Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 44 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44. Die Wahrheit «Seite ö. In der 163. Sitzung des Abgeordnetenhauses hat der Abg. Teufel eine von den Abgeordneten Nieger. Lößl, Heine, Kroy, Kasper. Bernt, Felzmann, Dr. Michl, K. H. Wolf, Schnrl, Kopp, Hummer, Dr. Wichtl, Pacher Unterzeichnete Interpellation an den Jnstizminister gerichtet, welche den Zweck hat, einen in den Nummern 37 nnd 39 vom 13. und 27. Sept. 1913 des Znaimer „Deutscher Mahnruf" veröffentlichten Artikels, betitelt: „Neue verbesserte Geschichte der Juden" zu immunisieren. Wie Sie sich aus dem Wortlaute des der beiliegenden Interpellation eingefügten Artikels überzeugen wollen, enthält derselbe ein nnqnalifizierbares, direkt blasphemisches Pamphlet gegen das Judentum, welches die heiligsten Traditionen und Lehrsätze desselben in der gemeinsten und albernsten Weise in den Kot zerrt, Traditionen und Lehrsätze, die zum großen Teile Gemeingut der ganzen Knlturwelt geworden sind. Die Stellung des Jndentumes wurde es ihm erlauben, über dieses Machwerk achselzuckend zur Tagesordnung überzngehen, keinesfalls aber kann das Vorgehen jener Abgeordneten, welche sich durch ihre Unterschriften bereit gefunden haben, dieses Pamphlet der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen und hiednrch ihre Zustimmung zumindest zu dessen Tendenz offen zum Ausdrucke gebracht haben, unerwidert und, soweit es an uns Juden liegt, nngesühnt bleiben. Nach meiner innersten Ueberzengung, welche ich im Hinblick auf meine politische Stellung zum Ausdrucke zu bringen für meine Gewissenspflicht halte, macht sich ein jeder jüdischer Wähler des Verrates an Glaube nnd Stamm schuldig, welcher in Zukunft einem der auf dieser Interpellation Unterzeichneten Abgeordneten, w o r u n t e r sich auch der Ihres Wahlkreises b efindet, seine Stimme gibt nnd der nicht unter jeder Bedingung sein Votum für den Gegenkandidaten des betreffenden Abgeordneten, mag dieser Kandidat welcher Parteistellung immer angehören, abglbt. In der sicheren Ueberzengung, daß meine Glaubensbrüder, die hier in Betracht kommen, diese meine Anschauung voll und ganz teilen, habe ich mir erlaubt, dieselbe im Vorstehenden zum Ausdrucke zu bringen. C a m i l l K u r a n d ä, Reichsratsabgeordneter. Der Iirstizsklmdat in Kien». Die gesamte Kulturwelt ist sich wohl ohne Ausnahme darüber einig, daß das, was sich jetzt in Kiew nnd unttr dem Eindruck der letzten Dumaverhandlungen in der russischen Oeffentlichkeit abspielte, ein letztes verrweifeltes Ringen der reaktionären Machthaber ist, um die mit elementarer Gewalt zum Ausdruck kommende Empörung der Bevölkerung Über das Knntenregiment znm Schweigen zu bringen. Das ist offenbar auch die Auffassung hervorragender Politiker und Staatsmänner Rußlands, so weit sie nicht dem reaktionären Klüngel angehören. Im „B. T." wird als private Willenskundgebung eines Mannes, der schon einmal „das höchste Amt in Rußland bekleidet hat, nnd im Auslande oft mit Colbert verglichen wird" — womit zweifellos der frühere Ministerpräsident Graf Witte gemeint ist —, die Aenßerung mitgeteilt, mit diesem Prozeß werde die Absicht verfolgt, allen Angehörigen des russischen Reiches, so weit sie nicht der orthodoxen Gemeinde angehören, besonders den Inden die Menschenrechte zn rauben. Es gibt sogar Leute, die behaupten, daß der Beilisprozeß ans das ureigenste Betreiben des Zaren znrnckzuführen ist. Man braucht eben wieder einmal eine Pogrom-Atmosphäre, um sich einigermaßen Luft zn schaffen. In den untersten Schichten des städtischen Lumpenproletariats und unter dem kleinen Bürgertum, das sich durch die geschäftliche Konkurrenz der Juden bedrückt fühlt, findet die „Ochrana" und die Schar der „Schwarzen Hundert" genügende Helfershelfer für eine solche blutige Volksbelustigung. Wenn der Pöbel anfängt zu räsonnieren, dann ist alles verloren, hat einmal Voltaire mit Recht bemerkt. Die Judenfrage ist mit einem Mal wieder zum Kernpunkt der russischen Reaktion geworden. Wie sehr Herr Pnrischkewitsch, das geistige Oberhaupt der „Schwarzen Hundert" und erklärte Günstling des Zaren, der ihm erst im vorigen Jahre sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift