Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 41 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Die Wahrheit. Nr. 41. sagte der Großrabbiner, er komme ans dem Gotieshause, wo die Juden Gebete für das Leben des Königs verrichtet hätten. Er versicherte den König der Loyalität der Inden, die ihren Religionssatzungen gemäß treue Untertanen der Länder seien, in welchen sie leben. König Konstantin gab seiner Genugtuung über die Versicherung der Loyalität Ausdruck und erklärte, er werde m seinem Königreiche niemals die Ritnalmordbeschnldignng zulassen. Er habe die jüdischen Soldaten, die im griechischen Heere oft gegen ihre im feindlichen Lager befindlichen Religionsgenossen kämpften, schätzen gelernt. Der König versicherte den Großrabbiner des. Wohlwollens der Behörden gegenüber den Israeliten. * * * Erzbischof Sergei gegen den Ritnalmord. Der russische Erzbischof Sergei sagte, wie ..Bischewija Mjedomosti" melden, einem Jourrialisten folgendes: „Wir wissen, daß dte Glaubenslehre der Inden keinen Boden für wilde Verdächtigungen bietet. Auch in der rabbinifchen Literatur ist nichts vorhanden, was diese Verdächtigungen bestätigen könnte. Somit ist zur Blutbeschuldignng der Inden keine Stütze vorhanden. Man sollte also annehmen, daß jede Grundlage für wilde Legenden, die die Menschheit beschämen, für immer verschwunden sei, leider hat der Beilis-Prozeß diese Annahme zerstört. Man muß aber mit Bedauern konstatieren, das; der Beilis-Prozeß auf rein politische Motive zurückzuführeu ist. Das Wesen der Anklage liegt nicht in der Ritnalmordbeschuldigung. sondern im politischen und ökonomischeu Hasse zn den Inden. Doch wir wollen hoffen, daß der Beilis-Prozeß die mittelalterliche Legende einmal für immer zerstören wird." --- * * Eine Erklärung des Bischofs Keßler. Der in Odessa weilende Saratower Bischof Keßler sagt, wie „Birschewija Wjedomosti" melden, einem Journalisten folgendes: „Ich würde mich vor Gott und den Menschen eines Verbrechens schuldig machen, wenn ich sagen sollte, daß in irgendwelchen theologischen Büchern ein Hinweis darauf verhanden wäre, daß die Inden Blut zn rituellen Zwecken gebrauchen. Das ist ein schändliches Märchen. Den Belastungszeugen Pater Pranaitis habe ich als Schüler gekannt.- Damals war er ein ehrlicher und ordentlicher Mensch; wie es aber gekommen ist, daß er sich so verändert har, kann ich mir nicht erklären." * * * Protestkundgebung der Rabbiner. Aus Anlaß der in Kiew erhobenen Ritnalmordbeschnldignng haben über Anregung der Oberrabbiner Jakob M e i r in Saloniki und Josef Lebovits in Magocs (Ungarn) mehr als 700 Rabbiner aus fast allen Ländern der Welt, aus Oesterreich, Deutschland, Frankreich, England, Amerika, Australien, Afrika. Asien, eine feierliche Kundgebung gegen den Ritnalmord veröffentlicht. * * * Eindruck in russischen Dumakreisen. Aus Petersburg wird gemeldet: Der Prozeß Beilis ruft in Abgeordneteukreisen einen niederdrückendeu Eindruck hervor. Die Vertreter des Zentrums sind der Ansicht, daß die Reichsduma sich mit dem Beilis-Prozesse beschäftigenmüsse, da Beilis mit der ganzen Angelegenheit offenbar nichts zu tun habe. Der Oktobrist Graf Bennigsen will erst abwarten, welche Ungesetzlichkeiten der Prozeß zutage fördern wird, um hierauf mit einer Interpellation vorzntreten. Fürst Mansyrew von der Kadettenpartei sagt, der Prozeß sei künstlich gemacht worden, und erklärt als früherer Unterstaatsanwalt. daß Anklageakte nicht in dieser Weise verfaßt werden dürfen. Alle anderen oppositionellen Gruppen halten eine Interpellation für unerläßlich, da die Volksvertretung eine derartige Verhöhnung der Justiz, wie sie der Kiewer Prozeß darstelle, nicht zulassen dürfe. Protest der rechtsstehenden Petersburger