite Ex. deutsche Deffentlichkeit sich mehr um diese Seite der Jndenfrage kümmern, so wäre das Urteil der Oeffentlichkeit bald gefällt und würde dahin gehen : Der deutsche Jude Muß nach Gesetz und Vernunft im staatlichen Leben wie jeder andere Bürger behandelt Derben; hat er aber ohne innere Ueberzeugnng seine Religion gewechselt, dann besitzt er die Eigenschaften nicht mehr, die Deutschland bei seinen Beamten voranssetzt. Aber auch Gründe der Tradition spielen bei unserer Stellung zur Taufe mit hinein; Wer seine Familie achtet, verbleibt in der Gemeinschaft, für die die Vorfahren gelitten haben. Wir werden traditionslos, wenn wir uns aus unserer Gemeinschaft lösen. Unser Anspruch auf Gleichberechtigung bedarf keiner Begründung. Die Geschichte der deutschen Kriege, von den Freiheitskriegen an, lehrt, daß die deutschen Inden dem Baterlande gegenüber jederzeit ihre Pflicht erfüllt haben. Auf diese Pflichterfüllung dürfen wir mit um so mehr Stolz Hinweisen, weil man uns die Jahrhunderte vorher ansgesondert hatte von der dentschen Knlturgemeinschaft. Aber trotz allem Zwang und Druck, aller Rechtlosigkeit und allem Elend geht es an einer Gemeinschaft nicht spurlos vorüber, wenn sie jahrhundertelang in einem Lande wohnt. Deutschland ist unsere Heimat geworden, und viele von uns. sind eingeborener in diesem Lande als manche der Männer, die ihr Deutschtum gegen uns ansspielen wollen. Aber ailch darauf wollen wir Hinweisen, daß wir auch auf dem Gebiete friedlicher Arbeit unsere Pflicht erfüllt haben. An der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands, die die Grundlage unserer nationalen Größe bildet, war die Arbeit der deutschen Inden mitbeteiligt. Die deutschen Juden haben aber auch jederzeit durch ihr Interesse am politischen Leben gezeigt, daß sie ihr Vaterland lieben. Politische Betätigung ist ein Beweis für vaterländischen Sinn und für Staatsbewußtsein. Es wird zwar auf lange Jahre hinaus noch so sein, daß der politische Gegner den dentschen Inden die politische Tätigkeit verdenkt. Bleibt aber der deutsche Jude bei all den großen Fragen, die unser öffentliches Leben bewegen, abseits stehen, so würde ihm erst recht wieder aus dieser Gleichgültigkeit ein Vorwurf gemacht. Immer wieder wird auch der Vorwurf erhoben, daß die deutschen Judett vor allem in den Reihen des Liberalismus und der Demokratie zu finden sind. Man wollte das gelegentlich schon aus der jüdischen Art erklären, ans der zersetzenden jüdischen Art, wie es im antisemitischen Sprachschatz heißt. Mit der jüdischen Art hat die politische Stellung der deutschen Juden gar nichts zu tun. Es sind unter den dentschen Juden mindestens ebensoviel konservative Tendenzen vorhanden als liberale und demokratische. Der Jude Stahl hat der konservativen Staatsanffafsung die wissenschaftlichen Grundlagen gegeben. Es zeigt außerdem die Tatsache, daß die Juden durch die Jahrhunderte hindurch unter den schwersten Verhältnissen ihre Gemeinschaft anfrechterhqlten haben, ganz gewiß auch genug konservative Art. Die Juden sind von Natur ans ebensowenig konservativ wie liberal oder demokratisch. Wir bringen gewiß auch hier grundverschiedene Anlagen mit aus die Welt, die allerdings durch die Lebenserfahrung und äußere Einflüsse in der einen oder anderen Richtung bestimmt werden. Daß der Jude in Deutschland heute tticht konservativ sein kann, ist selbstverständlich. Sollen wir für das Tivoliprogramm kämpfen? Wäre die konservative Partei frei von antisemitischen Vorurteilen und würde sie sich bei beit berechtigten Forderungen der dentschen Juden bedingungslos auf den Boden der Verfassung stellen, so würden sicher viele Juden gemäß ihrer Grundstimmung und der Art ihres Denkens in den Reihen der konservativen Partei stehen. Naturgemäß werden übrigens in einem Volksteil, der durch die Jahrhunderte hindurch unterdrückt war und noch heute im Kampf um sein Recht steht, liberale und demokratische Gedankengänge ein besonders starkes Verständnis finden. Ebenso naturgemäß wird in einer wenigstens gesetzlich befreiten Schicht die Tatsache lange nachwirken, daß ihre Befreiung dem Gedanken des Liberalismus zu verdanken ist. ‘ Eines wird allerdings im öffentlichen Leben immer jüdischer Art sein; das ist