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Die Wahrheit · 1913-10-17 · Heft 41 (17.10.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 41 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Leite 7. Nr. 41 Die Wahrheit ckam.> Bier Personen wurden wegen Wachebeleidigung- und Nichtfolgeleistnng vorgeführt. * -r- - Unter den Zustimmungskundgebnngen zur Resolution des. "Wiener israel. Kultusvorstandes gegen die Ritualmördbeschuldigung in der. P r o t e st v e r s a in m l n n g vom 6. Oktober .71.913, ist auch eine solche von der Kultnsgemeinde Pilsen eingelaufen. Nachträglich haben ihre Zustimmung zu der Resolution auch gegeben: die Kultus gemeinden Spa lato, Brze- La n.y/ Budzanow. . Die ßanbhiMe. (Eine Betrachtuu g.)j Bon Dr. M H. Friedländer. „Das Fest der Laubhütte sollst du feiern, sieben Tage, wenn du einsammelst aus deiner Tenne und Keller." (5 M., 16., 13.) Das Sukotfest wird bekanntlich in der Liturgie als „Fest unserer Freude" 8cinar>. simchosenii bezeichnet, denn es heißt in der heiligen Schrift wesomachto „freue dich an deinem .Feste", wekojiso ach someach, „gib dich ganz der Freude hin". Ist aber das Wohnen in der Laubhütte geeignet, die Festfreude zu erhöhen, den Israeliten in eine freudige Stimmung Lü versetzen? Die Laubhütte soll doch nach der tiefsinnigen Bemerkung unserer Weisen den Israeliten an die Nichtigkeit und Flüchtigkeit, Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles irdischen -Glückes und aller irdischen Freude erinnern, „verlaß deinen schönen, prachtvollen, festgemauerten Palast und gehe hinaus ln die einfache, prunk- und schmucklose Hütte, damit du erinnert werdest, daß du nur ein Pilger hinieden bist, dem nicht Tausende von Jahren beschieden sind." „Wer in Israel glaubt, daß er hinieden stets ein Esrach, ein Einheimischer bleiben und nie die .Heimat verlassen werde, weil dieses Leben mit seinen Freuden von unendlicher Dauer sei, der wohne in der Laubhütte, damit er ans seinem Traume erwache." Ist nun dieser Gedanke .geeignet, die Festfreude zu erhöhen, uns zu erbauen, zu ermutigen und jedes Zagen, Bangen und Fürchten aus unserem .Herzen zn bannen? Muß er nicht vielmehr einen tiefbetrübenden Eindruck auf unser Gemüt machen? Wesomachto bechagecho. Du sollst dich freuen an deinem Feste. Man würde sich einer Täuschung hingeben, wenn man .glauben möchte, daß das Wort wesomachto im materiellen Sinne anfzufassen sei. Die Thora hat es durchaus nicht für -angemessen gefunden, dem Israeliten einzuschärfen, daß er am Freudenfest ausschließlich seine Genußsilcht befriedigen soll, denn dem Reichbegüterten, der sich täglich in der glücklichen Lage befindet, sich sozusagen einen Jom tow „guten Tag" zu machen, braucht dies nicht erst empfohlen zu werden, und dem Armen und 'Dürftigen, der mit Mangel und Not schwer zu kämpfen hat, nützt ja dieser Auftrag nicht, da ihm oft die Mittel zur Befriedigung der a Iler n ö ti g ste n Bedürfnisse fehlen. — Die wahre, echte Freude, die die Thora dem Israeliten empfiehlt, ist die Seelenfreude (simchas hamefesch) der Seelengenuß. Der Jude soll an seinem Feste sich von den Banden des Alltagslebens losreißen, dem Geräusche der Welt entfliehen, die Sklavenketten sprengen, damit er einerseits erinnert werde, daß er nicht zum Sklaven der Arbeit, des Geschäftes, der Gewinnsucht und sonstiger Leidenschaften, sondern zum Herrnin der 'Natur geschaffen sei,' und andererseits Gelegenheit finde, sich nergeistigen, veredeln und vervollkommnen, wie überhaupt durch geistige Nahrung stärken und kräftigen zu können; er soll seine Dankbarkeit ob der erhaltenen Wohltaten dem Allmächtigen im inbrünstigen Gebete ausdrücken und gleichzeitig dafür sorgen, daß auch die Enterbten die Festfreude mitgenießen können. Und wahrlich, es gibt für den edlen, human denkenden Menschen, in dessen Brust ein warmfühlendes Herz schlägt, keine größere Freude, als das süße Bewußtsein, Großes geleistet, Wohltaten -ausgeübt, edle Werke geschaffen und sich durch dieselben ein Kapital erworben zu haben, das kein Mißgeschick, kein Unfall ihm rauben kann, ein Kapital, dessen Zinsen er, selbst wenn -er längst dieser Welt entrückt sein wird, genießen werde. — Von dem großen Philanthropen, König Munobaz, wird im Talmud erzählt, daß er in einem