Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 44 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44. Die Wahrheit Seite A. daß auch die nötige Unterstützung namentlich seitens der Presse nicht ausbleiben möge! — Die Versammlung löste sich sonach in später Abendstunde aus. Unter den Erschienenen bemerkte man die Gemeinderäte Dr. Alexander von D o r 11, kaiserlicher Rat I. Fischer und viele Gelehrte rc. Iggereth Mussar. Die in dem vortrefflichen Leitartikel, Nummer 43 der „Wahrheit" erwähnte Schrift „Iggereth Mussar“ des Rabbi Salomo Alami wurde 1415 in Portugal verfaßt, gedruckt in Konstantinopel 1609, Krakan 1612, Berlin 1713. Im Jahre 1854 wurde sie aufs neue in Leipzig von dem seligen Prediger Dr. Jellinek ediert. Dieser schrieb in einem kurzen Vorworte: „Rabbi Salomo Alami, ein Zeitgenosse des Rabbi Simon Durau „Raschbaz", war Zeuge der blutigen Verfolgungen, deren Opfer die Juden Cataloniens und Aragoniens im Jahre 1391 waren und die schweren Leiden, die sein Volk trafen, beugten ihn nicht zu Boden, sondern regten seinen Geist zum Nachdenken an, kräftigten sein sittliches Bewußtsein, erfüllten ihn mit einem Feuereifer und machten seine Lippen beredt, um mit prophetischer Begeisterung ein Sittengemälde seiner Zeit zu entwerfen und den Verfall der edlen und schönen Seiten des jüdischen Lebens zu schildern. So entstand dieses Sendschreiben, das nicht bloß ein wichtiges Aktenstück der Leidens- und Sittengeschichte der Juden bildet, sondern die herrlichsten Lehren für alle Klassen der Gesellschaft enthält, die jedermann seinem Herzen tief einprägen soll. Ans ihm mögen die Reichen, die Angesehenen, die Gelehrten, die K an fl e nie, die R ab binnen, die Vorsteher, die Reformer und die Pilpulheroen lernen, welche Aufgaben das Judentum seinen Bekennern stellt! Wenn aber der Verfasser seine Zeit mit schwarzen Farben darstellt, „so bleibe dies" — wie Znnz (W. Jahrb. IV.) bemerkt — „ein schönes Zeugnis für das Judentum, daß es niemals seine Bekenner hat in der Irre gehen lassen, daß wir in seinen Lehren stets die Mittel und den Mut zum Zurechtweisen gefunden." Wahrlich, dieses Sendschreiben hat auch heute noch nicht an Aktualität verloren. Es sollte in keinem jüdischen Hause fehlen. - F. Eine Senierknng. Ans Nr. 17.673 der „N. Fr. Pr." entnehme ich soeben, daß der Staatsanwalt in Kiew an den Sachverständigen Prof. Tschomirow die Frage gestellt, „ob das Alte Testament einen Anhaltspunkt dafür biete, die Juden der Verwendung von Christenblnt zu beschuldigen". Auf diese lächerliche Frage möchte ich mir erlauben zu bemerken, daß Jesus, dem doch zweifellos auch der Herr Staatsanwalt in Kiew volles Vertrauen schenkt, nicht seinen Anhängern gegenüber die Aeußerung getan haben würde: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz umzustoßen, sondern es zu erfüllen, kein Jota darf davon aufgehoben werden" (Sabb. 116), wenn die Thora, das Alte Testament, die. jeden Haß und' Groll gegen Andersdenkende und Andersgläubige streng verbietet und nur allgemeine Menschenliebe, Menschenverbrüderung lehrt und predigt, einen solchen „Anhaltspunkt" bieten möchte. Was würde Jesus sagen, wenn er hören möchte, daß es im 20. Jahrhundert einen „Ritualmordprozeß" gibt und daß bei dieser Gelegenheit das Alte Testament, das er s o h o ch u n d heilig gehalten, durch de rartigeF ragen verunglimpft wird? _ Fr. Kaiser Kran; Josef I. Knldignngstempel. Ein wahres Freuden- und Familienfest, wie ein solches in den Wiener Vereinstempeln noch nie stattgehabt hat, feierte am verflossenen Sabbate, den 8. November, der Vorstand des Bethäusvereiues „Am Volkert". Galt es ja dem verdienstvollen, langjährigen Obmann des Vereines, Herrn Adolf Sch ramek, der mit seinen Vorstandsmitgliedern gleichsam eine Familie bildet, den Ausdruck aufrichtiger Hochschätznng, den Dank für die reiche Arbeit, die derselbe während seiner 33 jährigen Obmannschaft geleistet hat nnd für die schönen Erfolge, die diese Arbeit zeitigte, abzustatten. Schon lange vor