Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 44 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063718--08768-3075962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Nr. 44. Die Wahrheit Der ehemalige Oberstaatsanwalt Grigorowitsch-Barsky, > der mit anderen Persönlichkeiten öffentlich gegen die rituellen Motive in der Justschinsky-Affäre protestierte, erhielt im Disziplinarwege eine strenge Rüge. Man will eben in Petersburg einen Ritnalmord und läßt ihn daher konstruieren. Die terroristischen Akte der Kiewer Staatsanwaltschaft, durch die u. a. Mischtschuk, der frühere Chef der Detektivpolizei von der Voruntersuchung ausgeschaltet und schwer bestraft worden ist, sind ausschließlich auf höhere Anordnung von Petersburg znrückzuführen. „Das Anklagematerial wächst zusehends, und es ist ganz zweifellos, daß Beilis verurteilt werden wird", so äußerte sich vor kurzem nach der „Russischen Korrespondenz" ein. höherer Beamter des Justizministeriums in Petersburg. Senator Meißner, der Präsident der Kiewer Gerichtskammer, hat jüngst einem Vertreter des „Ruskoje Slowo" mit zynischer Offenheit erklärt, daß die Staatsanwaltschaft mit aller Macht auf der Anschauung bestehe, daß ein Ritualmord vorliege, ohne indessen „das jüdische Volk in seiner Gesamtheit mit dem Ritnalmorde in Verbindung zu bringen". Herr Meißner ist zwar nicht der Vorsitzende der Kammer, vor der sich der Prozeß abspielt, aber als höchster Gerichtsbeamter in Kiew und als Aufsichtsinstanz der Verhandlungskammer übt er mit solchen Aenßerungen von vornherein einen moralischen, oder richtiger gesagt, höchst unmoralischen Druck auf feine untergeordneten Kollegen aus. Es ist in den Annalen der Justizgeschichte aller zivilisierten Länder ein unerhörter Vorgang, daß sich ein Justizminister in dieser Weise in die Rechtsprechung einmischt und Direktiven giht, wie eine von vornherein unhaltbare Anklage trotzdem zum Siege geführt werden soll. Der Herausgeber des „Kiewljanin" hat einen Tag vor seinem plötzlichen Tode dieses ganze anrüchige Verfahren in den schärfsten Worten gebrandmarkt: „Ich finde die zweite Anklageschrift viel schlimmer als die erste. Auch in der ersten Anklageschrift waren keine Zeugnisse gegen Beilis als Mörder von Juschtschinsky, aber wenigstens sprach man dort von den Ritnalmorden nur beiläufig. Hier, in der neuen Anklageschrift, sind zwar keine neuen Zeugnisse gegen Beilis, aber dafür , spricht man schon anstandslos vom Ritualmord; von ihm sprechen nunmehr bereits selbst höhere Beamte, was natürlich nicht ohne Einfluß ans die Massen sein kann. In diesem Prozeß sind viele feine Fälschungen, und es wird den talentvollen Verteidigern große Mühe kosten, all dies Spinngewebe zu zerreißen. Das schlimmste ist jedoch, daß der Ausgang des Prozesses ganz und gar vom Mnt und« vom Gewissen einiger Zeugen abhängen wird, die höhere öffentliche Stellungen bekleiden." Der Polizeiminister ist ebenfalls nur ein gefügiges Werkzeug in den Händen der reaktionären Blätter, indem er jede Zeitung, die einen privaten, also nicht von der Zensur genehmigten Gerichtsbericht veröffentlicht, unweigerlich konfisziert und mit hohen Geldstrafen belegt. Die Blätter der „Schwarzen Hundert", „Rußkoje Snamja", wie das Leibblatt des Herrn Purischkewitsch, die „Semstschina" und die berüchtigte „Nowoje Wremja" können dagegen ungestraft ein wahres S.chreckensregiment ansüben. Die beiden letzteren Blätter bilden gleichzeitig auch die Hauptguelle für die verlogene Berichterstattung der reichsdeutscheu antisemitischen Presse. Aus den Berichten dieser beiden Blätter folgert z. B. auch Herr Th. Fritsch in der letzten (ersten November-)Nummer des „Hammer", daß der Kiewer Mord nur ein Ritnalmord sein könne, unbekümmert darum, daß die „Nowoje Wremja" in der ganzen Welt als das schlimmste Lügen- und Hetzblatt berüchtigt ist, dem erst vor wenigen Monaten ein früherer langjähriger Redakteur schamlose Korruption nachgewiesen hat. In diesem, jedes Ehrgefühls baren Blatt hat der berüchtigte Judenfresser Menschikow die ungeheuerliche Behauptung aufgestellt, an dem Kiewer Knabenmorde seien mit unleugbarer Sicherheit sämtliche Attribute eines Ritualmordes festgestellt worden. Der Lärm, den die Juden um die Affäre Jnstschinsky erhöben, sei der beste Beweis für ihre Schuld. Die gesamte Geschichte