Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 43 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die weiter beschäftigen. Uebrigens bleibt es den Betenden auch unbenommen, und schon unsere Alten billigten dies, die Gebete in der von ihnen verstandenen und ihnen geläufigen Sprache zu rezitieren. Aber, machen wir nicht die Beobachtung, hast auch keine Ruhe im Golteshause herrscht, wenn, allen verständlich, der belehrende Teil, die Predigt, in ihre Rechte tritt? Freilich muffen wir verlangen, daß diese volkstümlich, d. h. allen verständlich. sei. Sie bringe jedem etwas. Der Prediger aber kann die Rücksicht von seiner Zuhörerschaft verlangen, daß sie seinem Worte lausche und es nicht zum Gegenstände einer, oft nichts weniger als wohlwollenden, Kritik mache. Das Gotteshaus ist kein Theater und kein Konzerthaus, aber auch keine Stätte für Volksversammlungen, in denen der Redner unterbrochen wird, oder Zwischenbemerkungen gemacht werden. Aestbetik im Gottesdienste! Das heißt: Andacht verbunden mit dem Gefühle für Würde und äußere, schöne Form. Diese Forderung äufzustellen und auf ihre Durchführung zu dringen, scheint mir viel bedeutender zu sein als der Streit darüber, was wichtiger im Gottesdienste sei, der Gesang oder die Predigt. Der Gesang wird gefordert. Mau gehe in eine Dorfkirche, Sie ist gefüllt von Andächtigen, deren Bildung oft auf keinem hohen Niveau steht. Und sie alle singen in harmonischer Weise die Kirchenlieder, ohne daß jemand den anderen „überschreit". Warum haben wir keinen solchen Gemeiudegesaug? Der ließe sich doch leicht durchführen, wenn schon die Kinder in unseren alten Gesängen unterrichtet würden. Der protestantische Gottesdienst ist gewiß ein einfacher, nüchterner, möchte ich sagen. Die ganze Gemeinde, Männer und Frauen, singen mit, und wenn der Prediger die Kanzel besteigt, dann lauscht alles in stiller Andacht. Auch bei uns ließe sich, mit etwas gutem Willen. Gemeindegesang mit Predigt in harmonischer Weise verknüpfen. — Die Hebel wären auch hier beim Unterrichte der Jugend anzusetzen. Die Jugend ist bildsam, sie läßt sich führen. Niemals aber sollte es geduldet werden, daß die Jugend die Synagoge als einen Ort betrachte, au dem sie. der Würde der Stätte nicht eingedenk, in freier, oft zügelloser Weise sich benehmen darf. — „Caveant consules.“ „Die Konsuln mögen dafür Sorge tragen, daß das Staatswesen einen Schaden nicht leide", sagten die Römer, wenn der Staat sich in Gefahr befand. Sorgen auch wir für unsere Haut, und bessern wir den Leckalr hä-Bajithu, die Schäden, an denen unser Haus vielfach leidet. Da gäbe es keine Eifersüchtelei, keine Verkleinerungssucht, kein Nörgeln und Kritteln. Die große Sache des Judentums stehe nns höher als das ewige Rivalisieren der Persönlichkeiten. Es mag ja richtig sein: Das Judentum verlangt Pfiege im Hause, und da gibt und gilt es, manchen „Bedek“, manchen Schaden zu verbessern. Im Gottesdienste aber tritt das Judentum in die Erscheinung. Und wir wissen es gar wohl, daß die Augen der ganzen Welt, mehr denn je, ans uns gerichtet sind. Daher wollen wir alles Unschöne, alles Anstößige und Anstoß zu erregen Geeignete aus ihm entfernen. Da müssen wir aber alle einträchtig znsammenarbeiten. Nicht immer darauf Hinweisen. So wars und so soll es bleiben. „Sint. ut sunt, aut non sint,“ „es sei, wie es ist oder sei nicht", das ist ein Satz für Träge. Willenslose, paßt aber für uns, die wir in ganz veränderten Verhältnissen leben, durchaus nicht. — Pietät zu üben, für das, was überliefert wurde, ist schöne, jüdische Sitte. Aber Sache der Klugen ist es, sich die sehenden Augen nicht zu verschließen und für sein Haus Sorge zu tragen, ehe es, infolge erlittener Schäden, zusammenbrichl. Es sind Betrachtungen eines aufinerksamen Beobachters von Erscheinungen m unserem Judentume, die in diesen Zeilen, ihren Ausdruck finden. Er wird es gerne sehen, wenn sie Anlaß und Ausgangspunkt einer sachlichen Diskussion bilden, die zur Besserung emgerissener Uebelstände führen. Nur mißverstehe man das Wort von der „Aesthetik" im Gottesdienste nicht. Höher als die „Aesthetik" steht die „Ethik". Wir