Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 13. Nr. 40. . Die G e w e r b e t r e i b e n d e u (vielleicht auch die Juden) sind nach Dr. Steinwender weniger berechtigt (!) als die Beamten, ihre Söhne studieren zu lassen (!!). Dr. Steinwender rügt es auch, daß es in Oesterreich 49- Privatmittelschulen gibt, „als ob wir nicht an öffentlichen übergenug hätten." Nach Dr. Steinwender läßt man die Kinder nur deswegen studieren, weil man dann alles werden kann, „vom Gemeindeschreiber bis zum Ministerpräsidenten". „Um zu lernen und sich zu bilden, werden sehr wenig Kinder in diese Schalen geschickt," behauptet dieser ehemalige Mittelschnllehrer. „Die Kinder sollen für ein Amt und für eine Pension präpariert werden und da es bald nicht halb so viel Stellen geben wird als Kompetenten, wird ein großer Teil des besten Nachwnches einem elenden Lose preisgegeben"^ behauptet Dr. Steinwender. Dieser Volksanwalt wendet sich auch gegen die Elternliebe und die „wehleidige und energielose Ueberschätzniig der Versorgung gegenüber dem Erwerb". Die indischen Absolventen der österreichischen Mittel- und Hochschulen waren auf die Erlangung von Aemtern noch nie versichert. Vielleicht besitzt Dr. Steinwender darüber bezüglich der arischen Studentenschaft andere Erfahrungen. Die Juden haben allezeit das geistige Brod voll gewertet. Ohne Rücksicht auf den etwaigen p r a k t i s ch e n Nutzen ließen sie ihren Kindern so viel Wissen als möglich znkommen. Eine etwaige Abdrängung ihrer Kinder von den vorhandenen Bildnugsanstalten fühlen sie auch gegenwärtig noch als grans a me 33 e v f o! g it lt Qi Solch bestialische Berfolgnugss u ch t zeigen aber die modernen Dentschnationaleu ebenso wie die Christlichsozialen. Auch sie zetern in ihren Blättern fortwährend über die angebliche Verjttdnng der höheren Bildungsanft a 11 e_u Oesterreichs und des Aerzte- und Jnristenstandes. Die versuchte g e i st i g e?l b s p e r r u n g und Schädigung trifft das allezeit bildungsdnrstige jüdische Volk noch empfindlicher als der wirtschaftliche Boykott, weil dieselbe nicht nur die jüdischen Statasbürger persönlich momentan trifft, sondern deren Kinder und ihre Zukunft. Die Inden tragen als willige Steuerzahler wacker zu den Kosten der öffentlichen BildNügsanstalten bei.und werten das hohe Schulgeld in den Mittel- und Hochschulen schon lauge als un b e r e ch t i g t e u Unfn g. - Es ist ein sauberes Deutschtum, wenn mau gegen die Bildnngsanstalten eifert. Vollwertige Inden müssen daher die modernen, jndenfeindlichen Dentschnationalen, -welche gegen dieselben neben dem wirtschaftlichen auch den g e i st i g e n B o y k o t t predigen, genau ebenso werten und bekämpfen wie die Christlichsozialen! Wenn sie anch zuweilen wegen der Notwendigkeit der jüdischen Wählerstimmen schöne Worte machen, dürfen sich denkende Inden nicht betören lassen, denn nicht die Worte, sondern die Taten müssen schließlich entscheiden. Die von Christlichsozialen und Deutschnationnlen gefoppten W ä h l e r s ch a r e u werden immer mehr und wenn die Bürgerschaft mit freiheits- und bildnngsfeindlichen Strebern, die eifrig neue Steuern erfinden nnd gegen den Militarismus und Agrarismns unbegrenzt opferwillig sind, aber die V o lks au f k är u n g bekämpfen, nicht bald