Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 43 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 5. das Ganze ist das Porträt, worin seine große Seele, sein noch größeres Herz uüd seine Schwachheit selbst aufdas natürlichste geschildert sind. Welcher Verlust für unsere Muttersprache, daß sich, dieser Fürst die französische Sprache geläufiger gemacht! Der hohe Verfasser würde der Herablassung nberhoben gewesen sein, in der Vorrede zu sagen: „Meine Muse, deutsch und wunderlich Kauderwelschend, ein barbarisch Französisch, Meldet die Dinge wie sie kann." „Kann ein Schriftsteller, dem der jetzige Zustand der Weltweisheit nicht unbekannt ist, der sich allenthalben als ein gründlicher und wahrheitsliebender Kops zeigt, kann der es sich wohl haben - in den Sinn kommen lassen,- die-Lehre von der Unsterblichkeit der Seele zu bestreiten?" Man sieht also welch' gewaltige Anziehungskraft der viel gerühmte französische Esprit auf die Völker stets ansgeübt hat. Diese Anziehungskraft hat aber zuweilen dem Judentnme furchtbare Wunden beigebracht, die heute noch nicht vernarben können, denn der französische Geist hatte nicht nur neue Moden, sondern auch — besonders im finsteren Mittelalter — neue nie geahnte „Iud e n v ern i ch tun g s mi tteI" erfunden, von denen die Völker oft den ausgiebigsten Gebrauch gemacht haben. Das törichte, abscheuerregende .Märchen vom „Ritnalmord" wurde im siebenten Dezennium des zwölften Jahrhunderts — also durch zwölshundert Jahre hatte mau in der christlichen Welt keine Ahnung von diesem verruchten, wahnwitzigen Märchen — in Frankreich zum ersten Male verbreitet. (Emek habaclia 11. Grätz Gesch 6. 247). Im Jahre 1471 wurde die jüdische Gemeinde in Blois, die ans 40 Mitgliedern bestand, schonungslos hingeschlachtet, weil ein Christ aus Haß .das, Märchen verbreitete, ein Jude hätte einen erschlagenen .Christenknaben ins Wasser geworfen n. s. w. Von Frankreich ans verbreitete sich das Gerücht vom Ritualmorde fast , über ganz Europa und richtete, besonders in Deutschland, heillosen Schaden' an. Auch die erste T a l m n d v e r fo l g n n g fand in Frankreich, und zwar im dreizehnten Jahrhundert statt. Im Jahre 1236 trat ein talmndkundiger Jude, namens Nikolaus Donin, der seiner skeptischen Ansichten wegen von den Rabbinen in den Bann getan wurde, zum Chistentum über. Das erste Werk, das er.nach seinem Uebertritt.unternommen, war ein Akt der Rache. Er schrieb nämlich an den Papst IX., daß der Talmud Schmähungen gegen das Christentum enthalte — obwohl im ganzen Talmud n n r von Götzendienern die Rede ist — und die Worte der heiligen Schrift verdrehe, daher man ihn konfiszieren möge. Infolgedessen schrieb der Papst an die Kirchensürsten von Frankreich, England und Spanien, man möge am ersten Sabbath der Fastenzeit sämtliche Talmndexemplare konfiszieren und sie den Dominikanern und Franziskanern übergeben. Ebenso forderte er die Könige dieser Länder ans, den Geistlichen die diesbezügliche Unterstützung nicht versagen zu wollen. Nirgends ist man dem Verlangen des Papstes bereitwilliger entgegengekommen, als in Frankreich, wo der schwachsinnige bigotte Ludwig IX. regierte. Hier wurde der Talmud von einem Zensoren-Tribunal zum Fenertode verurteilt. Bevor jedoch das Urteil vollzogen wurde, gelang es den Juden, einen Bischof, der sich der Gunst des Königs in besonders hohem Maße zu erfreuen hatte, für ihre Sache zu gewinnen, und infolge seiner warmen Empfehlung entschloß sich der König, das bereits gefällte Urteil zu kassieren. Die französischen Juden, jlibelten ob des errungenen Sieges und feierten den Tag. an welchem der Talmud vom Fenertode gerettet wurde, auf die würdigste Weise. Es war dies für sie ein Simchat-Thora in des Wortes reinster Bedeutung. Allein diese Freude wurde ihnen bald verbittert.