Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 44 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Die Wahrheit Leite 7. Max Ritter v. Gomperz. Im hohen Alter von 93 Jahren ist Freitag, den 7. b. M. einer der hervorragendsten österreichischen Industriellen und eine der angesehensten Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft, Herr Max Ritter von Gomperz, der auch Ehrenpräsident der Kreditanstalt war, gestorben. Er war der älteste der drei Brüder Gomperz, die alle im öffentlichen Leben Oesterreichs bedeutende Stellungen eingenommen hatten. Der zweite Bruder, Julius Ritter von Gomperz, war langjähriger Präsident der Brunner Handelskammer, Mitglied des Herrenhauses und einer der besten Kenner der handelspolitischen Verhältnisse. Er ist im Jahre 1909 gestorben. Auch der jüngste Bruder Hofrat Theodor- Ritter v. Gomperz, der berühmte Gelehrte und Professor der klassischen Philologie und antiken Philosophie, ist ihm im Tode vorangegangen. Der Verblichene der getreu den Traditionen seiner Familie alles Gute und Edle hochherzig förderte und besonders in früheren Jahren auch im gesellschaftlichen Leben eine angesehene Rolle spielte, hinterläßt einen Sohn, den mährischen Landtagsabgeordneten Dr. Philipp Ritter von Gomperz, der Chef des Bankhauses Philipp Gomperz und der Feintuchsirma L. Auspitz Enkel ist, ferner drei Töchter, von denen die eine die Gattin des Schweizer Gesandten in London, Dr. Gustav Carlin, ist, die anderen nnvermählt geblieben sind. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 9. November unter zahlreicher Teilnahme der Spitzen der Wiener Gesellschaft vom Tranerhanse I. Kärnthnerstraße 51, nach dem Döblinger Ortsfriedhofe statt, woselbst Oberrabbiner Dr. Güdemann und Oberkantor Fuchs die Tranerfunktionen versahen. Protestoerfammlnug des Uereines zur Abmehr des Anlisemitismns gegen die Mtnalmoedlirge. (Abgehalten in Wien am 30. Oktober 1913 im Hotel Post.) Diese Kundgebung hatte den Zweck, den Nachweis aus den Evangelien zll erbringen, daß die Ritnalmordbeschuldignng ein Irrwahn sei. Als Referent hiefür hätte Herr Ed. E. Trnka, ein gründlicher Bibel- und Talmudkenner, der auch ans dem Gebiete des Eherechtes bereits literarisch hervorgetreten ist, fungieren sollen. Infolge feiner Erkrankung, welche ihn am Erscheinen hinderte, sah sich nun der Schriftführer des Vereines, Oberinspektor F. R. Engel, der zugleich den Vorsitz führte, veranlaßt, für ihn einzuspringen. Ebenso war durch Krankheit verhindert der Versammlung anzuwohnen, Herr Universitätsprofessor Dr. Friedrich Jo dl, welcher jedoch den Entwurf einer Resolution gesandt hatte. In seiner Einleitung wies zunächst der Vorsitzende auf die vorzügliche, weittragende Aktion Lord Rothschilds in London hin, die derselbe direkt beim päpstlichen Stuhle, bezw. dem Staatssekretär Kardinal Merry del Val unternommen hatte, . um die Wahrheit über zwei päpstliche Bullen,tjene von Papst Innozenz und Clemens XIV. feststellen zu lassen, wodurch nun mit unanfechtbarer Sicherheit geoffenbart sei, daß die R i tna lm o rd b esch u 1 d i g mtg vom religiösen Standpunkte eine Verleumdung bilde! Daß dieser Feststellung von der autoritativsten Seite eine außerordentliche Bedeutung beiznmeffen ist, sei offensichtlich, weshalb der Vorsitzende ein Dankschreiben an Baron Rothschild im Namen des Vereines beantragte. Zum Zeichen des Einverständnisses und der Anerkennung erhob sich die Versammlung von den Sitzen, worauf der Vorsitzende sodann ansführte, daß auch der Verein das Gewicht auf das religiöse Moment lege und keineswegs in der christlichen Religion, wie von feindlicher Seite glauben gemacht werde, sondern umgekehrt nur im Mangel an solcher, bezw. an Religiosität, die Wurzel des Uebels erblicken.könne. Auf die Evangelien übergehend, erinnerte er sodann — an der Hand des Trnkaschen Referates — daß die großen Lehren und Gesetze der Apostel und Moses von den Evangelisten rückhaltlos anerkannt und entsprechend hoch gewertet worden seien, daß der jüdische Charakter des Stifters der christlichen Religion