Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 43 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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verte 8. __ _ ' Die^Mahrheit . ....... ,, ___ Nr. 43. dem Prozeß lügen dürfe, um dadurch den Prozeß-zu gewinueüR Der Anwaltstag fei sich darüber ohne jede Ausnahme einig gewesen, daß es absolut unzulässig sei, daß eine Partei im Prozeß eine Behauptung aufstellt, von der sie weiß, daßsie nicht zulrifft. Nur in denjenigen, ganz besonders gelagerten Fällen soll die Wahrheitspflicht zurücktreleu dürfen, wenn ihre Befolgung dem Unrechte zum Siege verhelfen würde. Der Vorstand des Auwallstages gibt hiezu noch folgende durchschlagende Begründung: »Es ist dies sicher ein Standpunkt, der sich wohl vertreten läßt, Mid es wäre töricht, wenn man den Anhängern dieser Anschauung Laxheit der moralischen Auffassung vorwersen wollte. Der Anwaltstag ist aber noch weiter gegangen und hat sich auch in diesen Äusnahmefällen für die absolute Wahrheitspflicht ausgesprochen. Beide Referenten hatten diese absolute Wahrheitspflicht, die Wahrheitspflicht durch dick und dünn, wie sie ein Debatteredner nannte, gefordert und ihren Anträgen ist der Deutsche Anwaltslag mit großer Majorität beigetreten, indem er ganz allgemein erklärt hat. daß es unzulässig ist, wissentlich unwahre Behanpinngen wissentlich zu bestreiten. Angesichts dieses Sachverhältnisses ist es geradezu unverständlich, - daß jetzt noch irgendwelche Zweifel über die Anschauung des Deutschen Anwallstages obwalten können. Der Anwaltstag hat sich für die unbedingte Unzulässigkeit der Unwahrheit im Prozesse klar und deutlich ausgesprochen." Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß die von den Herren. Zustizrat Heilberg und Rechtsanwalt Mittelstädt beantragte Resolution — also diejenige Auffassung, die von der „T. R." nachträglich als „ganz besonders erfreulich" bezeichnet worden ist — von den nach vielen Hunderten zählenden Teilnehmern gegen eine Minderheit von ^rwa—4(3^ Stimmen angenommen worden ist. Da auf dem Deutschen Auwaltstage die Anwälte, aus. den Großstädten und größeretr^MMelstadten — und damit auch^dasjüdis cheElement^—^ ziemlich zahlreich vertreten zu sein pfle gen/^fo^kann^me nationalistisch-antisemitische Presse daraus ermessen, wie wenig begründet ihre Behauptung istXdaß die jüdischen Anwälte eine laxe Moral in die Rechtspflege hineingetragen haben. Das jüdisch-arneriknrnsche Waisen hans nt Cleveland (Jewish-Orphan- Asylum). Vor einiger Zeit ist in einer österreichischen jüdischen Wochenschrift ziemlich ausführlich über die jüdischen Wohlfahrtseinrichtnngeu und Waisenhäuser in Amerika berichtet worden, wobei jedoch gerade das größte nnd best geleitete jüdische Waisenhaus in Cleveland keiner Erwähnnng gewürdigt wurde. Bis 1878 war allerdings dieses Waisenhaus nur eine kleine Anstalt,' in der etwa 2Ö0 jüdische Waisenkinder bis zum 16. Lebensjahre erzogen wurden. Auch hatten die entlassenen Pfleglinge in der Regel keine Mittel, sich fortzubilden. Das änderte sich aber, als im Jahre 1878 der Bankier Goldschmid, ein gebürtiger Prager, zum Präses der Verwaltungskommission gewählt wurde und die Berufung des Dr. S. Wolfeustein, eines Mährers von Geburt, der damals Rabbiner in St. Louis war, zum Leiter unseres Waisenhauses bewirkte. Diese beiden Männer haben durch zweckmäßige, gründliche Reformen das Waisenhaus zu einer Mnsteranstalt umgeschaffen, nnd das in sehr kurzer Zeit. Neben Vervollkommnung und Ausgestaltung der Einrichtungen an der Anstalt wurde namentlich Vorsorge getroffen, daß begabte Pfleglinge noch während ihres Aufenthaltes in der Anstalt die sogenannte 'high scoole — etwa Untergymnasinm oder Lyzeum — absolvieren und eventuell auch weiter die Universität, Lehrerbildungsanstalt oder ein Rabbinerseminar bis zum vollständigen Abschluß ihrer Studien ans Kosten der Anstalt besuchen konnten. Infolge dieser Einrichtung sind aus den Pfleglingen unseres Waisenhauses mehr als 3000 Männer zu Advokaten. Architekten, Aerzten, Lehrern, Rabbinern, Ingenieuren, Schriftstellern