^Jener Bischof, der sich für sie so warm eingesetzt hatte, starb zufällig eines plötzlichen Todes in Gegenwart des Königs. Dieses Ereignis benutzten die Judenfeinde dazu, um den fchwachköpfigen, äußeren Einsiüsterungen leicht zugänglichen König nmzustimmen, indem sie Vorgaben, daß der plötzliche Tod jenes Bischofs als eine göttliche Strafe betrachtet werden müsse, weil er - sich durch seine Verwendung für den Talmud schwer versündigt hätte. Der König sah sich daher veranlaßt, eine neue Kommission zu ernennen, und veranstaltete eine Disputation ztvischen dem Apostaten Nikolaus und den französischen Rabbinen: R. Jechiel aus Paris, R. Moses aus Coney, R. Jehuda b. David aus Melnn und R. Samuel b. Salomo ans Chateau- Thierry. R. Jechiel wurde von seinen Kollegen zum Sprecher ernannt. Die Disputation fand am 24. Juni 1240 am königlichen Hofe in Gegenwart der Königin-Mutter Blancha statt. R. Jechiel verteidigte glänzend den Talmud und suchte all die von Nikolaus vorgebrachten Anklagepunkte durch entsprechende Belege vollständig zu entkräften und nachzuweisen, daß Nikolaus nur aus Rache gegen seine früheren Glaubensgenossen, die ihn feiner Charakterlosigkeit wegen verachten, es unternommen habe, den Talmud, den die Inden hoch halten, zu verdächtigen und zn verunglimpfen. Hätte der Talmud, wie Nikolaus angibt, das Christentum und dessen Stifter gelästert und beschimpft, so würden der Kirchenvater Hieronymus und andere Kirchenlehrer, die den Talmud kannten, es gewiß nicht verschwiegen haben. Trotz dieser Verteidigung wurde der Talmud von der Zensorenkommission zum Fenertode verurteilt. Vollzogen jedoch wurde dieses Urteil erst im Juni 1244. Vierundzwanzig Wagen, voll von Talmndexemplareu und ähnlichen Schriften, wurden an einem Freitage im Monat Tamus des erwähnten Jahres auf einem öffentlichen Platze in Paris verbrannt. Dieses Vorgehen fand dann bald auch in anderen Staaten Nachahmung. Aus dem hier Mitgeteilten erhellt zur Genüge, daß der erfindungsreiche französische Geist im Mittelalter der größte, gefährlichste Feind des Judentums war. Es kann aber auch nicht geleugnet werden, daß die französische Nation im Laufe der Zeiten sich kultiviert, zivilisiert und veredelt hat, daß Frankreich vor mehr denn hundert Jahren der erste europäische Staat war, der die errungene Freiheit auch die Inden mitgenießen ließ, wodurch es bewiesen hat, daß es bestrebt sei, das schwere Vergehen seiner Urahnen zn sühnen. Sollte sich Frankreich noch entschließen, seinen mächtigen Eiuflnß, den es in Rußland besitzt, zugunsten der dort mit echt mittelalterlichen Waffen grausam verfolgten Inden geltend zu machen, so würde dieser Akt d e r G e r e ch t i g k e i t beweisen, wie recht Camille Pelletau har, wenn er („N. Fr. Pr." Nr. 17670) behauptet: „Frankreich wird für alle Zeiten der klassische Boden des freien Gedankens sein." Jomim jedabern. Die Zeit wird es lehren. Fr. W i e n, 2. November 1913. Ans der Wiener Knltnsgerneinde. Einlauf. Im Einlaufe befinden sich: Dankschreiben der i s r. K u l t u s g e m e i n d e B r ü n n für die Teilnahme des Kulusvorstandes anläßlich des Hinscheidens des Präsidenten Dr. Hieronymus F i a l l a. Dankschreiben des Herrn Kuttusovrstehers Architekt I. Gärtner für die Kondolenz des Vorstandes anläßlich des Ablebens seines Vatersdes Herrn I. L. Gärtner s. A. Dankschreiben des Herrn Knltnsvorstehers Prof. Dr. S. Ehrmauil für die Glückwünsche des Vorstandes anläßlich seiner silbernen Hochzeit. ... Dankschreibendes Hosrates Moriz stnkart für die Gratulation anläßlich seiner Ernennung zum Hofrat. Dankschreiben des Herrn Rabbiners Dr. Ziegler aus Karlsbad für die Glückwünsche des Vorstandes anläßlich seines 25jährigen Amtsjnbiläums. Dankschreiben des Herrn Dr. Jakob König aus Floridsdorf für die Glückwünsche des Vorstandes anläßlich der Vollendung seiner 40 jährigen bahnärztlicheu Tätigkeit. Dankschreiben der Ehepaare Samuel P o l l a k, Religionslehrer, Moriz und Eva Schreiber und Albert und Karoline Pollak anläßlich der Gratulation des Vorstandes zn deren goldenen Hochzeit.. . ... Die Familie des verstorbenen Baurates Wilhelm S t i a ß n y widmete dessen Porträt für den Sitzungssaal der israel. Kultusgemeinde.