Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 44 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 44. zweiten Kreuzzug, ferner verteidigte sie Martin Luther, wiewohl selbst ein ausgeprägter Antisemit, rücksichtlich des Ritualmordes, indem er diesen als „Lüge" und „Narrenwerl" stygmatisierte, ebenso der berühmte Philosoph Joh. Reuchlin, Professor Wagenseil um das Jahr 1700, Erzbischof Kozdara von Lemberg 1801, die Bischöfe: Dräseke (1832—1844), Reinkens 1882, die Professoren: I. von Dölliuger, Dr. Molitor, Dr. Strack, Nöldeke, Baumgartner, M. Paul, Lagarde, Kautsch, Fürstbischof Doktor Kopp, daun die theologischen Fakultäten von Leipzig, Amsterdam, Utrecht, Leyden und Kopenhagen, welche sämtliche die Blutbeschuldigung als ganz ungerechtsertigt zurückwiesen. Ueberragt in ihrer Bedeutung werden diese Voten durch das Gutachten des Jesuitenpaters H a s e l b a u e r, des Zensors der „Jndenbücher" in Prag, welcher 1736 bescheinigte, daß „in der ganzen ihm sehr wohl b e! a n n t e n hebräischen Literatur nichts v o r k o mm e, was auf die B l u t b e s ch u l d i g u n g Hinweisen könnt e." Biel schärfer drückt sich die Bulle vom 25./9. 1253 des vorgenannten und von Lord Rothschild angeführten Papstes Innozenz IV. aus, welche direkt jenen mit Exkommunikation bedroht, wer den Juden vorwerfe, bei ihrem Ritus Menschenblut zu gebrauchen. In der vorausgegangenen Bulle vom 5./7. 1247 desselben Papstes wurde aus den Widerspruch hingewiesen, der zwischen der.Blutbeschuldigung und der heiligen Schrift bestehe, indem in letzterer den Juden direkt untersagt wird, während der Zeit des Paßahfestes etwas Totes zu berühren. — Auch auf die andere Form des Judenhasses, die sich in Raub äußert, wird in dieser Bulle bereits hingewiesen. Unter den weltlichen Herrschern waren es der erlauchte Ahnherr unseres Kaiserhauses, Rudolf von Habsburg, welcher seinen Schutz dem Volke Israel angedeihen ließ, indem er die vorerwähnte Bulle des Papstes I n n o c e n z IV. vom f>./7. 1247, bestätigte, ferner König Ottokar von Böhmen, Herzog von Oesterreich, der verordnete: „Wir verbieten strenge, daß die Juden des Gebrauches von Christenblut geziehen werden, denn die Juden enthalten sich nach den Geboten ihrer Religion von allem Blutgenuß"; Herzog A l b r e ch t II. der Weise wandte sich im Jahre 1338 an den Papst Benedikt XII. und sagte, daß „Untaten geschehen, einzig und allein nur nm die Juden plündern und morde n zu könne n". Ebenso verurteilten Kaiser Maximilian TL und König Kasimir IV. die Verläumdungen gegen die Juden; in allerjüngster Zeit war es der hochherzige König Konstantin von Griechenland, welcher einer Deputation die erhabenen Worte mitgab: „Sagen Sie es der ganzen Bevölkerung. daß diese verlänmderische Anklage iu meinem Königreiche nicht erhoben werden kann". — In Erinnerung ist wohl auch noch der Prozeß, den vor einigen Jahren die beiden Wiener Reichsratsabgeordneteu Dr. I. K o p p und Dr. Bloch gegen einen geistlichen Autor führten, worin amtlich an 4Ö0 hebräische Texte von christlichen Gelehrten übersetzt und erläutert wurden um gegen die Blntfabel Beweismateriale abzugeben. — Am Tage der Verhandlung zog der Streiter der Kirche, der zur Einbringung der Ehrenbeleidiguugsklage durch heftige Artikel der Abgeordneten beinahe gezwungen werden mußte, — seine Anklage zurück! Wenn heute die Juden für die sogenannten revolutionären Tendenzen verantwortlich gemacht werden, so hat diese Beschuldigung seitens amtlicher Organe wobl nur den Zweck, Blitzableiter zu schaffen, nm die breiten Massen von den wahren Ursachen der wirtschaftlichen Notlage abzulenken; wenn die Pöbelhaufen, durch entsprechende Wühlarbeit auf religiösem und wirtschaftlichem Gebiete ausgestachelt, in trunkenem Zustande über die kleine Zahl ihrer jüdischen Mitbürger herfallen, unter dem Vorwand, Sühne zu üben für die „Ausbeutung" oder für die „Blutabzapfung", so hat dies dieselbe moralische Unterlage, wie seinerzeit die Verantwortlichkeitserklärung der Juden für die Pest iu ganz Europa (1348—50), für die Trockenheit in Spanien (1506), für verschiedene Erdbeben in