Jahr^ der Hungersnot sämtliche Getreidevorräte, die seine Ahnen jahrelang aufgehänft, dem hungernden Volke bereitwilligst unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatte. Als ihm seine Angehörigen hierüber Vorstellungen niachten, indem sie sagten: „während deine Väter die vorhandenen Vorräte zn vermehren suchten, bist du bestrebt, dieselben in unnützer Weise zu vergeuden", entgegnete er ihnen ruhig: Meine Ahnen häuften Schätze für die Erde, ich aber für den Himmel; während jene ihre Güter an Orten verwahrten, wo sie der Zerstörung und Vernichtung preisgegeben waren, bringe ich meine Schätze an einen Ort, wo sie unmöglich angegriffen werden können; was meine Väter gesammelt, trägt keine Zinsen; meine Schätze hingegen find fruchtbringend; während meine Ahnen für andere gespart und gesammelt, sammle ich für mich selbst, für die Zukunft, für die Ewigkeit." (B. Batra 11.) Die Worte der heiligen Schrift: „Den Ertrag deiner Aussaat sollst du verzehnten", werden im Talmud dahin erklärt, verzehnten sollst du, damit du einen dauernden Reichtum erwerben kannst, denn das Kapital, das man wohltätigen Zwecken widmet, bildet einzig und allein den unantastbaren Reichtum hinieden. Der Jude soll daher, wenn er sich die Unsterblichkeit erringen will, im W o h l t u n unermüdlich sein und jeden würdigen Hilfsbedürftigen kräftigst unterstützen. „Oeffne ihm deine Hand und leihe ihm, so viel er bedarf, so weit sein Mangel reicht", d. h. dem Armen, der nie bessere Tage gesehen, der von jeher gewohnt war, das Joch der Entsagung und Entbehrung zu tragen, reiche man so viel, als er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benötigt und demjenigen Uuterstützuugswürdigen, der einst bessere Tage gesehen, dann aber durch harte Schläge seines Vermögens verlustig geworden, gebe man so viel, als feine persönlichen Bedürfnisse erheischen, äs machsono, „so weit sein Mangel reicht". Von Mar Ukba, einem hervorragenden Lehrer in der talmudischen Zeit, der sich, wie die meisten Lehrer jener Epoche, durch ungewöhnliche Herzensgüte ausgezeichnet hatte, wird erzählt, daß er einem Armen in seiner Nachbarschaft alljährlich am Rüsttage des Jom Kippur 400 Sus zu schicken pflegte. Einmal ließ er diese Spende demselben dtirch seinen Sohn zukommen, als dieser zurückkam, sagte er zn seinem frommen Vater: „Dieser Mann scheint es ja gar nicht so nötig zu haben, unterstützt zn werden, denn wie ich gesehen, lebt er ja fürstlich, läßt sich die feinsten Delikatessen und köstlichsten Weine servieren." „Ist nun der Manu", entgegnete der Vater, „an Wohlleben gewöhnt, so muß ich ihm, da er größere Bedürfnisse hat, die doppelte Summe zukommen lassen, denn bei der Wohltätigkeit muß mau auch die persönlichen Bedürfnisse des Herabgekommeuen berücksichtigen." Und als dieser edle Rabbi vor seinem Hinscheiden sich jenes Buch bringen ließ, in welchem alle von ihm gespendeten Gaben verzeichnet waren, und sich , überzeugte, daß er bloß 7000 Denarien wohltätigen Zwecken gewidmet hatte, rief er ganz verstimmt ans: „Wahrlich für eine so weite Reise viel zu wenig Zehrung." (Ket. 67.) Ja, das Bewußtsein, daß man sich hinieden genügende Zehrung für die weite Reise vorbereitet hat, erfreut das Herz, erquickt den Geist, labt die Seele. Wann aber ist der Mensch in der Lage, sich die nötige Zehrung für diese weite Reise vorzubereiten? In jenen Momenten, wo das Glück ihm günstig ist, in den Zeiten, wo er aus seiner Tenne und Keller einfammelt und Schätze auf Schätze häuft. Nnn aber besitzt nicht jeder Mensch in solch glücklichen Momenten die Kraft und den Willen, an die Zukunft zudenken, sich die Nichtigkeit und Vergänglichkeit der irdischen Güter und Freuden zu vergegenwärtigen, so manchen betäubt das Glück derart, daß er stolz, hochmütig und gottvergessen wird, werom lewowecho weschoehachto „sobald du dich überhebft, wirst du gottvergesien"; daher wurde dem Israeliten geboten, am Erntefeste in der Laubhütte zn wohnen. Durch diese soll er erinnert werden, daß er hinieden nur ein Pilger sei, daß alle Reichtümer und Schätze der Erde zweck- und wertlos bleiben, wenn sie der Mensch nicht für sich, d. h. für seine Zukunft gehörig zu verwenden und zu verwerten versteht. —

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