Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 42 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheil Nr. 42. Co." zeichnete». In der Diskussion begrüßte R.-A. Tr. B. Wassermann im Namen des bayrischen „Vereins sür Statistik der.Juden" Dr. Nossig als Schöpfer der jüdischen Statistik und wies daraus hin, wie die theoretische, statistische Erfassung der heutigen Verhältnisse der Judenheit zur Orientkolonisation als einzigem praktischen, wirklich rationellen Abhilfewerk führe. Am 19. Oktober fand in Augsburg eine ähnliche Veranstaltung statt, die ebenfalls von den führenden Persönlichkeiten der dortigen israelitischen Kultusgemeinde, Justizrat Bauer. Rabbiner Dr. Grün selb, Komuierzienrat H. Landauer, R.-A. Dr. E p st e i ii u. A. einberufeil worden war und dem Werke der A. I. K. O. auch dort viele Förderer' zuführte. London. (Die Amtseinsetzung des neuen englischen Lord-Oberrichters). Im Gerichtssaale des Lord-Oberrichters in London fand mit dem großen Pomp und Prunk, der bei solchen Gelegenheiten vorgeschrieben ist. die Amtseinsetzung des neuen Oberrichters statt. Das große Publikum interessierte sich vor allem für Sir Rufus Jsaacs, der mit seinen 54 Jahren der jüngste Lord-Oberrichtcr ist, den jemals England besaß nud als eine der fasziiiierendsten Erscheinungen Londons gilt. Der Saal war von einem Publikum erfüllt, dus man sonst nur bei Sensationspremieren im Theater siebt. Nachdem der neue Lord-Oberrichter rm feierlichen Amzuge mit dem hohen Richterkollegium erschienen war, überreichie der Coroner des Königs und Meister des Kronamtes, dem neuen Lord-Oberrichter die Karte, auf der die beide» Richtereide gedruckt sind. Sir Rufus, der ein Altes Testament in der Hand hielt, schritt nach vorne und verlas mit lauter Stimme die Eidesformel: „Ich Sir Rufus Jsaacs schwöre beim allmächtigen Gott, daß ich ehrlich und treu Seiner Majestät König Georg Y., seinen Erben und Nachfolgern den Gesetzen gemäß Gehorsam bewahren will. So wahr mir Gott helfe. Ich Sir Rufus Jsaacs schwöre beim allmächtigen Gott, daß ich gut und treu unseren! Herrscher Lord König Georg Y. im Amte eines Lord-Oberrichters dienen werde und ich werde Recht tun allen Arten von Leuten nach den Gesetzen und nach den Gebräuchen dieses Reiches ohne Furcht oder Gunst, Leidenschaft oder bösem Willen. So wahr mir Gott helfe." Mit der Ablegung des Eides hatte Sir Rufus sein Amt angetreten und nunmehr ergriff Lord Haldaue als Titularchef der englischen Gerichtsbarkeit das Wort zu einer kurzen Ansprache, in der er das reiche Können und den ehrenhaften Sinn des neuen Lord-Oberrichters pries. Jüdische Bühne. Direktion M. Siegler. „Hotel Stefanie" XL, Taborstraße 12. Freilag, den Bl. Oktober und Samstag, den 1., Sonntag, den 2. und Montag, den 3. November, Novität. Zum ersten Male. „Die Neschum e von Isruel." Operette von Seifert. Samstag. den 1. November, */24 Uhr nachmittag bei halben Preisen, „D i e Amerikanerin." Komische Operette von A. Scharr. Sonntag, den 2. November, halb 4 Uhr Nachmittag bei halben Preisen. „Snlamith." Operette von A. Goldfaden. Dienstag, den 4. November. „I e h u d a und Israel" die „Zwei Sergenten". Mittwoch, den 5. und Donnerstag, den 6. November. „Die drei Matunes", Operette von CH. Wolfsthal. Liberetto von I. L. Peretz. Donnersrag, den 20. November. Literarischer Elite-Abend mit jüdischen Bildern und Volksliedern. Austritte ans dem Judentum. Komin i k Frieda, Privat, geb. 23. Mai 1873 in Ungarn, HL, Parkgaffe 3. Kaufler Dr. Felix, Chemiker, geb. 4. August 1878 in Wien. Hutter Wilhelmine, geb. 12. Jänner 1892 in Wien. Freund Paula, Arztensgattin, geb. 15. Juni 1879 in Mähren. Freund Wilhelm, geb. 16. Jnli 1907 in Wien. Freund Marianne, geb. 5. Februar 1911 in Schönwald. S t r a k o s ch Hermine. P o l l a k Alice, Privat, geb. 27. September 1888 in Prag. YL, Gnmpendorserstraße 9. _ Lynu Leon, geb. 2. April 1897 in Galizien, YTJI., Antonigaffe 70. Bober geb. Mpses Rosa, Privat, geb. 8. August 1886 in Wie», H., Förstergaffe 4. Doman Mina, Privat, geb. 26. September 1878 in Wien, II., Czerningaffe 21. Lanzer Johann, Ingenieur, geb. 4. April 1888 in Ungarn, XVI., Gableuzgaffe 54. Semmel Rudolf, Schriftsetzer, geb. 10. Dezember 1879 in Wien, H, Rueppgaffe 42. Die Macht der Gattin des Gemeindepräses. (E i n e R e m i n i s z e n z.) (Schluß.) In einer anderen sehr