wünschen sicherlich eine Veräußerlichung des Gottesdienstes nicht. Er muß vor allem auf das Gemüt einwirken. Zu diesem Zwecke soff er verständlich sein und nicht ermüden. Aber Ethik und Aesthetik mögen Hand in Hand gehen. Laßt uns auch hier voy den Wahrheit. Nr. 4ll. Anderen lernem Wie sehr wirkt ein ästhetischer Gottesdienst - nicht allein auf die Sinne, sondern auch auf das Herz. Andacht und Würde im Gottesdienste, sei' es nun,/ daß sie durch harmonischen, schönen, zn Gemüte gehenden Gesang, sei es, daß sie durch inhaltrstiche. kräftige, vom Herzen kommende und zum Herzen gehende Rede bewirkt werden, darauf seien nicht nur die im Gottesdienste Fungierenden bedacht, sondern auch namentlich die, welche das Gotteshaus besuchen, nicht um hier das eitle Getriebe des Marktes und der öffentlichen Zusammenknnftsorte fortznietzeu, sondern um die ewigen Wahrheiten des Judentumes zu erkennen und sich durch seine alten, innigen Gebete zu erbauen. Tiefe, wahre Andacht ließe sich mit ästhetischem Wohlgefallen nicht vereinen? Nur wer unser Judentum -der Erstarrung preisgeben will, kann dies behaupten. Auch wir leben in der, Zeit und mit der Zeit und müsseu ihren Anforderungen Rechnung tragen. Sonst wird ihr Strom über uns hinwegbrausen. Die Verinnerlichung. des Gottesdienstes hindere uns nicht daran, auch der schönen Form zu genügen. Und so laßt uns,^ besonders unserer Jugend, die herrliche, köstliche Frucht des Hudeittnmes in der prächtigen Schale reichen und Ethik und Aesthetik harmonisch miteinander verbinden. Isch Jehudi. Dr. Adolf Schmied!. Weit über die Gemarkungen der Wiener Kultnsgemeinde hinaus wird mit schmerzlicher Teilnahme die Nachricht ausgenommen werden, daß Dr. Adolf S ch m i e d l, der Nestor der WienerRabbiner und Altmeister des gesamten Nahbillerstandes, mit dem Tode ringt, und in angstvollem Bangen wenden sich die Blicke der Wiener Jndenschaft nach dem puritanischen Heim in der Ferdinandsstraße, wo ein vielgeliebtes, inhaltsreiches,,dem Allmächtigen und der Menschheit voll und ganz gewidmetes Leben zn Ende neigt. Dieses Bangen gilt nicht nur dem großen Kanzelredner und gelehrten Forscher, sondern vielmehr noch der patriarchalischen, von Liebe für seine Gemeinde erfüllten Persönlichkeit des allverehrren Seelsorgers, der wie selten Einer durch Wort und Tat den Weg zu den Herzen der Gemeindemitglieder gesucht und gefunden hat. In diesem Herzeuskontakt liegt auch der Grund für die echte und wahre Verehrung, die der greise Rabbiner allseitig genießt und der kein .Seelsorger entraten kann, wenn seine Wirksamkeit von dauerndem Erfolge sein soll: er muß der Liebe haben, sonst bleibt er ein tönendes Erz und eine kliugeitde Schelle. Die vom Herzen kommende und zu Herzen dringende Innigkeit, die ans allen Reden und Taten Dv Schmiedls klang, errang ihm überall nur Liebe und Anhänglichkeit Und durchdrungen von diesen Gefühlen sind die Repräsentanten der Gemeinde an seinem Sterbebette versammelt, um ihnen bis zum letzten Momente Ausdruck zn leihen. Der sran;östsche Esprit und das Klntmiirchen. Die magnetische Kraft des französischen Geistes hat seit Jahrhunderten die Welt beherrscht. In den meisten europäischen, : asiatischen und afrikanischen Ländern wurden französische Sprache, französische Kultur, Sitten und Formetl gepstegt, kultiviert. Selbst ein deutscher Fürst, nämlich Friedrich der. Große, hatte * der französischen Sprache mehr Änfmerksamkeit geschenkt als der deutschen und seine Untertanen ahmten es ihm nach. Mendelssohn konnte daher nicht umhin, in seiner Schrift: „Philosophische Gespräche" den Deutschen den Vorwurf zu .machen,- daß sie sich unter das Joch des französischen Geschmackes bangen, während sie den tiefen Gehalt ihres Geistes verkennen: „Werden denn die Deutschen niemals ihren eigenen Wert erkennen?"' Durch Lessing ermuntert, wagte er sogar, die poetischen Produkte des Königs Friedrich II. in eitler Zeitschrift „Die. Literaturbriefe" ■ zu rezensieren und dessen Verachtung .und Geringschätzung der! deutschen Sprache in zwar sehr sanfter Weise zu tadeln. „Fedev; Pers beinah' ist ein Zug vom Charakter, dieses Prinzeu und.