usw. ausgebildet worden.'; Da aber die Mittel der Anstalt durchaus nicht ansreichten, namentlich durch' das Hiuzukommen zahlreicher Waisenkinder aus Rußland, so haben die Herren Goldschmid s. A. und Dr. Wolfenstein eine-intensive- Sammlung eingeleitet und in kurzer. Zeit mehr -als drei Millionen Kronen zusctmmeugebracht. So konnte im Jahre 1866 ein Neubau ansgeführt nnd für 500 bis 600 Waisenkinder eingerichtet worden. Die Einrichtung -und die Organisation dieser großartigen und selbst in Amerika einzig dastehenden Anstalt mit ihren hervorragenden -'Lehrkräften und Krankenpflegern und mit denmoderusten hygienischen Vorkehrungen ansgestatteten Anstalt ist genau nach der Anleitung des Herrn Dr. Wolsenstein ausgeführt worden. - -V- , . Räch dem leider viel zu früh erfolgten Tode des Präsidenten Goldschmid hat Herr Dr. Wolfenftein allein die Ver» einigten Staaten Und znm Teil auch Kanada bereist und viele Millionen für die Anstalt gesammelt. Trotz seiner aufreibenden Tätigkeit znm Wohle unseres Waisenhauses hat er sich auch als Mitglied des städtischen Schulrates und Stadtrates hervorgetan und im Vereine mit dem ihm innig befreundeten katholischen Erzbischof Newman viele gemeinnützige Anstalten in der Stadt Cleveland ins Leben gerufen. Aber Herr Dr. Wolfenstein war nicht nur der gewissen-- hafte Leiter der Anstalt, er war auch der liebende, fürsorgende Vater der ihm anvertranten Waisen, der an jedem Krankenbette- Nächte hindurch gewacht und um das körperliche und geistige- Wohl seiner Pfleglinge in gleicher Weise besorgt war. Selbst eigenes Familiennnglück. das ihn oft heimsnchte, konnte ihn von seiner Fürsorge für die armen Waisenkinder nicht abbriugein Als er nun sich entschließen mußte, wegen der Last des Greisenalters nach einer fast 36 jährigen segensreichen Tätigkeit, von seinem Amte zu scheiden, da geschah es unter seltenen, in Amerika bisher fast nicht vorgekommenen Ehren. ' Rührend sind die Worte, die dem scheidenden Beamten die orthodoxe „Jüdische Welt" in Cleveland widmet. - Mit - Ehrfurcht und einem Herz voll Segen steht heute das amerikanische Jndentum, namentlich aber die Judenheit Clevelands, vor dem Mann, der 36 Jahre seines Lebens denk Wohle der Menschen gewidmet hat — vor Dr. Samuel Wolfenstein. Selten hat ein Mensch Gelegenheit,- auf eine so glänzende Vergangenheit, auf eine so herrliche Zeit von 36 Jahren dev Menschenliebe zurückznblicken, wie Dr. Wolfenstein, der vorigem Sonntag sein Amt als Superintendent des Clevelander jüdischen- Waisenhauses niedergelegt hat. Nicht Geld und yicht Ehrsucht haben vor 36 Jahren den 36 jährigen Rabbiner von St. Louis bewogen, die Leitung unseres Waisenhauses zu übernehmen, sondern nur sein edles' Herz und seine große Seele hießen ihn Vater werden für" Tausende jüdische- Kinder, denen das Schicksal den Vater und- Erzieher entrissen hat. Und er war ein treuer Vater, ein wahrer ll'viv!' »2# (Vater der Waisen!) Aber nicht nur war, er ist noch der Vater von unzähligen Kindern und -Erwachsenen^ Denn es ist eine bekannte Tatsache, daß die Tausende Kinder,', die er erzogen und denen er einen Teil seiner edlen Seele ein-- gehaucht ' hat. unter denen sich -.Rabbiner, Advokaten, Aerzle, Künstler. Bankiers und Schriftsteller befinden, nichts von Bedeutung unternehmen, ohne den guten Vater Dr. Wolfenstein, anznfragen. ' .. - Aber nicht nur ein Vater der Kinder war er. Das ganze Waisenhaus hat er umgeschaffeu zu einer Musteranstalt, für alle Welt. Inden und Christen aus verschiedenen Gegenden sind zu> uns gekommen, um die Einrichtungen zu studieren^ die Doktor Wolfenstein eingeführt hat und sie haben dann in ihrer Heimat ähnliche Anstalten geschaffen. Die Orthodoxie Clevelauds ist mit vielen Prinzipien' Wolfensteins nicht einverstanden gewesen.' Aber was bedeuten Meinungsverschiedenheiten gegen ein.Lutes Herz und eine edle Seele! ' -;v Und jetzt, da Dr. Wolfenftein > von der Anstalt scheidet^, die unter seiner Leitung der Stolz des Judentums-geworden: ist, wünschen wir ihm, und wir sind sichep.-im Namen aller ortho^