Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 42 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Leite 7. Nr. 42. ßedoch auf Intervention des Abgeordneten Hofrat Kuranda war es endlich gelungen, die Sache einem-guten Ende znzufführen und am 1. Januar wird in Innsbruck die erste Tiroler Israelitische Knltusgemeinde konstituiert. Das Landesrabbinat in Hohenems hört auf, Rabbiner Dr. Link hat in Hohenems per 1. November gekündigt, zieht als Rabbiner nach Innsbruck und .Hohenems hat einen einfachen jungen Beamten ausgeschrieben, einen S e m i n a r i st e n, - der Vörbeler, Thoraleser und Gemeinde- 'schreiber sein soll, es ist in Hohenems Zeit und Ruhe zum Selbststudium! , Das Komitee für den Israelitischen Religionsunterricht hatte in Innsbruck in den letzterl 35—40 Jahren schöne Erfolge. Als Hohenems die bekannte Affaire mit ihrem Rabbiner Dr. G ö r d o n hatte, übernahm Herr Oberkantor und Religionslehrer Emil F r ä n k e l, damals in Slrakonitz in Böhmen, den Religionsnmericht in Hohenems und Innsbruck. Er legte in Wien Mittelschnlreligionslehrerprüsung ab und wurde vom Landesschulrat von Tirol zum Religionsprofessor ernannt. Nach "Professor Frankls Berufung nach Wien kam Rabbiner Doktor .Kodak, dann der tüchtige Pädagoge Schulhof und bis -jetzt amtierte daselbst Mag. theolog. intb phil. I. S a g h er. auch k. k. Feldrabbiner. Mögen die Knltusgemeinde Innsbruck -und Meran zur Ehre des Judentums sich entwickeln. Dr. Siegfried Weil. Hamburg in seinem Einfluß ans die neuzeitliche Indenheil. Von Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger zu Hamburg. Es naht der Tag, an dem Deutschland, soweit es das Judentum betrifft, ^iu Hamburg erscheinen wird, um im Verband der deutschen Inden Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit. Ideen von ewigem Werte und Ratschläge voll wichtigen Gehalts für die Zukunft in großer illustrer Gemeinschaft seiner anserwählten Vertreter zur öffentlichen Besprechung und zum .-Prägnanten Ausdruck — am 9. November 1913 — bringen fall. Die Hamburger Dentsch-Jsrael.-Gemeinde trifft geeignete Vorbereitungen, um Fernen und Nahen freundliche Brüdergrüße Znznrnsen und in würdiger Weise die Tagung innerhalb der Mauern unserer schönen Vaterstadt zu gestalten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf Einiges Hinweisen, was sich auf Hnmburg in seinem Verhältnis zu den Gemeinden Les deutschen Vaterlandes bezieht, was die historische Bedeutung der Hamburger Jndenheit in Helles Licht rückt, was Vielen 'bekannt ist und doch im Laufe der Zeiten her Vergessenheit anheimfiel. Insbesondere aber soll das Memento wachgerufen werden an die kampfreiche Epoche der nachmendelsohnschen Zeit, sofern sie der Entwicklung und Ausgestaltung der isrealitischen Gemeinden im gesamten Vaterlande nicht nur in religiöser, fondern auch in kultureller Hinsicht gedient hat. Welchen Einfluß mahm diese Epoche auf unsere Gesamtheit? Nicht der von den verschiedenen Geschichtsschreibern — je nach ihrem subjektiven Empfinden — bald mit leuchtenden, bald mit düsteren Farben geschilderten Gärung im sogenannten ^Tempelstreite" sei gedacht, sondern der Frucht dieser Bewegung. Alle oder die meisten Gotteshäuser in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, mögen sie welcher Kultnrform immer huldigen, boten seit jenen kampfdurchwühlten Tagen der Genesis des Tempels in Hamburg ein Bild der Ordnung und der 'Würde, der ästhetischen -Anstaudswahrung und der feierlichen Harmonie, die mau früher meist vermißt hatte, obgleich die heilige Schrift in ihrer Weisung: „Ehrfürchtet mein Heiligtum" in einem Atem betont mit „Haltet meine Sabbate" und obgleich hie rabbinische Tradition jedermann in die Seele schrieb: Wisse, vor wem du stehst, der höchsten Majestät, dem Allheiligen, gelobt sei Er." Weihe, Andacht, Ruhe, Anstand und Harmonie scheinen -als etwas Aeußerliches zu gelten, sie sind aber tief Innerliches, und diese haben sich allenthalben gehoben, haben eine allgemeine Veredelung der Kultur geschaffen, die ihren Ausgang -genommen von der-Stätte, die nicht selten mit Hohn, Spott, ja selbst mit Bann und Fluch belegt worden. Wie