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Die Wahrheit · 1913-10-17 · Heft 41 (17.10.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 41 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 41. sind bei allen Völkern und Killten vorgekommeu. Heute aber? noch an deu Ritualmord zu glauben in dem Sinne, daß Juden zu. religiösen Zeremonien oder rituellen Zwecken Christenblnt brauchen, halte ich für zu absurd, um darüber noch mehr Worte zu verlieren." * * . 4- . ' In treffender Weise bespricht die „A r b e i te r- Z e i tu n g" den. Kiewer Prozeß. Sie schreibt Folgendes: Die Vorgeschichte des gräßlichen Prozesses, der nun noch zweieinhalbjähriger Voruntersuchung vor deii Kiewer Geschworueu begonnen hat, ist teuflisch einfach. Eine Bande von Dieben und Einbrechern, Leib vom Leibe und Blut vom Blute jener Answürfe der Gesellschaft, aus deren Mitte die Schwarzhunderte der „echtrussischen" Pügromisten geworben werden, hatte in Kiew, offenbar um einen unbequemen Zeugen ihrer Verbrechen ans der Welt zu schaffen, einen Knaben namens Jnschtschinsky ermordet und nach der Inspiration von oben, aus dem Hauptstab der Pogromleute, daraus einen jüdischen „Ritualmord", nach dem Jahrhunderte alten Rezept, inszeniert. Dieser verruchte Plan hatte sofort die wärmste Unterstützung sowohl des Polizeidepartements wie des Justizministeriums, ganz besonders aber im Pe terh o ser Palais selb st, gefunden. Nach den Instruktionen des Chefs der Kiewer Ochrana, des berüchtigten, in Provokationsaffairen ansgeprobten Gendarmerieobersten Knljabko, wurde dann der erste beste Jude Mendel Beilis, der das Unglück hatte, nicht weit vom Tatorte zu wohnen, verhaftet. Und als doch der berufsmäßige Detektivspürsinu die Untersuchungsbehörden immer wieder auf Spuren der wirklichen Mörder brachte, da geschah es, daß auf Geheiß aus Petersburg der „ungescheite" Chef der Kiewer Detektivpolizei Mischtschnk vor Gericht gestellt, auch sein Nachfolger Kraskowsky des Amtes enthoben, ein Untersuchungsrichter nach dem anderen, ein Staatsanwalt nach dem anderen von der Prozeßführung beseitigt wurde, bis es durch diese künstliche Auslese der Beamtenschusterei und Skrupellosigkeit endlich gelungen mar, das hohe Ziel zu erreichen. So wurde der unglückliche Beilis auf die Auklagebauk gesetzt, die wirklichen Mörder Jüschtschinskys aber als Meineidszeugen gegen ihn aufgestellt, und das gewissenlose Gutachten des gelehrten Regierungslakaien Sikorski und eines gewissen Pranaitis, eines Pfaffen mit dunkler Vergangenheit, war dazu berufen, eine „wissenschaftliche" Grundlage für das mittelalterliche Blutschauermärchen zu verfertigen. Uns Russen konnte es keine besondere Ueberraschung sein, daß Willkür und Gesetzbrüche von der Regierung und ihren Organen angehänft werden, um einen Tendenzprozeß zu inszenieren. Aber der Beilis-Prozes wird durch ganz besondere Umstände ausgezeichnet,. welche ihn den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der gesamten Oeffentlchkeit gestellt haben. Diese Bedeutung wird ihm nicht durch seine juristische Monstrosität, sondern durch seine politische Tragweite verliehen. In der Person des Inden Beilis versuchte die Regierung mit einer schamlosen Herausforderung die gesamten Juden auf die Anklagebank zn setzen. Der Ritualmordprozeß soll die ganze Regierungs- Politik gegen die Juden krönen. Diese Politik ist aber m i t dem ganzen S y st e m der h e r r s ch e n d e n Kontrer e v o l u t i o n aufs innigste verknüpft. Seit jeher griff der Zarismus zur nationalen Unterdrückung, zur gegenseitigen Aufhetzung der Nationen als zudem Mittel, den revolutionären Volkszorn von sich abzulenkeu und ihn auf falsche Spuren abzuleiten, um mittelst künstlich anfgebauschter nationaler Widersprüche das Bewußtsein der Volksmasfen zu vergiften, Zerfahrenheit und Verwirrung in die revolutionären Reihen hineinzubringen. Doch ihren echten Schwung erhielt diese machiavellistifche Politik erst in der letzten Periode des zügellosen Tobens der Kontrerevolution. wo der Nationalismus sich zu einem allumfassenden System der Fütterung der ausbeutenden Klassen der „Stammbevölkerung" entfaltete — auf Kosten der „Fremdstammigen" und „Andersgläubigen": der Juden und Polen, der Ukrainer und Letten, der Finnländer und der kaukasischen Nationalitäten, der Mohammedaner