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Die Wahrheit · 1913-11-14 · Heft 44 (14.11.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 44 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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<öeile 4. Die Wahrheit. dtz. 44. in den umliegenden Gassen, die über Anregung der Bezirksvorstehung und im Aufträge des Bürgermeisters beleuchtet waren, standen viele Hunderte, die mit trauernden Herzen dem geliebten Heimgegangenen die letzte Ehre erweisen wollten. Im Tempel waren nebst den Familienangehörigen das Präsidium der Kultusgemeinde mit der Mehrzahl der Vorstandsmitglieder, alles was in Wien zu den jüdischen Repräsentanten zählt und Vertreter auswärtiger Gemeinden anwesend. Auch die Galerien waren von Damen und Herren dicht besetzt. Das Oraim Hakodescli war schwarz drapiert und vor demselben stand der Sarg, an dem die Vorsteher der Chewra- Kadischa die Ehrenwache hielten. Zn Beginn der Trauerseier stimmte Oberkantor Morgenstern mit dem unter Leitung des Chordirigenten He imann stehenden Tempelchore den wirkungsvollen und herzbewegenden Snlzerschen Trauerchoral „Scbiwisi“ an, und als der wehmütige Sang verklungen war, trat Oberrabbiner Dr. Güdemann vor und schilderte mit solgenden Worten den Heimgegangenen Lehrer des Gotteswortes: Andächtige Tranerversammlnng 1 Der vielgeliebte, älteste Lehrer unserer Gemeinde ist nicht mehr. Gott hat auch diesem Abraham, wie einst dem Patriarchen, zugerufen„Ziehe hinweg!" Er hat aber auch an ihm erfüllt, was er jenem verheißen: er hat ihm ein gesegnetes, langes Leben beschieden, er hat^ seinen Namen groß gemacht und er ist selbst ein Segen geworden, ein Segen für unsere Gemeinde und für das ganze Judentum. Sein Wort war wie der Tau: es hat die Herzen erweicht, erfrischt und befeuchtet. Schon ein hochbetagter Greis, betrat er zum erstenmale diese Kanzel, aber selbst als fein Reden nur noch ein Flüstern war, drängten die Zuhörer an die Kanzel heran, um seinen Worten zu lauschen. Denn es waren keine Worte, die bloß von den Lippen kamen, sondern sie drangen aus einem für die Religion erglühten Herzen nnd darum gingen sie zu Herzen. Er verstand es überdies, den reichen Gedankeninhalt seiner Reden mit dem Blumengewinde rabbinischer Gleichnisse und Auslegungen zu bekränzen. So vereinten sich in seinen Reden, was ihnen ihren besonderen Reiz verlieh. Altes und Neues, talmudische Gelehrsamkeit und moderne Bildung. Er lebte aber auch, was er lehrte. Dieses Haupterfordernis. das ein Rabbiner besitzen muß und das er in vollstem Maße besaß, gab seinem Wesen das Gepräge nnd begründete seine allgemeine Verehrung. Er war ein Charakter. In der unscheinbaren, zarten Gestalt wohnte ein aufrechter, starker Geist, mit seiner großen Bescheidenheit verband sich der Mut der Ueberzeugung. Er sprach mit Abraham: „Ich bin Staub und Asche", er sprach auch mit ihm: „Hier bin ich", wenn es galt, für Recht und Wahrheit einzutreten. Er war ein Vater der Armen, und unter dem Schnee des Alters loderte die jugendliche Begeisterung für unseren Glauben, für die jüdische Wissenschaft und die Ehre unserer Gemeinde. So haben wir ihn gekannt und verehrt, so wird er im Andenken der Nach- -welt fortleben! Hierauf stimmte Oberkantor Morgenstern das Joschew besesser an, der Sarg wurde gehoben und unter'Vorantritt des Vorstandes der Knltusgemeinde nnd Chewra-Kadischa, sowie gefolgt von sämtlichen Wiener Rabbinern und der gesamten Trauergemeinde aus dem Tempel getragen. Beim Heraustragen wurde bei Vielen ein geradezu rührendes Zeichen besonderer Anhänglichkeit beobachtet, indem sie das Bahrtuch, das den Sarg verhüllte, küßten. Vom Tempel aus bewegte sich ein fast unabsehbarer Trauerzug nach dem Zentralfriedhofe. Die Zeremonienhalle konnte gleichfalls den großen Andrang der Trauergäfte nicht fassen und viele Delegierte und Gemeindemitglieder füllten die Alleen des Friedhofes. Nach Vortrag des Hazur tomim sprachen die Gemeinderabbinen Dr. G r n n w a l d, Dr. Rose nmflnn, Dr. Bach und Dr. Feuchtwaug und dann trat der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern an die Bahre und