wohltuend für Freund und Feind, für Wohlwollende und Mißgünstige wirk: die abgeklärte, reine, heute fast allenthalben vorwaltende weihevolle Würde und pietäre Ehrfürchtigkeit in den Synagogen. Wenn wir heutzutage die sogenannten Gemeindegotteshänser in Europa und Amerika anfsuchen und in Berlin, Breslau, Frankfurt, München, Dresden, Leipzig, Wien. Prag, Budapest, Agram, Paris, usw., selbst wo das alte Gebetbuch beibehalten wurde, die Gebete beim Ansheben und Einbringen der Thora, das Gebet für Regenten und Regierung in der Landessprache vernehmen, und viele, denen das Verständnis der heiligen hebräischen Sprache, insbesondere den Frauen und der Jugend, vielfach abgeht, solche Gebete in der Muttersprache sprechen und hören, -r- und der Talmud hat selbst das Hanptgebet des jüdischen Bekenntnisses. 8ohma „bechol loschon scheatto schomea“ „in jeder Sprache, die du versteht." gutgeheißen — daun werden die Fragenden nach dem Ursprung der Einführung landessprachlicher Gebete ihren Blick nach Hamburg wenden, in dessen Tempel z u e r st neben der göttlichen Sinai- und Zionssprache die M u t t e r s p r a ch e im Gotteshause würdige Beachtung gefunden hat. Als in den traurigen Zeiten der Fahnenflucht zu Beginn des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Familien jüdische Kultur mit der Eutjndung. dem Abfall von der Religion der Väter, dem Verlassen der Synagoge, zur Schmach der Väter nnd zur Schande der Kinder, identifiziert wurde, da hat die Aufklärung in der deutschen Muttersprache auf Kanzeln und Kathedern Viele davon zurückgehalten, „im großen Allgemeinen", wie Gutzkow sagt, unterzntauchen. Ich kenne die Sprößliuge von Tausenden und Abertausende», die der Tempel in Hamburg bestimmt hatte, treu bei Israels Fahne auszuharren und gegen den Strom der Taufbewegung kühn und ostentativ zu schwimmen, ans voller Ueberzengung. die ihnen geworden durch das G o t t e s w o r t in der reinen Muttersprache, durch die g o t t e s d i e n st l i ch e n V o r t r ä g e, denen Leopold Z u n tz ein bestes Buch gewidmet hat, nnd die im Hamburger Tempel mustergiltig geworden für alle Gemeinden in Nord und Süd^ in Oft und West. Der berühmte Prediger Jsak Noa M a u nh e i m e r, dessen Anordnungen im Kultus maßgebend geworden sind für ganz Oesterreich-Ungarn, lernte nach seinem Fortzug von der dänischen Hauptstadt, von meinem sel. Vorgänger im Amte, von dem Vater der deutschen Kanzelrede in Israel, von Gotthold S a l o m o n predigen, und der größte Kanzelredner des vorigen Jahrhunderts, mein sel. Lehrer Adolf I e l l i n e k. anerkennt die bahnbrechenden Arbeiten der Homiletik, die von der Tempelkanzel zu Hamburg zuerst ansgegangen waren, und nicht minder Abraham Geiger und Manuel Joel sel. Angedenkens. Man lese nnd studiere die zahlreichen homiletischen Sammelwerke von Ed. Kley und G. S a l o m o n, nach Form, Sprache und Inhalt vortreffliche Hilfsquellen religiöser Belehrung, Fundgruben von Schätzen meisterhafter Kanzelrhetorik. Wenn ich von dem Einfluß Hamburgs ans die Jndenheit i Deutschlands rede, wie könnte ich' stillschweigend eine Größe übergehen, vor deren Namen alle Juden im Vaterlands ehrerbietig sich verbeugen? Gabriel Rießer. der unsterbliche Hamburger Advokat nnd Oberlandesgerichtsrat ist es, der der deutschen Gesamtjndenheit die Emanzipation gebracht, unter gewaltigen Kämpfe» in Wort und Schrift. Er gilt uns nach Moses Men d elsohn als der Größte, als Streiter für unser Recht und unsere Ehre. Man lese die vier Bände seiner Biographie von nuferem sel. Stadtbibliothekar Direktor Meyer I. s l e r und man wird den Völkerpsychologen Lazarus verstehen, der einmal sagte: „Nur wer auf der Höhe der Persönlichkeit steht, hat seinen Platz im Pantheon der Ewigkeit." In Rieser haben wir deutschen Juden ein Vorbild eines Kerndeutschen und einer k e r n j ü d i s ch e n P e r s ö n l i ch k e i t allezeit. Rieser aber ist Hamburger, er ist geboren, har, gelebt, ist gestorben und bestattet in unserer altehrwürdigen Elbestadt, und schlicht, aber vornehm mahnt sein Denkmal auf dem jüdischen Friedhof am Grindel an sein unsterbliches Lebenswert: Justizia zertritt den