von ihnen stets anerkannt wurde und daß eine Anfeindung des Judentnmes somit zugleich eine Auflehnung gegen Jesus Christus bedeute, sowie daß viele große Männer, die das Christentum heute hoch verehren, direkt aus dem Judentume stammen. Symptomatisch für diese Wertschätzung und zugleich für die Anerkennung des Ursprungs der christlichen Religion, daß z. B. das Portal der Votivkirche in Wien geschmückt ist mit den Standbildern der jüdischen Stammväter Abraham, Isaak und Jakob, des großen Gesetzgebers Moses mit den Gesetzestafeln und des Hohenpriesters Ah ron mit dem Weihranchkesfel. In seiner Bergpredigt sagte Jesus, Matthäus (5. Kap.)*), Ihr Habel gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: „Du sollst nicht töten, wer aber tötet, soll des Gerichtes schuldig sein!" Ferner heißt es: Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit deinem ganzen Vermögen lieben." Weiters: „Glaubet nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten anfzuheben. Ich bin nicht gekommen, sie anfzuheben, sondern sie z n erfüllen." „Lieber eure Feinde, tut Gutes, denen, die euch Haffen, ■ und betet für die, welche euch verfolgen und verleumden." Das wichtigste, uralte Gesetz aber ist! „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Ein Volk mit solchen tausendjährigen Sittengesetzen, dem übrigens schon durch die strengsten Vorschriften jeder Blutgenuß verboten ist, kann daher schon aus rein logischen Gründen keinen R i t u a l m o r d begehen! Im Evangelium Lukas (Kap. 22, 7) wird ferner über Passah (Ostern) gesagt: „Es kam Passah, das jüdische Osterfest, die Zeit der ungesäuerten Brote, an welchen man das Oster lamm schlachten mußte." Und an dem Ritus, ein Lamm zu schlachten, wurde festgehalteu, wiewohl Jesus und seine Jünger au den strengen Zeremonien der Juden manches anssetzten. Daher besteht zur Beschuldigung des Gebrauches von Menschenblut nicht der geringste Anhaltspunkt. Umgekehrt wurden anfänglich die Christen dieses Verbrechens durch die Heiden beschuldigt, wie ihnen überhaupt auch die scheußlichsten Laster angedichtet wurden, wogegen dieselben lange vergebens ankämpften. Der Vortragende wies sodann auf die vielen Zeugnisse von berufener Seite, den hohen Kirchenfürsten und einzelnen Gelehrten hin, die in nicht geringer Anzahl sich gegen die Blntbeschnldigung aussprachen. Es sind dies: Gregor I. der Große (590—604), Alexander HL (1159—1181), Honorius HI. (1216—1227), Gregor IX. (1227—1241), Innozenz IV. (1243—1254), Gregor X. (1271—1276), Benedikt XH. (1334—1342). Martin V. (1417 bis 1431), Felix V. (1447). Sixtus IV. (1471-1484), Klemens VH. (1523—1534), Paul HI. (1534—1549), Pius IV. (1559—1565), Sixtus V. (1585 —1590), Benedikt XIV. (1740—1758), Klemens XHL (1758—1769), Klemens XIV. (1769—1774). Von ganz besonderer Tragweite erwies sich die Gerechtigkeit Sixtus IV., auf dessen Geheiß eine Revision des Ritnalmordprozesses wegen des Knaben Simon von Trient erfolgte, welche das überraschende Ergebnis zutage förderte, daß nicht der Angeklagte Jude Samuel, sondern ein Trienter Bürger (Zanesins) das Kind im Jahre 1475 umgebracht hatte — aus Rache für einen gegen diesen Juden verlorenen Prozeß, der hiedurch in den falschen Verdacht kam und sofort zu Tode gefoltert wurde und mit ihm die ganze Gemeinde. Aehnlich gelang es Klemens XHL im Jahre 1760 den Beweis zu erbringen, daß anläßlich des Auffindens eines mit Schnittwunden verletzten Kindes in Volhynien nicht die Inden, sondern der eigene Vater (Borjeckomiski) das Verbrechen begangen hatte, inn den Verdacht ans die Juden zn lenken. In neuester Zeit sprachen sich in den Tagesblättern hochangesehene Kardinäle und Erzbischöfe über die Ritualmordbeschuldigung mißbilligend aus. Außer den genannten Päpsten schützten — auch physisch — noch die Juden: Erzbischof Hermann HL von Köln sowie der Prager Dechant Kosmas im Jahre 1096 beim ersten Kreuzzug, in Frankreich der Mönch Bernhard von Chlairvaux 1146 beim *) „Das Neue Testament", übersetzt von F. von,Allioli. Vom Apostolischen Stuhle approbierte Ausgabe 1906.