hielt folgende Rede: „Für unsere Gemeinde, für deren Vorstand liegt es mir ob, ein letztes Abschiedswort dem Dahingeschiedenen zu sagen und nicht allein für den Knltnsvorstand, auch für den Bethausvorstand, für die „Israel. Allianz", für unser Bet-ha-Midrasch, für das Kuratorium der Israel. Theologischen Lehranstalt und noch für eine Reihe anderer Anstalten, ihrer Vorstände und Kuratorien, sowie für die Vorstände auswärtiger Kultnsgemeinden, welche auf telegrafischem Wege mich darum ersuchten, soll ich sprechen. Schon diese Aufzählung zeigt wie umfassend und tiefgreifend in unserer Gemeinde die Tätigkeit und die Einflußnahme des Dahingeschiedenen war, wie weithin, weit über unsere Gemeinde hinaus, sein Ruf, der Ruhm seines Namens leuchtete. Von berufenster, sachkundiger Seite ist dort an der Stätte seiner vieljährigen Tätigkeit und ist auch hier in diesen Räumen so viel Rühmenswertes über seine Bedeutung als Kanzelredner, über seine wissenschaftliche Bedeutung gesagt worden, daß ich mich diesfalls an das von dem letzten eben gehörten Redner zitierte Bibelwort: „Ihr habt nichts hinzuznfügen und Ihr habt nichts davonznnehmen" anschließen möchte und wie oft war ich, ein fleißiger Tempelbesucher, Zeuge der andachtsvollen Stille, Mit welcher eine tausendköpfige Zuhörerschaft den aus der Tiefe des Herzens quellenden Worten des Dahingeschiedenen lauschte. Mehr als vier Dezennien seines 67 jährigen segensvollen Wirkens in seinem heiligen Berufe waren der Wiener Gemeinde geweiht. Aus der Fülle seines Wissens, ans der Tiefe seines edlen Herzens schöpfte er die Kraft einer Beredsamkeit, die Ungezählten Erhebung und Belehrung, Trost und Herzensfreude bot. Die grenzenlose Hingabe an seinen Beruf, die Liebe zu feiner Gemeinde, seine Lebensführung und eine ungewöhnliche, tiefinnerliche Bescheidenheit schufen zwischen ihm und der Gemeinde ein unzerstörbares Band. Wie schmerzlich war mir die Wahrnehmung, wie in den letzten Jahren er endlich den schweren Kampf mit seinen Stimmmitteln, mit denen er das gewaltige Gotteshaus zu beherrschen nicht mehr vermochte, endlich aufgeben mußte, seine ihm so unendlich teure, liebgewordene Kanzel nicht mehr betrat und wie schwer wurde es ihm, als er auch das Gotteshaus nicht mehr zu besuchen vermochte. Da nach dem sabbatlichen und feiertäglichen Gottesdienste hielt ich es für meine Pflicht, der ich auch vom Herzen gerne nachkam, ihn in seiner im selben Gebäude gelegenen Wohnung anfzusnchen und ihm — ich traf ihn immer lesend nnd beschäftigt, mit dem soeben im Tempel vernommenen Gottesworte — hierüber sprechen und seine neuen Erklärungen und Ausführungen zu hören. Ein kaum mehr erkennbarer, entschwundener, fast wesenloser Körper, eine verklärte, wie aus Himmelshöhen sprechende Seele! So war es auch in den letzten Wochen, als er am Schabbos Bereschith über die wunderbare Geschichte der Schöpfung und am folgenden Sabbat über die Sündfluth mir sprach, bis eben die Besuche aufhörten, als an ihn der an unseren alten Stammvater ergangene Ruf erging: Zieh' hin i>ib>. Ein herzliches persönliches Abschieds- und Dankeswort zu dem vielen, vielen Danke, welchen ich namens unserer Gemeinde, unseres Vorstandes und all der vielen Korporationen zu sprechen habe, renn1? pnat ‘■o?" Es sprachen weiter noch Rektor Professor Dr. Schwarz namens der theologischen Lehranstalt und Präsident Salo Cohn namens der Chewra und hierauf wurden unter wehmutsvollen Klängen der üblichen Trauergesänge, die sterblichen Reste Doktor Adolf Schmiedls unter tiefer Bewegung der großen Trauerversammlung zu dem von der Knltusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe geleitet und daselbst zur ewigen Ruhe bestattet. Er ruhe in Frieden! Offenes Sendschreiben des Reichsratsabgeordneten Camitl Knranda. Unter Bezugnahme auf eine von mehreren Abgeordneten im Abgeordnetenhause eingebrachte, das Judentum verunglimpfende Interpellation hat der Reichsratsabgeordnete Hofrat Knranda an die jüdischen Wähler der betreffenden Abgeordneten unter Beilage der Interpellation folgendes offenes Sendschreiben gerichtet :

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