der Juden sei ein einziges großes religiöses Verbrechen gewesen. Die Blätter der jüdischen Thora seien sämtlich von Blut getränkt, — vom Blute der von den Juden ausgerotteten Völker und der Propheten, die ihre Strafreden mit dem Leben büßen mußten. . Ueber dieses Blatt, das notorisch nur von Hetze und Verleumdung lebt, fällte Professor Schiemann in der „Kreuzzeitung" folgendes vernichtende Urteil: ' „Die „Nowoje Wremja" ist während der ganzen Dauer ihrer Existenz eines der schädlichsten Blätter gewesen, die Rußland hervorgebracht hat. Sie hat jeden Chauvinismus gefördert, und das ist das einzige Feld, auf dem sie sich treu geblieben ist. Im übrigen schloß sie sich den Strömungen des Augenblicks au. Sie war religiös und national unduldsam, von rücksichtsloser Parteilichkeit, so daß es fast unmöglich war, von ihr die Znrechtstellung falsch berichteter Tatsachen zu erlangen." So ist das Bestreben der gesamten Reaktion in Rußland ausschließlich auf das eine Ziel gerichtet, das Judentum mit einem vernichtenden Schlage zu treffen und in seinen Sturz wenn möglich alle freiheitlichen Elemente mit zu verstricken. Mit Recht fällt die „Times" über diesen monströsen Prozeß von Kiew das Urteil: „Es wird täglich mehr und mehr klar, daß unter den Formen des Gesetzes ein hochernster politischer Kampf ausgekämpft wird. Dies ist nicht der Fall Beilis, es ist möglicherweise der Endkampf um die Existenz der ureigeutlicheu reaktionären Mächte, die eine unnachgiebige Partei, die gegenwärtig beinahe gänzlich isolierte extreme Rechte mit sämtlichen Reformelementen Rußlands führt." Sollte das Gericht in Kiew zu einer Verurteilung kommen, so würden für die Inden dort sicher wieder sehr böse Tage anbrechen, da die große Masse der slavischen Bevölkerung nicht sagen wird: „Die Maus hat das Mehl gefressen, sondern die Mäuse haben das Mehl gefressen." Der von der ganzen Welt moralisch Permteilte wäre dann freilich nicht Beilis und das Judentum, sondern seine Ankläger, und das beklagenswerte Opfer dieses schändlichen Justizverfahrens müßte sich dann mir dem Wort Friedrichs des Großen trösten: „Nur ein wirkliches Verbrechen schändet, nicht eine ungerechte Strafe." Wladimir Solowjoff. der intime Freund Dostojewskys und Tolstois, der sich als Russe mitschuldig an der unglücklichen Lage der Inden in Rußland fühlte, hat einmal in einer seiner Schriften die törichte und verbrecherische Judeupolitik des „Ministeriums der Volksaufkläruug" als eine der Ursachen seiner nervösen Schmerzen bezeichnet und schon 1890 in seinem „Protest gegen die antisemitische Bewegung in der Presse" mit allem Nachdruck darauf hingewiesen, daß die traditionelle Politik der russischen Regierung, die die Juden der elementarsten Menschenrechte beraubt, nicht nur „ihrem Wesen nach unsittlich, sondern auch äußerst gefährlich für die Zukunft Rußlands ist." Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, wird sich diese Voraussage Solowjoff» sehr bald erfüllen. Es gibt eben, wie der „Kiewljanin" mit Recht schreibt, „Heiligtümer, es gibt Tempel, die man nicht ungestraft stürzen kann". Die Lösung der Judenfrage und der Befreiung des russischen Volkes liegt, wie der russische -Dichter Mereschkowsky in einem Beitrag zum Kiewer Prozeß in der Frankfurter Zeitung schreibt, „in der gleichen religiösen Ebene. Solange Rußland seine Sünde an den Juden noch nicht abgebüßt, noch nicht gut gemacht hat, wird es keine Verzeihung, keine Freiheit erlangen können." * -r- & Der vorstehende Artikel war am Tage als der Freispruch Beilis im Kiewer Prozeß erfolgte bereits geschrieben, aber gerade die Stellung der Fragen an die Geschworenen und die Urteilsfällnng selbst bestätigen die Richtigkeit der obigen Ausführungen. Die Geschworenen konnten es wohl nicht mit ihrem Gewissen vereinigen, einen unschuldigen Menschen schuldig zu sprechen, aber sie brachten unter dem Drucke mächtig waltender Faktoren und im Banne einer mit ebensoviel Leidenschaft als Niedertracht eingeleiteten Agitation nicht den Mut auf, durch Verneinung der ersten an sie gerichteten Frage das Phantom des Nitualmordaberglaubens zu zerstören. Da wird wohl erst die im obigen Artikel angedeutete Regeneration der russischen Gesellschaft eintreten müssen, die hoffentlich auch eine glückliche Lösung der russischen Judensrage bringen tvird.