achtbaren, strengorthodoxen Gemeinde wurde ebenfalls ein solch neuartiger Chassid zum Rabbiner ernannt. Er war kaum einige Wochen im Amte, als er durch seinen Leibschames erfuhr, daß es in dieser frommem Kehilla auch einige reiche Kanfleute gibt, die, weil sie oft Gelegenheit haben, große Handelsstädte, wie. Wien, Pest, Berlin,. Hamburg, __ Leipzig rc. besuchen, nicht abgeneigt wären, den Gottesdienst zu modifizieren und so manche alte Bräuche, die' sie für unzeitgemäß halten, zu eliminieren. Diese Enthüllungen haben ans den hochfrommen Rabbi einen solch deprimierenden. Eindruck gemacht, daß er nicht nmhiu konnte, in seinem nächsten Vortrage (Derascha) seinem Auditorium es einzuschärfen, „jede Art Reform auf religiösem Gebiete, möge sie noch so harmloserscheinen, als eine das Judentum in seinen Grundfesten erschütternde Destruktion zu betrachten, und sie daher unter allen Umständen zu perhorreszieren, denn noch nie hat die Irreligiosität im Judentum so stark um sich gegriffen als in der Neuzeit. Das sind die Früchte, die die in den modernen Gemeinden^ eingeführten Reformen gezeitigt haben." Durch diese Behauptung hatte der fromme Rabbi seineschwache Kenntnis des jüdischen Schrifttums dokumentiert. Man braucht ja nur Rabbi Salomo Alamis Schrift„Igeret inusar"' zu lesen, so wird man die Ueberzengung gewinnen, daß die religiösen Zustände in den jüdischen Gemeinden Spaniens vor vierhundert Jahren noch weit trauriger waren als in der: Gegenwart. Er schreibt: Halbwisser and Charlatane suchten die-^ Religion ins Lächerliche zu ziehen, anstatt sie von ihren Schlacken zu reinigen. Wenn jemand ein philosophisches Buch gelesen hatte, so hielt er sich schon für einen großen Gelehrten umr belächelte das ganze Wesen der Religion. Die Sabbathnnd. Festtage wurden öffentlich entweiht, die Speisen wurden ad Sabbath wie an gewöhnlichen Werktagen frisch zubereitet u n die Rabbiuen durften es nicht wagen, dieses Treiben öffentliche zu geißeln, weil sie sich sonst die Reichen zu ihren Feinden gemacht hätten. In den Synagogen herrschte die größte Unordnnng und Verwilderung, sie wurden zuweilen die Schau-' Plätze wilder Entartungen. Die Andächtigen schwatzten mit einander anstatt zu beten, . oder lasen profane Schriften^ Währeud der Vorlesung verließen viele das Gotteshaus und die übrigen stritten miteinander, iver zuerst „vorgernfen" zu werden verdient, so daß gar häufig das Vorlesen ans der Thora sistiert werden mußte usw. Wie in Spanien, ebenso hatten die Rabbiuen in. Polen (dem klassischen Lande des Chassidismus)' vor dreihundert Jahren Ursache, über die Irreligiosität der Juden bitter zu klagen. R. Samuel Edels (Meharscha), einer der hervorragendsten rabbinischeu Autoritäten der damaligen Zeit, schreibt: „Dieselben Sünden, um derentwillen Jerusalems zerstört wurde, werden leider auch in unserer Zeit begangen. Isrurs schabbos meat miseir schenisbonim bohem. Die Wenigsten beobachten die Sabbathfeier,. der Jugendunterricht läßt vieles zu wünschen übrig, auch die' B a-ch u r i m vergeuden unnützer Weise die Zeit, lungern herum in den S t r a ß e n n n d z e r st r e u e n sich b e i m S p i e l e. Kol. eckod rozehlijehos Baw -weaw bet din been Tkora. Jeder Einzelne von ihnen aber will, ohne daß er sich gründliche Thorakenntnis erworben, Rabbiner werden usw. (Meharscha I,-' Sabb. 16.). Trotz all dem ist Israel nicht zugrunde gegangen, denn das Judentum kann weder durch strenge Beobachtung nichtssagender Bräuche erhalten, noch durch Einführung schöner, der Aesthetik entsprechende F o r m en gefährdet werden. Gefahr droht nur dem Jndentnme dann, wenn die Kenntnis der Thorw aus seiner Mitte schwindet. Aus diesen hier angeführten Beispielen ist also klar und deutlich zu ersehen, daß, wie ich bereits bemerkt habe, jene Chassidim, die das. was ihnen an Wissen, Gelehrsamkeit abgeht',: durch äußere Frömmigkeit und Pathos ersetzen zu können glauben, sich oft Blößen geben und kompromittieren. Meine Andächtigen!, schloß Felsenstein seinen Vortrags während der kurzen Zeit meines hiesigen Aufenthaltes habe ich aus authentischer Quelle erfahren, daß zahlreiche Mitglieder dieser ehrwürdigen Gemeinde bei der Wahl des Rabbiners aufdessen sichtbare. Frömmigkeit Hauptgewicht legen. Da ich aber von jeher das Wort unserer Weisen : Leolom jehe odon jer©; Sckomajim beseser: „Vor allem soll der Mensch gottesfürchtig-