Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 41 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063715--08728-3075919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Diidaktiou und Sldminiftration: Wien. H,, Nvvaiagasse 37 Xrlepbou: iHebafiioit 5509/1V. Sbmimitratiou 193811. Unabhängige Aeitschrift für Mische tK*ejuiUH|vei*: UWuijiaQUrt.K l*.— Halbjiibiig.1» 1.— X. k. ofterr. Postjvarkaffa- 6coerf«ftoitio Nr. 100.918. Interessen. F»r SViiltHSbeuiHte: JiU'Mrate: Dir viermal geivalteu- NonvarriNe-Zcilc 25 Heller. Ersitzet nt jeden Kreit ag. fyiu: >>ln?Uuit>: Adonuemeiil«- und Jnserlion«- beträge nnl» in Wie» zahlbar iiub klagbar.. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 'Müiijiiitoriti . . ... 8 üJtmr rt üluiift >>k>e, IN SJrc«. Kr 41. Wien, IT. Oktober Inhalt: Die Lehren der letzten Reichsrats-Ersatzwahl im II. Bezirke. — Der Mordprozeß in Kiew. — Die Laubhütte. — Gabriel Rießer in der Frankfurter Nationalversammlung zugunsten der Gleichberechtigung der Juden. — Rassenschnüsteleien. — Die Macht der Gattin des. Gemeindepräses. — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. Die Kehren der letzten Keichsrats- Grsntzwahl im II. Kezirke.*) Nach den amtlichen Daten gab es am 8. Oktober 1913 im 6. Reichsrats-Wahlbezirke 19717 Wähler, davon erschienen nur 17853 bei der Urne. Trotzdem also für die Reichsratswahl die Wahlpflicht besteht, fehlten 1864 Wähler. — Warum? Für aufmerksame Staatsbürger, welche alle bei früheren Wahlen zutage gekommenen Wahlmachinationen der Christlichfozialen registriert haben, bietet die Phantasie einen weiten Spielraum für die möglichen Ursachen dieser Erscheinung. Wie viele Wahlschwindler konnten die Legitimationen der während 5 Monate abgereisten oder übersiedelten Wähler zugunsten des christlichsozialen Wahlwerbers anstandslos ausnützen? Zeder solche Wähler war sicherlich nicht soeifrig bestrebt, sein Wahlrecht ansznübeu, wie der -Bureaudieuer Karl Ribarsch von der Engertstraße 233, der es aufdeckte, daß für ihn schon ein Wahlschwindler gewählt hatte. Die rührige, sozialdemokratische Partei konstatierte übrigens schon nach drei Tagen, daß 837 solcher Wahlschwindeleien vorkamen. Wie viele Wähler brachte vielleicht der Zentralfriedhof für die Christlichsozialen zur Urne? Am Stichwahltage dürfte der christlichsozialen Partei die Fortsetzung dieser Falschwahl einigermaßen erschwert werden. Aber trotz aller dieser Tatsachen und trotz der seit 1911 im H. Bezirke erzielten Machtvergrößerung der Christlichsozialen durch eine Anzahl Gemeindebediensteter erzielte deren Kandidat Dr. Mataja nur 7761 Stimmen, so daß ihm noch 776 Stimmen zur absoluten Majorität fehlten. Sehr interessant und lehrreich für den bürgerlichen Freisinn ist nun das weitere Ergebnis dieser Wahl. Der Sozialdemokrat Eldersch erhielt nämlich 5934 Stimmen, das ist u m 1640 Stimmen weniger a l s i m Jahre 1911. Der deutschfreiheitliche Blasel erhielt aber diesmal 2535 Stimmen, also um 1996 Stimmen mehr als im Jahre 1911. Die Deutschfreiheitlichen haben dadurch die Entscheidung am Stichwahltage (14. d. M.) i it der H a n d. Für einen Bezirk, in dem die Christlichsozialen und Sozialdemokraten beiweitem in Ueberzahl vertreten sind, ist dies wohl ein sehr erfreulicher Erfolg. Wir sehen, daß der bürgerliche Freisinn noch keineswegs im Absterben begriffen ist, wie dies Christlichsoziale und Sozialdemokraten immer behaupten. Doch müssen sich diese bürgerlichen *) Dem Verfasser des Artikels war zurzeit der Abfassung desselben der Ausgang der Stichwahl vom 14. d. M. noch nicht bekannt. Schichten noch stark mit demokratischem und sozialpolitischem Oele salben, wenn sie es nicht verschulden wollen, daß zahlreiche Teile ans ihrer Mitte den Sozialdemokraten oder gar den Christlichsozialen zuströmen sollen. Wo die Sozialdemokraten mit ihren Forderungen im Rechte sind, dort müssen dieselben auch von den Bürgerlichen in ihrem eigenen Interesse unterstützt werden, denn der Entrechteten und wirtschaftlich Notleidenden gibt es auch in bürgerlichen Schichten leider noch übergenug, wie dies die modernen Beamten- und Lehrerbewegungen zeigen. Auch die größeren Regierungsparteien schwächten sich, sobald sie gegen Volksforderungeu den Justamentnöt-Standpnnkt einnehmen. Die letzte Reichsratswahl im H. Bezirke berechtigt den bürgerlicheit Freisinn zu neuen Hoffnungen. Wenn sich diese Schichten z i e l b e w u ß t einigen, dann können sie noch viele Bezirke Wiens und der größeren Städte wiedereroberu, mindestens aber die christlichsozialeu Volksbetrüger erfolgreich bekämpfen. Der Kamps muß unentwegt und mit aller Schärfe gegen Christlichsoziale und — Neuklerikale, die sich mit ihnen verbinden, fortgesührt werden, aber Sozialistentödter um jeden Preis sollen und müssen sie nicht sein! Rot ist noch immer ein kleineres Hebel als Schwarz. R. L. Der Ritualmordprozeß in Kiew. Einen Moment lang blitzte kurz nach Beginn des Prozesses die Hoffnung auf, daß dieser Schandfleck der russischen Justiz rasch ausgelöscht werden wird und daß Wahrheit und Gerechtigkeit einen vollen Sieg gegen Lüge und Niedertracht erringen werden. Allein die ausBerlin kolportierteNachricht, daß angesichts des völligen Niederbruches der Kronzeugen der Staatsanwalt von der Anklage zurückgetreten ist, hat keine Bestätigung gefunden und so wird der Kiewer Prozeß weitergesührt. Der Staatsanwaltschaft ist es bisher nicht gelungen, auch nur einen Schein eines Beweises für die erhobene Anklage zu erbringen, aber desto zahlreicher und lauter werden die Stimmen, die innerhalb und außerhalb Rußlands von sozial und wissenschaftlich hochstehenden Persönlichkeiten sowie in breiten Schichten der Bevölkerung gegen die Ritualmordlüge erhoben werden. Nachstehend eine Auslese derselben: König Konstantin gegen die Ritualmordlüge. Saloniki, 13. Oktober. König Konstantin von Griechenland empfing heute den Großrabbiner von Saloniki in Audienz. Im Verlaufe derselben