ein weitgehendes soziales Verständnis. Die große Grundlage der jüdischen Religion, die mosaische Gesetzgebung, war von so ungemein sozialem Geiste erfüllt, daß sie anch dem modernen Sozialpolitiker Bewunderung abringen muß. Diese Religion wollte einen Staat schaffen, indem es keinen Armen und keinen Reichen gab; die Agrargesetzgebung des mosaischen Rechts wollte keinen ans die Dauer von seinen Grund und Boden lösen. Aber auch später haben die Inden durch die Jahrhunderte hindurch unter den schwierigsten Verhältnissen wertvolle soziale Arbeit geleistet. Unbewußt wirkt auf die Nachgeborenen ein der Geist der Vorfahren. Eine Politik zugunsten der Starken gegen die Schwachen wird bei einem Juden nie Verständnis finden. Noch eine Anschauung brachten die Inden, wenn sie sich politisch betätigen» mit in die Politik: das war ein starkes Gefühl für politische und religiöse Duldsamkeit. Man wird keinen Fall Nachweisen können, in dem Lasker und Bamberger gegen dieses Prinzip verstoßen haben. Der Jude hat ein volles Verständnis dafür, daß der moderne Staat sicher nur beruhen kann auf der völligen Gewissensfreiheit, daß aber auch der einzelne Staatsbürger verpflichtet ist, den religiösen Anschauungen seiner Mitbürger mit Ächtung zu begegnen. Wenn irgendwo ein Jude oder ein Christ gegen dieses Gebot einfachsten Anstandes verstoßen hat, so wird die Mißbilligung in jüdischen Kreisen sicher so stark sein wie anderwärts. Deswegen wird es aber anch immer ein Unrecht sein, die jüdische Gemeinschaft verantwortlich zu machen, wenn wirklich einmal ein einzelner von uns — vielleicht ein Journalist — in der Besprechung kirchenpolitischer Dinge einen Fehler begangen haben sollte. Andere in ihrem religiösen Empfinden zu kränken ist immer ein schweres Unrecht Begeht ein Jude dieses Unrechr. so ist es eine doppelte Sünde, eine Sünde gegen den Staat und den Frieden nilter den Konfeisionen. aber auch eine Sünde gegen die jüdische Gemeinschaft, die ja nach alter Gewohnheit für die Taktlosigkeit und die Fehler des einzelnen verantwortlich gemacht wird. Im Mittelaltrr war die jüdische Gemeinschaft für die Steuern aller Juden haftbar. Wir waren dem Staate gegenüber Gesamtschuldner für die Stenern der einzelnen. Steuerpolitisch ist das Recht anders geworden. Aber im öffentlichen Leben im geschäftlichen Verkehr, in Literatur. Politik und Journalistik sind wir Gesamtschuldner geblieben anch fiir die Fehler der einzelnen, und mögen wir sie noch so sehr verdammen. So erklärt sich auch das Wort von der jüdischen Presse. Ist eine Zeitung von einem Juden gegründet, oder hat sie in ihrem Redaktionsftab einige Juden, ja wenn sie nur gemäß ihrer polischen Anschauungen für die Durchführung der Gleichberechtigung eintritt, so gehört sie zur jüdischen Presse, sobald ihre Haltung dem Gegner nicht gefällt. Gewiß ist es wahr, daß viele Inden sich journalistisch betätigen. Darf aber Deutschland auf seine Presse nicht stolz sein; überragt sie au moralischen und wissenschaftlichen Qualifikationen nicht die Presse mancher anderer Länder? Die Mitarbeit der Juden hat der deutschen Presse nicht geschadet. Auch sonst haben auf allen Gebieten öffentlichen Lebens Juden mitgearbeitet. Ich glaube nicht, daß in dieser Arbeit eine einheitliche seelische Art zum Ausdruck kommt. Aber dagegen verwahren wir uns, daß in der öffentlichen Betätigung der Juden eine zersetzende Art sich zeige. Zudem wird mit diesem Wort ganz allgemein ein großer Mißbrauch getrieben. Wer kann von neuen Gedanken sagen, ob sie zersetzend oder aufbauend wirken? Was der eine als zersetzend empfindet, erkennt der andere als Grundlage eines zukunftsreichen wertvollen Gebildes. Wer recht behält in seinem Empfinden, darüber entscheiden spätere Jahrhunderte. Noch auf einem anderen Gebiet empfinden wir, daß der Staat uns noch nicht völlig als gleichberechtigte Bürger behandelt. Das ist dort, wo der Schutz dem Ausland gegenüber beginnt. Wenn fortgesetzt deutsche Reisende jüdischer Konfession von Rußland mit all den Paßschikanen sich eine geradezu ehrenkränkende Behandlung gefallen lassen müssen, sodürfte Deutschland dazu nicht schweigen. Dem Ausland gegenüber gibt es keine deutschen Katholiken, keine deutschen Protestanten und keine