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Die Wahrheit · 1913-10-31 · Heft 42 (31.10.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 42 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8._Die Wahrheit _ Nr. 42. ' giftigen Drachen des , Vorurteils, die Schlange tötenden Unrechts und bahnt die Wege der R e l i g i.-o.ii, der V a l e r» landsl i e b c nnd der Kultur. Möge unser Hamburg auch fürderhin sein eine leuchtende Säule, die bem Gesamtjudentum der Gegenwart und Zukunft voranleuchte in der Trübsal Wüste und des Schicksals düsterer Nacht! Dies zum Gruß für den Verband der deutschen Juden! Uom jüdischen Waisenmädchen» das im MinisterprSstdinm mohut. In Budapest wird eine kleine, aber vielsagende Geschichte kolportiert, die ein Hohelied auf die Hochherzigkeit des ungarischen Ministerpräsidenten, Grafen Tißa und den Edelsinn seiner Gattin singt. Der „Pester Lloyd" schreibt hierüber folgendes: Vor dreißig, vierzig Jahren schrieben längstvergessene gutmütige Novellisten kleine Geschichten, die das Leben etwas anders schilderten, nicht so, wie wir es heute kennen, nicht wild, rücksichtslos, vernichtend in seinen alltäglichen Episoden, sondern zart, liebevoll, wohlwollend, herzlich helfend, wenn grausame Verhältnisse ein kleines Menschenschicksal brüsk vernichten wollen. Vielleicht lächeln wir, wenn der Zufall derartige empfindsame Geschichten uns als bescheidene Lektüre znträgt, wie ist es aber, wenn das Leben selbst hie und da eine solch „unmoderne" Geschichte verfaßt, die plötzlich inmitten der Unerfreulichkeiteu auftancht und wie ein Gebet wirkt, das zur Tat wurde? Eine solche kleine, veraltete Novelle über das menschliche Herz erzählt das oppositionelle Blatt „Vilag", und wir wollen diese ganz einfache Geschichte, die nie die Tendenz hatte, weit und breit bekannt zu werden, hübsch nacherzählen. Seit einigen Wochen verlassen schon früh morgens, Tag für Tag. zwei junge fröhliche Damen das ernste, ehrwürdige Palais des Ministerpräsidiums, und ihr vergnügtes Plaudern und Lachen webt sich lustig in die ehrwürdige Stille des ruhigen St. Georgsplatzes. Die Freundinnen tragen Bücher, Schulbücher in der Hand und haben einen langen Weg zur Schule; sie sind Zöglinge der Elisabeth-Franenschnle und müssen hinaus ins Stadtwäldchen, die Schule ist am Stefausweg. Fräulein Rosa Sch langer, die eine Heldin dieser kleinen Geschichte, ist ein armes Waisenmädchen. Hilfsbereite Verwandte unterstützten sie so gut es ging, arme Leute haben ein volles Herz und eine leere Tasche. Das junge Mädchen ließ sich von den stiefmütterlichen Verhältnissen nicht entmutigen, es wollte lernen, studieren und wurde im vergangenen Jahre Schülerin der Elisabeth-Frauenschule. Es gelang ihr, eine Freistelle zu bekommen, sie war fleißig und ambitiös und absolvierte das erste Schuljahr mit vorzüglichem Erfolg. Hierauf folgte ein vergnügter Sommer der Ruhe und Erholung, die Zukunft in der Schule schien sorgenfrei gesichert, da teilte die Schuldirektion im Herbst dem jungen Mädchen mit, daß sie Rosa Schlanger unter die Zöglinge des nächsten Schuljahres nicht einschreibeu könne. Das war das unerbittliche, gewaltige Leben, das da sprach. - Was kann nun so ein kleines Fräulein tun? Es kann weinen nnd verzweifeln, und endlich, zaghaft und welk, sich an irgendeinen großen Herrn wenden und ihm sein Leid klagen. Der Abgeordnete Josef Telegdy versprach, dem verzweifelten Mädchen behilstich zu sein, und mit diesem hell anstenchtenden Strahl der Hoffnung im gequälten Herzen wartete die kleine Rosa Schlanger — vielleicht gar auf eiu Wunder. Da brachte eines Tages die Post einen Brief, einen ganz einfachen Brief, und die Schrift war die zarte Schrift einer gütigen Franenhand. „Wir zogen jetzt herüber nach Ofen, und hier im Palast sind viele unbewohnte, leerstehende Zimmer," stand unter anderem in diesem Brief, „kommen Sie, mein Fräulein, nnd wohnen Sie hei uns, wir wollen Sie mit allem versehen, und Sie sollen keine Sorgen haben. Sie werden auch Ihre Schule weiter besuchen können, und Sie werden nicht allein sein, denn wir haben hier schon ein Fräulein im gleichen Alter, das dieselbe Schule besucht. Kommen Sie nur, ich nnd mein Mann, wir sehen