Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 42 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 11. Nr. 42. -sein im stillen, die Wahrheit bekennen, die Wahrheit reden, wie -er sie im Herzen hat", zn meinem Wahlsprnch machte, so erkläre ich. .hier öffentlich, daß ich den Entschlnß gefaßt habe, mein. .Kompetenzgesnch znrückzuziehen und auf diesen Posten überhaupt nicht mehr zn reflektieren. Meinem Mitbewerber jedoch, der vor -acht Tagen hier fein erstes Debüt mit glänzendem Erfolge'abgehalten. ihm daher zweifellos diese Stelle verliehen werden wird, wünsche, ich neidlos, daß es ihm, wie einst dem von der :K ö n i g i n E.st h e rw ärmst e n s em p f o h l e n e n blorcksobai in Susan, gelingen möge, die Genla, vollständige Erlösung und 'Befreiung ans dem Gölns fördern und überhaupt eine segensreiche Tätigkeit entfallen zn können." Das Publikum war frappiert, -als es diesen sonderbaren Vortrag hörte; viele jedoch dachten, der Mann hat. nicht ganz unrecht, aber wir können uns wicht helfen, müssen daher schweigen. Nach Beendigung des Mnsafgebetes verließ Dr. Felsenstein die Synagoge, machte keine Besuche mehr, sondern verblieb bis *9 Uhr abends in seinem, im jüdischen Hotel ihm angewiesenen Zimmer nnd benützte dann den Nachtzug zur Heimfahrt. Am andern Tage fand um 10 Uhr vormittags im Sitznngssaale der israelitischen Knltnsgemeinde eine Ansschnßsitznng statt. Der 'Präsident eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er bemerkte: „Wir haben nunmehr die vier Kandidaten, die zur Probe berufen waren, sprechen gehört. Die ersten zwei Redner haben bezüglich ihres äußeren Wesens, wie ihrer oratorischen Begabung nicht vollkommen entsprochen; der letzte Redner hat, wie Sie wissen, gestern anstatt eine Predigt eine Hetzrede gehalten und seinKvnipetenzgesuch in nngnalifizierbarer Weise zurückgezogen, was zu bereuen wir keine Ursache haben, denn der 'Mann scheint ein Krakehler zu sein und einen solchen können wir hier nicht brauchen. Der einzige unter diesen Kandidaten, /der am besten geeignet wäre, diesen Posten zu bekleiden, ist der vorletzte Redner, Herr I. S ch w i e l e n b e r g; er ist ein wahrhaft frommer Mann, hat bedeutende Jeschiwot besucht; ans feinen Zeugnissen ist zn ersehen, daß er gründliche talmudische Äenntnis nnd sonstige Bildung besitze, er ist noch sehr jung, wird daher, da er, wie ich höre, ein sehr fleißiger, strebsamer MeUsch ist, das, was ihm noch an'Gelehrsamkeit abgeht, im -Laufe der Zeit nachholen, denn gleich wird man kein Gaon. Ilebrigens hat auch allgemein sein äußeres Wesen, wie seine wohlklingende kräftige Stimme einen guten Eindruck gemacht. Ichbin fest überzeugt, daß wir im Sinne unserer Mandatare Handeln würden, wenn wir Herrn I. Schwielenberg definitiv als Rabbiner der hiesigen Knltnsgemeinde mit einem jfixen Gehalt von 1200 Gulden, freier Wohnung und Nebeuemolu- -menten austelleu möchten." Niemand in der Sitzung wagte es, -dem Präses zn opponieren, und so wurde der fromme I. Schwielenberg einstimmig zum Seelenhirten der Gemeinde Ternannt. Ueberrascht jedoch hat diese „Tat" niemanden in der Kehilla, da es ein offenes Geheimnis in der Gemeinde war, daß Schwielenberg ein Protege des Präses sei, Verwunderung ^rber hat es erregt, als Man erfuhr, daß der Präses, der sonst, -wenn es;galt, einem verdienstvollen Knltnsbeamten unreine 'Remuneration oder einen Knrbeitrag zn bewilligen, alle möglichen Ausflüchte gebrauchte, um nur nicht die Gemeindrkasse zu lehr in Anspruch nehmen zn müssen, sich bei Aufnahme dieses dienen Rabbiners so splendid zeigte, daß er ihm einen Gehalt -von zwölfhnndert Gulden bewilligte, während der frühere, sehrgelehrte und hochverdiente Rabbi bloß einen jährlichen Gehalt von achthundert Gulden bezog. Dieses'Rätsel verstand niemand in der Gemeinde zn lösen. Am ersten Tage des Monats Sivan hielt der neue Rabbi seinen Einzug in . wo ihm ein überaus feierlicher Empfang bereitet wurde. Am Bahnhofe erwartete ihn der Gesamtvorstand -mit dem Präses :mi der Spitze. Auch sonstige Honoratioren fanden sich, dem Präses zuliebe, dort ein und begleiteten den Rabbi in seine Machtvoll möblierte