Studenten. /, Die rechtsstehenden studentischen Verbindungen' an der Petersburger Unibersität haben, wie „Utro Rossii" meldet, eine Proklamation erlassen, in welcher sie die gesamte Studentenschaft Rußlands anffordern, gegen den Beilis-Prozeß zu protestieren. In der Proklamation erklären die rechtsstehenden Studenten, daß sie trotz ihrer Abneigung gegen die Juden es nicht zulassen können, daß im 20. Jahrhundert die mittelalterlichen Blutmärchen künstlich wiederbelebt werden. Eine abgehaltene Versammlung faßte eine äußerst scharfe Resolution gegen den Prozeß und richtete Sympalhiedepeschen an die Gattin und die Verteidiger des Beilis. In Kiew, Warschau. Riga und Wilna haben riesige Arbeiterdemonstrationen stattgefunden, die alle mit Sympathiekundgebungen für den Angeklagten Beilis schlossen. % -i- 4t Der konfiszierte Artikel des antisemitischen ..Kiewljanin . In dem von der russischen Behörde konfiszierten Artikel des antisemitischen „Kiewljanin" heißt es unter anderem: Die Anklage gegen Beilis ist das Lallen eines Kindes und unwillkürlich empfindet man Scham für dieKiewerProknrarur, für die ganze russische Justiz, welche den Mnt hatte, mit einer so armseligen Ansrüstnng vor der ganzen Welt zu erscheinen. Eine ungerechte Sache wird keine Früchte tragen. Ihr sagt: „Was geht uns Beilis anl Uns handelt es sich hauptsächlich darum, den Ritnalmord zu beweisen!" Aber ihr dürft nicht so sprechen. Wenn ihr so redet, bringt ihr selbst ein Menschenopfer dar. Möge Beilis noch so unbedeutend sein, ihr hattet nicht das Recht, ihn einznkerkern, sobald ihr von seiner Schuld nicht überzeugt ward. Ihr betrachtet ihn wie einen Hasen, den man auf den Seziertisch legt. Hütet euch! Es gibt Dinge, die man nicht straflos zerstören darf. Wir empfinden ein Gefühl der Bitterkeit, diese Worte uiederzuschreiben, aber wir haben, als wir die Feder des Redakteurs dieses Blattes den Händen des entschlafenen Pichno (des ehemaligen Herausgebers des „Kiewljanin" und Leaders der Rechten im Reichsrate. Anm. d. Red.) entnahmen, an seinem Grabe den Schwur abgelegt, daß eine Unwahrheit niemals die Spalten des „Kiewljanin" beflecken wird." * * * Erklärung von Kardinal Franeis Bourne, TS r jj b i i rfj o r von W e st m i n ft e r. London, 11. Oktober. ..Ich kann nur wiederholen, was ich dem Chefrabbiner von England geschrieben habe, nämlich: daß ich es bedauere, zu hören, daß die Beschuldigung des Ritnalmordes in Rußland wieder erhoben wird. Die katholische Kirche hat, soweit ich weiß, immer anerkannt, daß diese Beschuldigung weder in den religiösen Ansichten noch in den Gebräuchen des jüdischen Volkes irgendwelche Begründung findet. . ' ■ Ich hoffe, daß diese Tatsache bald allgemein anerkannt und daß,/wenn ein Verbrechen begangen wird, es nicht auf in Wirklichkeit nicht bestehende Motive zurnckgeführt werden wird." Der Fürftprimas von Ungarn Johann Csernoch, F ü r st er z b i s ch o f von G ra n. schreibt an die „Neue Freie Presse" Grau, 11. Oktober. „In Beantwortung Ihrer an mich gerichteten Anfrage gebe ich meiner Ansicht Ausdruck, daß der Ritnalmord als eine Institution der jüdischen Religion in der Wissenschaft nicht bekannt ist und in den heiligen Büchern des Alten Testaments auch kein Passus enthalten ist, welcher als Grundlage zur Bildung einer solchen Institution dienen könnte. Ob aber konkrete Fälle als Ritualmord oder als gewöhnlicher Mord zu qualifizieren sind und welche individuellen, fanatischen und sektualischen Auffassungen, wenn die kompetenten Foren diese als einen Ritnalmord qualifizieren, zur Begehung.solcher Taten als Motiv dienen könnten, darüber 'kann man sich nur bei eingehender Kenntnis sämtlicher Zustände der betreffenden Handlung eine Meinung gestatten." i