Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 43 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»tedaktton und Administration: Wien. II,, Avvaiagasse 27 Telt&Dou: Redaktion 5508/1V. - Hbminutratiou 4988II. Unabhängige Aeitfchnft für jüöifche Verngot'rew: <$iuii)ttil)ritl.K l*.— fciUbliibvi,i. K 7.— H. *. Ofterr. Nostsvarkaffa» 6d}«Mtomo Dir. 100.918, Snlerate: Interessen. Fnc JfiiUii»biriunte: lii.iiniiibviii ..... K it> ~ Dlx viermal gesvaitene »tonvareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ireitag. Flic -Kurland: ibonnemcnlS- und Jnserlionsbmäge nnb in Wien zahlbar : 5inb {loflöar. i Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ .8 Wurf ti Rubel ober IN Nee». Nr 43 Wie,» 7. JloucmUcv Inhalt: Aesthetik im Gottesdienste. - Dr. Adolf Schmiedl.— Der französische Esprit und das Blutmärcheu. — Ans der Wiener.Kultusgemeinde. — Die Wahrheitspflicht der Anwälte im Zivilprozeß. — Das jüdifch-amerikanifche Warfenhaus in Eleveland. Verschiedene Nachrichten. Die geehrten Kerren Köönnenten werden ersucht, den lausenden und event. restlichen Aöonnementsöetrag umgehend einsenden zu wollen. Aesthetik im Gottesdienste. Der immer wiederkehrende Streit darüber, ob dem Gesänge oder der Predigt in unserem Gottesdienste der Vorrang gebühre, dieser Hader um einen eingebildeten Prinzipat scheint mir, und gewiß vielen anderen unsere Synagogen noch besuchenden Glaubensgenossen, ziemlich belanglos zu sein. Hauptsache sei uns allen, daß unsere Bethünser, oder nenne man sie Synagogen und Tempel, Stätten der Andacht und Belehrung und nichts anderes werden, wenn sie es nicht sind. Das ist so selbstverständlich, daß es eigentlich nicht betont werden sollte. Wirklich selbstverständlich.? Leider müssen wir feststellen, daß die 'ausgestellte Forderung vielen unter den Besuchern unserer Bethünser nöch immer nicht eiulenchten will, obwohl wir sonst recht oder sehr moderne Menschen geworden sind. Noch immer gilt für uns, was Salomo Alami in seiner „lageret}! Mussar“ vor 600 Jahren sagte: es fehlt uns das Gefühl dafür, was man als Anstand und Würde an heiliger Stätte bezeichnen könnte. Die neue Zeit verlangt bei allen Handlungen Gefühl für das Schöne, das, was mau, philosophisch gesprochen, ästhetisches Gefühl nennt. Zu unserem liefen Leidwesen müssen wir es bekennen, was in jeder Kirche, sei es nun eine katholische oder eine protestantische, ich möchte sagen, infolge eines natürlichen Anstandsgefühles herrscht, das ist bei uns schwer oder gar nicht durchznsetzen: Ruhe und Aufmerksamkeit. Die Aesthetik muß' auch in unserem Gottesdienste zu ihrem Rechte gelangen, es scheint mir der wichtigste Punkt zu sein, wenn wir gottesdienstlichen Fragen nahe treten, nicht aber der Streit darüber, ob der Predigt oder dem Gesänge der Vorrang, die Hegemonie gehört. Schir Haschirim wurde schon von unseren Alten als ein allerheiligstes Buch erklärt, Lolisist wollte man nicht einmal unter die heiligen Bücher allfnehmen. Wenden wir diese Sätze auf die jetzige oder die frühere Zeit an: der. Gesang wird immer willigere Ohren finden als die, wenn auch noch so schöne und inhaltsreichste Belehrung. Derascha, jetzt Predigt genannt. Und doch ist diese zur Notwendigkeit geworden. Zn älteren Zeiten war oft jeder Hausierer, der in die „Schul" kam, ein-Gelehrter, las seinen Raschi und Biur, während der Thora-Vorlesung,still vor sich hin. Jetzt, Hand auf's Herz! wie viele oder wie wenige sind sich der Bedeutung unserer Fest- und Fasttage bewußt, oder wissen, was aus der Thora ihnen vorgelesen wird? Da tritt die Predigt in ihr Recht. Nun beobachte mau das Auditorium. Man betrachte es in der Kirche. Wer von den Zuhörern wird es wagen, den Prediger durch Räuspern, durch Hin- und Hergehen, durch. Geschwätz oder kritische Bemerkungen, dem Nachbarn liebevoll zugeflüstert, zu stören? Wie steht es damit in unseren Synagogen? Was nützen sie die in allen möglichen Slilarten. sei es bie der altrömischen Basilika, sei es die der Spitzbogen-Gothik, erbauten Synagogen, wenn ilt ihnen keine Ruhe, kein Gefühl für das äfthelisch-Schöue herrscht? Ist ^es „Clrakkat-ha-Goi^, Nachahmung fremder Sitte, wenn wir Ruhe und Würde im Gotteshause fordern? Zn dieser müßte man unsere Jugend erziehen und die Alten sollten es doch endlich einmal einsehen, daß wir in anderen Zeiten leben, die au uns die Forderung richten, alles zu vermeiden, wodurch wir zum Gespülte den Andersgläubigen gegenüber werden könnten. — Im Ghetto, in dem einst unsere Altvordern lebten, konnten sie allerdings den Sinn für das ästhetisch-Schöne sich nicht erwerben. In den alten Bethäusern ertönten die Gebete ans andächtigen, übervollen Herzen. Man konnte es wahrnehmen, der Jude hielt, besonders an seinen ehrfurchtgebietenden Tagen, Zwiesprache mit seinem Gotte, er klagte ihm sein Leid, das ihn bedrückte, schüttete sein Herz vor ihm aus, wie es in den fynagogalen Poesien heißt, „wie Wasser". Das änderte sich. Die Synagogen sind andere geworden und wir in ihnen. Mächtig pocht eine neue Zeit au unsere Tore. Ueberhören wir ihre Forderungen nicht. Es kommt wahrlich nicht auf die Ornate der „gottesdienstlichen Funktionäre" an, nicht auf die Art und Weise der G-iänge, auf die mehr oder minder lange Predigt, obwohl wir auch ihr gegenüber ein wenig unsere Ungeduld und Nervosität, diese Krankheit der Zeit, zügeln sollten, sondern nur auf das Benehmen der die Synagogen Besuchenden. Die Straße mit ihrem Lärm und Gezänke, das ewige Kritisieren und Nörgeln, an dem wir kranken, sollten wir draußen lassen, wenn wir das Gotteshaus betreten. — Ich höre Einwände: Unser Gottesdienst dauere zu lange, er sei, namentlich denFrauen, unverständlich. Was sollen diese, beispielsweise, tun, während die etwas lange Sidrah verlesen wird? Werden sie nicht förmlich znm Schwätzen verleitet? Ich verkenne die Stichhältigkeit vieler dieser Emwände nicht und bin der Meinung, daß die Berufenen allen diesen Fragen näher treten und sie wohl erwägen sollten. Für uns gilt es heute, zu retten, was zu retten ist. Ich will mich mit diesen Fragen nicht