Sie gern bei uns." Dies stand im Brief der Frau G r ä f i rr S t e f 0 n T i ß a, der mit einem herzlichen Gruß an die linbe-s kannte kleine traurige Rosa Schlanger schloß, Wi.e mag die Kinderhand gezittert haben, als sie sofort die Antwort auf dasliebevolle Anerbieten schrieb! - Sie stammelte einen heißen Dank für den Antrag/ der" sie so ehrt, doch sie sei nicht gar so arm, um ihn annehmen zu müssen, nnd - dadurch vielleicht eine andere, Würdigere, zu schä-- digeu. Uud daun habe sie einen großen Fehler, schon darunr würde sie sich nicht trauen, ja zu sagend Sie ist nämlich Jüdi n, und dies erfahrend, würde Ihre Exzellenz sie vielleicht nicht gern bei sich sehen. Sie will bloß lernen und ihre Verwandten würden sie schon weiterhin unterstützen, sie bittet nur' um Protektion, um in die Schule wieder aufgenommen zu werden> Es war ein aufrichtiges mädchenhaftes-Schreiben ltub schien der Frau Ministerpräsideutin gefallen zu haben. Nacheinigen Tagen bekam das kleine Fräulein wieder einen Brief, den schrieb aber einer, der einem gewöhulichen Sterblichen nicht leicht einen Privatbrief von drei Seiten schreibt: der Graf Stefan Tißa. Und der Ministerpräsident schrieb' dem kleinen Waisen-- mädcben, daß er die Angelegenheit der Rosa Schlanger wohl kenne und sie gleichzeitig ersuche er sie, die Einladung seiner Fram anznnehmen. „Sie sollen es wissen, mein Fräulein", — schrieb er in seinem Briefe —, „daß wir in unserem ganzen Leben nie konfessionelle oder Rassenunterschiede beachtet haben. Wir kennen immer nur den Menschen und hoffen, daß Sie unser lieber Gast sein werden." So kam die arme jüdische Waise vor einem Monat in. den Palast des Ministerpräsidenten, zur kleinen Jlonka K., die die Frau Ministerpräsidentin ans Geßt mitgebracht hat. Undso kam es, daß jetzt jeden Morgen zwei heitere, gesunde junge Mädchen den alten Palast arbeitsfreudig, mit Büchern bepackt, verlassen, die Schützlinge der Frau Gräfin Tißa. Die eine ist' blond, die andere braun, lustig eilen sie. Arm in Arm, zur Schule, zur Arbeit. „Wir sind sehr glücklich," sagte Fräulein Schlanger denr Mitarbeiter des „Vilag", „die Güte Ihrer Exzellenzen hat mich sehr gerührt, ich konnte mich doch nicht dagegen sträuben. Jetzt ist die Sorge dahin, ich kann arbeiten, lernen. Im Palast: haben wir jede unser Zimmer für sich, nebeneinander, das- Frühstück und das Abendbrot bekommen wir von der Frau: Gräfin. Gewöhnlich speisen wir zu zweit, doch oft rufen uns unsere Wohltäter an ihren Tisch, auch dann, wenn Gäste da sind. — Die Herrschaft lebt überraschend einfach. Außer dem Portier besteht die Dienerschaft ans einem Diener, einer Kammerzofe, einem Stubenmädchen und der Köchin. Wir werden vom- Stubenmädchen bedient. Anfangs wollte ich mein Zimmer selbst aufränmen, doch die Frau Gräfin verbot essie sagte, ich habe nichts anderes zu tun als zu lernen. Sonntags besuche ich meine Verwandten oder ich lerne, lese zu Hanse mit meiner Freundin. — Ich möchte Sie bitten, diese.Intimitäten nicht zu veröffentlichen. Ihre Exzellenz ist wirklich nicht für die Öffentlichkeitwohltätig und würde es vielleicht übelnehmen, wenn da ein. Lärm um die Geschichte entstünde." . „Wir können das Fräulein beruhigen," schließt die Zeitung.' „Vilag" ihren hübschen Bericht, „die Frau Gräfin Stefan Tißw kann es nicht verübeln, wenn wir ihre. Wohltätigkeit enthüllen^ Wir haben diese lieblche kleine Geschichte jenseits von jeder Politik, von jedem Parteistaudpnnkt niedergeschrieben; ans ihr steigt die Gestalt der Gattin des Ministerpräsidenten, Frau Gräfin Ilona Tißa, -in einer bisher gänzlich unbekannten Beleuchtung sympatisch empor." Uerschiedene Nachrichten. Wien. Freitag abend Predigt im Stadttempel. Wien. Die Rabbinerfrage in der Leopoldstadt, die seit dem Rücktritte des hochbetagten Rabbiners Dr. Adolf Schm i e d l die Gemüter der Leopoldstädter Tempelbejncher in Erregung hielt, ist in der Mittwochs den 29. d. M. stattgehabten Plenarsitzung des Knltusvorstaudes endgültig erledigt worden, indem Herr Rabbiner Dr. Max Grunwaldbisher am Gemeindetempel im XV. Bezirke, Tnrnergasse, zum Rabbiner und- Prediger am Leopoldstädter Tempel bestellt wurde. ,

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