und Sektierer. Das war die Rache der Kontrerevolution an den Nationen Rußlands wegen ihrer Teilnahme an der Revolution, gleichzeitig aber auch der Versuch, durch das Geschrei von dem angeblichen „fremdstammigen Druck" die Aufmerksamkeit der neuerwachenden russischen Volksmasseu von dem wirklichen sozialen und politischen Druck der Kontrerevolution abzulenken. Mit ganz besonderer Wut aber fielen die Schläge dieses kontrerevolutionären Nationalismus auf die Juden nieder. Denn die Juden bilden nach dem Ausdruck eines der Pogromistensührer in der Duma „die Linie des geringsten Widerstandes". Den Juden gegenüber ist es dem Zarismus leichter, die Macht der Finsternis auszubeuten, die Traditionen des religiösen Fanatismus aufzuschüren. Eben ans dem Grunde griff, wie bekannt, die Regierung im Jahre 1905 vor allem zn den Judenpogromen, um die ersten Siege der Revolution zu vernichten. Und bei den ersten Anzeichen der Wiederbelebung der revolutionären Bewegung erklärte die Regierung mit zynischer Offenheit durch den Mund eines ihrer Mamelucken in der dritten Reichsduma: „Jede Revolution in Rußland wird über I u d e n l e i ch e n schreite n!" Bald darauf wurde auch der Kiewer „Ritualmord" als der geeignetste Ausgangspunkt einer neuen Pogromära erfunden. Das war die Antwort der Verschwörer des 16. Juni ans den neuen Aufschwung der revolutionären Stimmung im Lande. Dieser fatale Zusammenhang ist es auch, der dem Beilis- Prozeß sein spezifisches Gepräge verlieh und ihn zur Sache der gesamten Demokratie Rußlands machte. Nicht nur im Namen der. Kultur und Menschlichkeit, sondern auch im Namen der politischen Befreiung des Landes erhob die gesamte Demokratie Rußlands ihre Stimme gegen den niederträchtigen Anschlag derkontrerevolutionären Pogromistenbande. Am Tage der Eröffnung der Verhandlungen veranstalteten die Arbeiter in den verschiedensten Orten Rußlands Protestversammlnngen und Straßendemonstrationen, um gegen die wilden Verfolgungen der Arbeiterpresse und Arbeiterorganisationen und zugleich gegen den barbarischen Schauerprozeß zn protestieren. „Die russische Reaktion", heißt es in einer der von Arbeitern angenommenen Resolution, „hat absichtlich die Beilis-Affaire geschaffen, um die Aufmerksamkeit der breiten Volksmassen von den wahren Ursachen ihres Elends abzuwenden. Aber gleichzeitig mit dem Gericht über Beilis wird ein anderes Gericht gehalten: das Gericht über seine Ankläger, das Gericht über die Reaktion. Das ist das Gericht des klassenbewnßten Proletariats, dem jede nationalistische Verhetzung fremd , ist und das in ihn nur das Produkt des Menschenhasses, das Produkt der entsetzlichen Rechtlosigkeit aller Völker Rußlands überhaupt und der Inden im besonderen erblickt. Indem wir gegen diese ungeheuerliche Anklage protestieren, erklären wir ausdrücklich, daß nur mit der Niederringung der Reaktion ihre Erzeugnisse — die Ritualmordprozesse — verschwinden werden. Bereits die ersten Tage der Kiewer Gerichtsverhandlungen zeigten der breiten Oeffentlichkeit. auf welch morschem Fundament der Pogromistenprozetz ausgerichtet ist und mit welcher himmelschreienden Verhöhnung alles Rechtes und Gesetzes er von der zwischen Regierung zustande gebracht wurde. Wie aber auch das formelle Urteil, der Geschwornen in diesem Prozeß ansfallen mag: eines kann schon jetzt mit Bestimmtheit gesagt werden: politisch wird er dem Zarismus gerade das Gegenteil davon bereiten, wozu er von diesem so teuflisch bestimmt wurde. * * Proteftv ersainrnlung in Prag. Sonntag, den 12. Oktober vormittag fand in der Produktenbörse eine öffentliche Volksversammlung mit dem Programm „P r.o t e st gegen d i e R i t u a l m o r d l ü g e" statt, die von beiläufig . 2000 Personen, znm größten Teil Israeliten, besucht war und einen ungestörten Verlauf nahm. Nach Schluß der Versammlung versuchten 500 bis 600 Teilnehmer derselben z u m r u s s i s ch e n K o n s ul a t zu ziehen. Die Sicherheitswache kam jedoch den Demonstranten zuvor und sperrte alle znm russischen Konsulat führenden Gassen ab, so daß die beabsichtigte Demonstration vereitelt wurde. Sofort nach der Absperrung wurden die umliegenden Seitengassen geräumt, wobei es zu K o n f lik t en m i t d e r in großer Zahl aufgebotenen Sicherheitswache

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