Amtswohnung. Am ersten 'Tage des Wochenfestes hielt er temperamentvoll seine Antrittsrede, von der, außer dem Präses, weder die Orthodoxen, noch 1)ie Liberalen besonders entzückt waren. Der jungt, unerfahrene Rabbi aber merkte nichts davon, weil niemand es gewagt hatte,' <anch nur durch eine Miene seine Unzufriedenheit zn verraten. Kralowitzky kam bei jeder Gelegenheit dem neuen Rabbi in ehrerbietigster Weise entgegen, gab sich alle erdenkliche Mühe, um ihm den Aufenthalt in T. so angenehm als möglich zn machen, besuchte ihn fleißig Und lud ihn oft zn sich, daher natürlich auch die anderen Vorstands- und vornehmen Gemeindemitglieder es nicht unterlassen durften, den Rabbi besonders zn respektieren. Es danerte aber nicht lange und jedermann in der Gemeinde fand es begreiflich, warum der Präses sich gar so warm für den neuen Rabbi eiugesetzt hatte. In 36. wohnte nämlich auch ein Bruder der Frau Ester Kralowitzky, der in ziemlich guten Verhältnissen — wenn auch nicht im Reichtum — lebte; er führte ein schönes Hans und erfreute sich der allgemeinen Achtung. Reich gesegnet jedoch war er mit Kindern, denn er hatte nicht weniger als acht unversorgte Töchter. Oft pflegte er scherzweise zn sagen: „Kazti becbaja mipne benos ob 68. Mir graut es vor meinen acht, obes, Töchtern." Sehr gern schon hätte er seine brave, mit den schönsten weiblichen Tugenden nnd Eigenschaften reich geschmückte älteste heiratsfähige Tochter an den Mann gebracht, konnte aber lange nicht einen würdigen, ans achtbarer Familie stammenden, gut situierten jungen Mann finden, der nicht auf die reiche M i t g i f t, sondern nnr auf die schönen T n g e n d e n und Eigenschaften der künftigen Lebensgefährtin Hanptrücksicht genommen hätte. — Als jedoch die vakante Rabbinerstelle in 36. »eit besetzt werden sollte, da sagte Frau Ester Kralowitzky zu ihrem Gemahl: „Lieber Manu! Jetzt bietet sich uns die Gelegenheit dar. unsere Paula", so hieß die älteste Tochter ihres Bruders, „recht anständig versorgen zn können. Ich möchte dem Onkel Grünthal nach B. — wo eine Jeschiba ist — schreiben, er möge uns einen Bachur, Rabbinatskandidaten, empfehlen, der die Fähigkeit besitzt, das Rabbineramt zn bekleiden, da uns viel daran gelegen ist, daß der hiesige Rabbinersitz von einem würdigen Manne eingenommen werde. Von dem Hauptzwecke, den' ich bei dieser Gelegenheit verfolge, werde ich vorläufig nichts erwähnen. Wird er uns einen elltsprechendeu jungen Mann empfohlen haben, so dürfte es dir dann ein Leichtes sein, seine Wahl hier dnrchznsetzeu. Ist der Rabbi einmal hier im Amte, so wird er uns, besonders wenn wir ihm stets in liebenswürdiger Weise entgegenkommen werden, zweifellos oft besuchen, und alles andere werde ich dann schon besorgen!" — „Das ist eine vorzügliche Idee", sagte Herr Kralowitzky „ich werde mein Möglichstes tun." — Der junge Rabbiner war kaum drei Monate in 36., als die Berlobnngsanzeige des Herr Rabbiner Schwieleuberg mit Frältlein Pauliue G. in den Zeitungen zu lesen war. Und so entstand in 36. das Sprichwort: „Groß ist die Macht der Frau Präsidentin!" _ Geza B. . des üjl-utig. üfliitoren-lereities. Der Vorstand des Oesterr.-nngar. Kantoren-Bereines spricht sein Bedauern darüber aus, daß er auf Grund der ihm einseitig erteilten Informationen in der Vorstandssitzung vom 27. Jänner 1913 einen Mißbillignugsbeschluß gegen Herrn Oberkautor Klein in Karolinenthal gefaßt und die Veröffentlichung des Beschlitsses in Nummer 5 der „Wahrheit" vom 31. Jänner 1913 veranlaßt hat. Der Vorstand zieht unter Ausdruck des Bedauerns, dem sich attch die Redaktion der „Wahrheit" anschließt, den erwähnten Mißbilligungsbeschluß sowie den in diesem Beschlüsse gegenüber Herrn Oberkautor Klein in Karoliueuthal erhobenen Vorwurf „krasser kollegialer Pflichtverletzung", eb-nso die Be? zeichunng desselben als „Schädling des Berufes" als ungerechtfertigt zurück. Für die Redaktion der „Wahrheit": Für den Bereinsvorstand: Dr. M. L ö w y. I. B a u e r, Präsident. Vorstehende Erklärung wurde in der Vorstandssitzung vom 29. Oktober 1913 beschlossen, über deren weiteren Verlauf nächstens eingehender berichtet wird.