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Die Wahrheit · 1913-11-14 · Heft 44 (14.11.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 44 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aßrfjeit Redaktion und Sldministration: Wien, II/, Novaragasse 27 Televhon: Redaktion 5509/1V. Allabhängige Hertschnft für jüöische Äunzlührig.K >4.— .K 7.— Administration 4938/11, X. k. üsterr. Voftsvarkaffa- 8che«t»Konlo Sir. 100.918. Interesse». Für DiltnSbemnte: (Muiigiiituiii.KIU.- Inserate: Dir viermal geivaltene Ronpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ilreitng. Für Ausland: Abonnement»- »nd Insertion»- •iWiujtiitU'iil.8 Mark betrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Oottes ist Wahrheit!“ 8!»uvel oder Ui Frc». |lr. 44. Wien, 14 November Inhalt: Rabbiner Dr. Adolf Schmied!. — Offenes Sendschreiben des Reichsratsabgeordneten Camill Kuranda. — Der Justizfkandal >n Kiew. — Max Ritter von Gomperz. — Protestversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus gegen die Ritualmordlüge. — Iggereth Mussar. — Eine Bemerkung. — Kaiser Franz Josef I. Huldigungstempel. — Verschiedene Nachrichten. — Das Martyrium eines Idealisten. — Publikationen des Oesterr.-ungar. Kautoren-Vereines. I Rabbiner Dr. Adolf Schmied! I gestorben am 7. November 1913. > Von Dr. Feuchtwang. In tiefempfundener Trauer gedenken wir eines bedeutenden Lehrers in Israel, der vor wenigen Tagen im Alter von dreiundneunzig Jahren in die Ewigkeit eingegangen ist. Mehr als sechzig Jahre stand er im Dienste unserer heiligen Sache. Und er hat ihr mit beispielgebender, heißer Hingebung gedient. Wie ein wahrhaft treuer Gottesknecht. In einem kleinen Städtchen Mährens, in Eibenschitz geboren, widmete er sich schon in frühester Jugend der rabbinischen Wissenschaft. Er war ein Schüler der alten Talmndschnle, aus der so viele große Männer hervorgegangen waren und deren Mangel, so. wenig wir mit ihren Unterrichtsmethoden heute einverstanden sein können, dennoch tief ^empfunden wird. Sie stellte wurzelechte, wissengetränkte Schüler aus, die mit der Muttermilch schon die jüdische Wissenschaft eingesogen hatten. Kam dazu moderne und profane Schulung und Bildung, dann konnte daraus etwas in seiner Art' Vollkommenes werden, tauglich für den schweren Beruf des Rabbiners und Predigers. Schmied! war ein echter Rabbi und ein moderner Maggid, der den Geist der ganzen Talmndwissenschast, den Geist der Halacha und ganz besonders der Agadah in sich als lebendige Kraft fühlte und in seinen, aller zwingenden Kunstform abholden Predigten zum mächtig wirkenden Ausdruck brachte. Nicht als ob ich dieser Knnstsorm ihr Recht und ihre Notwendigkeit absprechen wollte. Im Gegenteile. Wir Jüngeren dürfen diese Methode nicht auwenden, sondern müssen unseren Kanzelreden sowohl nach Form als nach Inhalt stilgerechten . Aufbau geben. Er darf aber nicht Alles sein. Ganz besonders aber darf die Form nicht alles, der Inhalt nichts sein. Die in stetem Niedergang begriffene Kenntnis der jüdischen Wissenschaft im allgemeinen, der talmndisch-midraschischen im besonderen auch in Kreisen, wo sie geradezu das Lebensmark und den Lebensnerv bildet, verursacht gleichzeitig auch einen Niedergang der Kanzelberedsamkeit. S ch m i e d l s Art zu predigen war ungemein populär und wirknngsicher. Er schöpfte ans vollem Geiste und vollem. Herzen, er fühlte sich stets als Lehrer der Gemeinde, die zu ihm in begeisterter Verehrung aufblickte. Weil er sich nach alter Weise als Lehrer fühlte, war er auch ein ausgesprochener Lehrerfreund und erhielt sich bis in das späteste Greisenalter eine kindliche Seele, welche auch in seinen Gelegenheitsgedichten oft zum Ans drucke kam, die er zu Wohltätigkeits festen gerne verfaßte. Als echter Talmud-Chacham blieb er auch Schüler, Unaufhörlich lernte er und noch mit siechem Leibe und halberblindeten Augen fand man ihn bei seinen geliebten Büchern. Die Thorah im weitesten Sinne war seine heißeste Liebe. Sie war ihm Lebensbanm und Lebensziel; an ihr hing er Tag und Nacht, über sie sprach und dachte er ohne Unterlaß. Ein Zusammensein mit ihm war gleichbedeutend mit Lernen und Lehren. So hat er es geübt von Jugend au und ward zum Gelehrten, Sein Lieblingsgebiet waren die jüdisch-arabischen Philosophen, insbesondere Saadia, den er gründlich durchforschte. Das populärste Werk aus Schmiedls Feder ist: Sansinnim, Betrachtungen über die fünf Bücher Mosis, ein weit verbreitetes Buch, das den Verfasser am besten charakterisiert. Geistreich, gesühlsinnig, poetisch, echter Agadahgeist mit modernem Zeitgeist - verbunden, sein-popnlär und doch gelehrt. — Die wissenschaftlichen Arbeiten sind philosophisch, manche Philologisch. Bis vor wenigen Jahren veröffentlichte der Unermüdliche die Ergebnisse seines Denkens. Seine größten Arbeiten auf diesem Wissensgebiete sind: Studien über jüdische, insbesondere arabischjüdische Religionsphilosophie (Wien 1860) und Kollekte: neu' zur Literatur der spanisch-portngiessichen Juden. Auch „Zur Geschichte der allegorischen.Schristauslegung" lieferte er bedeutende Beitrüge. Diese Auslegnngsart war ja auch ans der Kanzel seine Stärke und sicherte ihm den großen Erfolg.- Als Mensch war Schmied! ein Muster der Einfachheit und Bescheidenheit, eine demütige Gelehrtennatnr, anspruchslos bis znm Extrem, von puritanischer Einfalt im Leben. Rastlos tätig, immer bei den Büchern; im Umgang liebenswürdig, im Denken tolerant und und freimütig. Der unansehnliche, zarte Mann hatte einen reichen, rastlosen Geist. Die Krone des Greisenalters trug er mit Würde; er war eine Zierde seines Standes, ein Schmuck der Gemeinde, eine Ehre für das Judentum. Die Lehrer in Israel haben einen Meister verloren. Wir beweinen ihn und gehen weiter an die schwere Arbeit. Schmiedls Andenken sei gesegnet! * ' In großartiger und durch die Masse der Teilnehmer geradezu imposanter Weise fand Sonntag, den I. d. M., 10 Uhr vormittags vom Leopoldftädter Tempel aus das Leichenbegängnis des von Groß und Klein allgemein verehrten Seelsorgers statt. Das große Gotteshaus konnte die Anzahl der Trauergäste nicht fassen und in den beiden Tempelhösen, sowie

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