Italien, für unzählige Gewitter. Völker, die jahrhundertelang H e x e n p r o z e s s e, I n qm i s i t i o n s g e r ich t e, die entsetzlichen Grausamkeiten eines Iwan des Schrecklichen u. A. ertrugen, können eben nur immer nach Voreingenommenheiten handeln. Nach den Hostien-„Blutungen" die „Ritualmorde" . . . Dem Ritualmordwahn wurden iu Wien an 300 Juden mittels Feuertod im Jahre 1185 geopfert—- wegen dreier christlicher Knaben, die im Eise eingebrochen und verschwunden waren. Rücksichtlich des. Verschwindens beschworen sofort wahre Christen beim Kreuze, gesehen zu haben, wie die Juden die Knaben in ein Haus gelockt und „abgeschlachtet" hatten. Als das Eis anfging, fanden sich die Leichen unvers e h r t vor. — Und der Hexenwahn hat noch im Jahre 1913 sein Opfer in Rußland gefordert, in demselben heiligen Rußland in dem die rechtgläubigen „echt russischen Männer" die unsäglichsten Bestialitäten — in u n sere r Zeit! — mit dem Kreuze in der Hand gegen Frauen, Kinder und Greise verübten, bloß deshalb weil diese Juden waren l Nach diesen mit überaus großem Beifall anfgeuommenen Ausführungen, welchen der Vortragende für Herrn Trnka dankend quittierte, gelangten mehrere Redner zum Worte. Zunächst die Pädagogin und Schriftstellerin, Frau Elisabet Groll, welche ein längeres Gedicht zum Vortrage brachte, das sie auch den Geschworenen nach Kiew eingesandt hatte, ferner Herr Weismann, der, von einer Reise nach Kiew zurückgekehrt, über die Plackereien, denen die Juden dort ausgesetzt seien. Schlimmes berichtete. Andere Redner beschwerten sich bitter über das ungleiche Maß, mit welchem bei uns die Preßfreiheit zugemessen wird. Hierauf kam die von Universitätsprofessor Dr. Friedrich I o d l verfaßte Resolution zur — einstimmigen Annahme. Diese hat mit dem vom Bezirksrat Philipp Back u. A. beantragten Zusatz, betreffs die gleichmäßige Handhabung der Preßgesetze, folgenden Wortlaut : Resolution. Die zu Wie n am 30. Oktober 1913 tagende Protest- Versammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus spricht es als ihre Ueberzengung aus, daß die zeitweilig immer wieder auftretende Behauptung, es würden von Juden an jungen Christenmenschen Mordtaten verübt, um das Blut rituellen Zwecken zuzuführen, die in den religiösen Schriften und Urkunden, sowie in der Tradition des jüdischen Volkes keinerlei nachweisbare Begründung besitzt; daß vielmehr derartige Blutakte mit dem Geiste und den innersten Tendenzen der ethisch so hoch stehenden, um die Entwicklung und Läuterung des religiösen Fühlens und Denkens der Menschheit so verdienten Religion des Judentums ebenso aber auch mit der allgemeinen Haltung seiner Zeremonialgesetze im stärksten und schreiendsten Widerspruch stehen. Die Versammlung kann daher in dieser von Zeit zu Zeit — namentlich in Anlehnung an gewisse nicht völlig. aufgeklärte Kriminalfälle — immer wieder auftretenden Behauptung solcher rituellen Bluttaten nichts weiter erblicken, als ein höchst ruchloses, verabscheuungswürdiges, bei der Beschränktheit, Leichtgläubigkeit und Bosheit gewisser Volkskreise selten versagendes Mittel politischer, religiöser und sozialer Feinde des Judentums, um gegen das Judentum Stimmung zu machen, Ausnahmsgesetze zu rechtfertigen, ja in manchen, nur allzuwohl bekannten Fällen, schweren Justizirrtümern eine Art prinzipiellen Hintergrundes zu geben. Die Versammlung fordert ferner von der Regierung die Handhabung der Preßgesetze in ganz gleicher Weise gegen die a u f h e tz e n den Artikel d e r a n t i s e m i t i s ch e n P e s s e, wie gegen liberale Artikel. Nach der Annahme dieser Resolution wies der Gemeinderat A. Mosßl darauf hin, daß auch in Oesterreich ein Opfer des Ritualmordwahnes noch immer der Befreiung seit nahe 14 Jahren harre und es Pflicht aller Freiheitlichen, vor allem aber des Parlamentes sei, diesem Jnstizskandal ein Ende zu bereiten. Hiemit war die Tagesordnung erschöpft, ans der Mitte der- Versammlung wurde der Vereinsleitnng der Dank für ihr Bemühen ausgedrückt, worauf der Vorsitzende den sehr zahlreich Erschienenen für ihre Aufmerksamkeit dankte, mit dem Wunsche