Beginn des Gottesdienstes versammelte sich der gesamte Vorstand in Festkleidnng in dem nenerbanten Tempel, in welchem nebst den vielen ständigen Besuchern alle Familienmitglieder des Gefeierten nnd eine große Anzahl Festgäste erschienen waren. Nach dem Schacharisgebete begann der eigentliche Festgottesdienst, wobei Oberkantor Joses G i b l i ch m a n n die beim Ausheben der Thora üblichen Gesänge mit so markanter Vortragsweise rezitierte, daß in allen Besuchern das Gefühl der Abhaltung eines besonderen Ehrentages hervorgerufen wurde. Als Schlischi wurde nun der Obmann zur Thora gerufen nnd wurde diese Paraschah ebenfalls vom Oberkantor Giblichmann in feierlicher Weise vorgetragen. Nachdem sich hierauf alle Vorstandsmitglieder nebst den Verwandten des Obmannes um denselben auf der Estrade gruppiert hatten, während wieder viele Festgäste den Raum um den Almemmor füllten, um das Familienbild zu ergänzen, hielt Obmannstellvertreter Herr Herrmann Ehrenfeld die Festrede, in der er in schönen Worten die ersprießlichen Dienste und das segensreiche Wirken des allseits geschätzten Obmannes beim Erbauen dieses prächtigen Gotteshauses treffend beleuchtete. Nachdem nun über dessen Geheiß die Hülle gefallen war, wurde allseits die schöne, drei Meter hohe Gedenktafel aus rotem Veroneser Marmor bewundert. Dieselbe trägt in großen, goldenen Lettern die Inschrift: Dem Vereinspräsidenten Herrn Adolf Schramek in dankbarer Würdigung der großen Verdienste anläßlich der Erbauung dieses Tempels gewidmet vom Vorstand. 8. Cheschwan 5674. Tiesgerührt dankte Herr Adolf Schramek dem Gesamtvorftand für die hohe Ehrung, sprach dem Baukomitee seine Anerkennung für die treue und fleißige Mitarbeit ans nnd hob besonders lobend speziell die Leistungen des Architekten Ignaz Reiser hervor. Zum Schluffe betonte er noch, daß sein stetes Streben für die Verbindung und das einträchtige Zusammenwirken mit seinen Vorstandsmitgliedern war und daß dieser schöne Bund auch in dem neuen Hause aufrecht bleibe und erhalten werde. Sodann würdigte der Vereinsrabbiuer Herr I. L. A b e l e s die mühevolle und erfolgreiche Tätigkeit, die Liebenswürdigkeit und das freundliche Entgegenkommen des Präsidenten, sowie die besondere Betätigung auf humanitärem Gebiete und kennzeichnete dieses dauernde Denkmal in einem Tempel. Nach mehreren schönen Choralgesängen wurde dem Jubilar durch einen Mischeberach gehuldigt, den Oberkantor Giblichmann im klassischen Hebräisch verfaßt hatte und feierlich zum Vortrage brachte. Vieler Augen Überflüssen vor Rührung und brachten die herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche in der Hoffnung dar, daß es dem Obmann noch durch viele, viele Jahre gegönnt sein möge, in diesem großen Gotteshanse, das auch den Namen „Aeschel Awrohom" führt, in der segensreichsten Weise wie bisher tätig zu sein. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag abends Predigt des^Oberrabbiners Dr. G ü d e m amt im Stadttewpel. Wien. Samstag, den 15. November a. c. vormittags beim Hauptgottesdieuste Predigt des Herrn Rabbiner Dr. M. Grnnwald im Leopoldstädter Tempel. Wir«. Herr Rabbiner Dr. M. Rosenmann wird am Freitag- Abend, den 14. d. M. im Floridsdorfer Tempel eine Predigt halten. Wien. (B e k l e i d u n g s f e st.) Sonntag, den 16. d. M.. Uhr nachmittags, findet im Festsaale des „Hotel Continental", IL, Taborstraße 4, das Bekleidungsfest des Vereines zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer israelitischer Konfession statt, welches mit einer Trauerkundgebnng für das verstorbene Ehrenmitglied des Vereines, Rabbiner Dr. Adolf S ch m i e d l s. A., verbunden sein wird. Die Festrede wird Herr Rabbiner Dr. M. Grunwald halten. Wien. (Kinderbekleidung.) Wie seit vielen Jahren werden auch heuer arme Schulkinder vom Israelitischen Frauen- Wohltätigkeitsverein für die Bezirke Wieden und Margarethen mit vollständiger Winterkleidung versorgt. — Die Bekleidung der Schulkinder, 70 an der Zahl, bei welcher die Mitglieder und Förderer