geschenkt hat, die Situation beherrschen zn können glaubt, zeigte sein siegesbewußtes Anftreten bei der Verhandlung der letzten Interpellation in der Duma, wo er alle Gegner seines intimen Freundes und Kiewer Nebenklägers Zamylowsky als „dressierte Stare der Jndenschaft" beschimpfte. Das ist derselbe Pnrischkewitsch, der die wüste Agitation gegen die Inden einleitete, nachdem die erste Interpellation in der Duma über den Kiewer Mord keinerlei Tatsache für die Existenz eines Ritualmordes ergeben hatte. Ueber 600.000 Exemplare von Plakaten mit Abbildungen verschiedener fantastischer „Ritnalmorde" hat er, wie er sich öffentlich rühmte, durch Automobile im Lande verbreiten lassen, und die höchste Justizbehörde wagte es nicht, dem verbrecherischen Treiben dieses einflußreichen Günftlings des Zaren entgegenzntreten. Soll doch, wie der „National-Zeitnng" geschrieben wird, der Jltstizminister Schtscheglowitow dem Zaren auf eine Anfrage, ob der Mörder des Knaben Justschinsky immer noch nicht gefunden sei, geantwortet haben: „Gewiß, Majestät, wir haben ihn." Also mußte von der Staatsanwaltschaft Beilis der Prozeß gemacht werden, denn der Minister durfte doch dem Zaren nichts Falsches berichtet haben, wenn er sagte, daß der Mörder verhaftet sei. Gleichzeitig bot sich damit eine vortreffliche Gelegenheit, an den verhaßten Juden Rache zn nehmen für die revolutionäre Erhebung des russischen Volkes, die nach Ansicht dieser Kreise natürlich in erster Linie von den Inden veranlaßt worden sei. Für die russische Justiz ist es jetzt quasi Ehrensache geworden, die Anklage auf Ritnalmord unter allen Umständen aufrecht zu erhalten, und mit allen Mitteln den Beweis für das Vorliegen eines solchen Mordes zu erbringen. Wie viele widerspenstige Beamte, die aus die Intentionen der Zentralregierung nicht eingingen, weil sie ihr Gewissen nicht mit einer Lüge belasten wollten, sind diesem Druck von oben schon zum Opfer gefallen! Der Herausgeber des zweitgrößten konservativen Blattes in Rußland des „Kiewljanin", Professor Pichno, hat in einem Aufsehen erregenden Artikel eine erschütternde Darstellung der Leidensgeschichte der mit der Untersuchung des Mordes betrauten Beamten gegeben: „Die Ermordung Juschtschinskis als Ritnalmord zu begründen, war keine leichte Aufgabe. Der Chef der Kiewer Geheimpolizei, Mischtschnk lehnt? es strikt ab, den an Jnschtschinski verübten Greueltaten rituellen Charakter beiznlegen. Dem Rezepte Ssamysslowskis folgend, der Vorschlag, bei Untersuchung von Ritualmorden unverzüglich die gesamte örtliche Polizei zu entlassen, um an deren Stelle frische Kräfte heranzuziehen, beseitigte Staatsanwalt Tschaplynski den Polizeichef Mlschtschuk vom Amte. Er wurde sogar dem Gericht übergeben. Der Gerichtshof sprach aber Mischtschnk einstimmig frei. Nach dessen Amtsentsetznug berief die richterliche Gewalt den Gendarmerieoberst Iwanow nach Kiew. Dieser sicherte sich wirksame Hilfe in der Person des sehr gewandten Polizeibeamten Kraffowski. Oberst Iwanow hatte sich aber getäuscht. Auch Kraffowski, der die Sachlage sofort durchschaute, lehnte den rituellen Charakter des Mordes entschieden ab, schrieb vielmehr das Verbrechen einer Bande professioneller Uebeltäter zn, die sich um Wera Tscheberjak geschart hatten. In dieser Richtung wurde von Kraffowski eine energische Untersuchung eingeleitet, deren Ergebnis er der Staatsanwaltschaft unterbreitete. Als sich der Widerstand Krassowskis gegen den Ritualmordgedanken herausstellte, wurde er gleich seinem Vorgänger nicht nur seines Amtes entsetzt, sondern auch irgend eines Vergehens beschuldigt und dem Gericht übergeben. Nachdem auf diese Weise zwei Polizeichess aus dem Wege geräumt waren, kam'das Rad ins Rollen. Die gesamte Polizei, durch die entschiedene Handlungsweise des Staatsanwalts des Gerichtshofes in Furcht und Schrecken versetzt, verstand nur zn gut, daß, wer mir ein Wort äußert, das den Vorgesetzten nicht genehm ist, nicht allein sein Brod verliert, sondern außerdem noch hinter Gefängnismanern gerät. Unter solchen Verhältnissen war es natürlich, daß alles verstummte nnd nur die Auffassung des Ritnalverbrechens, dem Herrn Staatsanwalt zur Freude, über alle anderen Auslegungen Triumphe feierte."