anfränmt, bann ist auch in Oesterreich die Zeit nicht mehr ferne, in der Rot Trumpf sein wird. — Werden die Bildnngsanstalten verringert nnd scheucht man die Kinder des Volkes von ihnen weg, dann stempelt man sie erst recht zu V e r s o rg n n g s a n st a l t en für den überzähligen Nachwuchs der oberen Zehntausend. Nicht solche. Abgeordnete sind zu tadeln, „die sich für die Errichtung von Mittelschnlen einsetzen," wie dies Herr Dr. Steinwender ansspricht. sondern solche, welche dieselben bekämpfen und „zur Umkehr., aber, mit einem energischen Ruck (!) und lieber Heute , als morgen" raten. Der jnngklerikale Deutschtümler Dr. Steinwender zeigt aber in den angezogenen Verlautbarungen nicht nur seine sattsam bekannte Bildnngsfeindlichkeit, sondern auch seine Unaufrichtig k e i t, weil er es der Lehrerschaft zur Last legt, die mit ihren Anforderungen au die Leistungen immer tiefer heruntergehen." Als Mittelschullehrer muß er es eben wissen, daß die Lehrerschaft nicht ans eigener Machtvollkommenheit, sondern in Folge s ch nlb eh ö rd lich er Erlässe tun mn ß. Das österreichische Schulwesen ist wohl reformbedürftig, was vielleicht später ausführlich behandelt werden soll, aber deswegen darf das geistige Brot der Jugend nicht verkümmert werden! R. 2. Der Mordprores? in Kiew. lieber den Beginn des Prozesses wird aus Kiew telegrafisch mitgeteilt: Der Prozeß gegen den des Mordes an dem Knaben Andrej Iuts chts chinsky angeklagten Mendel B e y l i s hat hellte am 8. Oktober vor dem hiesigen Schwurgericht begonnen. Eine gedrückte Stimmung herrscht in der ganzen Stadt, mtb unter den Juden macht sich die Befürchtung von Pogroms und Judenhetzen geltend. Ein starkes Polizeiaufgebot ist vor dem Gerichtsgebäude. doch finden keine Menschenansaminlungen statt. Auch alle Straßen in der Umgebung des Gerichtsgebäudes sind polizeilich bewacht. Den Vorsitz in der Verhandlung führt Gerichtspräsident Boldirjew, dem als Beisitzer die Richter W i g u r a, I u r kj ew it s ch und Fürst S ch e w a ch o w beigeordnel sind. Von 33 Geschwornen sind 27 erschienen, darunter nur fünf Angehörige der gebildeten Stände; von den neun Angehörigen dieser Stände haben es vier vorgezogen, fernzubleiben. Der Beginnder Verhandlung verzögerte sich bis halb 3 Uhr nachmittags, da der Gerichtshof in Anbetracht dessen, daß viele wichtige Zeugen nicht erschienen waren, beschlossen hatte, bis 2 Uhr zuzuwarten. Zu Beginn der Verhandlung wurde die Anklage verlesen, die, wie bereits wiederholt berichtet wurde, zum Unterschied von der ersten Anklage vollständig auf der Ritualmordbeschuldigung basiert und sich diesbezüglich auf das in der internationalen Gelehrtenwelt so scharf kritisierte und in wissenschaftlicher Beziehung förmlich zerpflückte „Gutachten" des Psychiaters Professor S iko rski, auf die romanhaften Erzählungen von Zellengenossen des Beytis, sowie auf Mitteilungen von Kindern stützt, die erzählen, daß Beylis uno seine ihnen lmbefannteii Genossen den Juschtfchinsky aus der Mitte seiner Spielgefährten gewallsam entfernt und weggeschleppt hätten. Kurz nach Entdeckung des Mordes, so erzählt die Anklageschrift, wurden Beschuldigungen gegen die Eltern des ermordeten Knaben erhoben. Sie wurden auch auf Anordnung des Chefs der Kiewer Geheimpolizei Mitschtschuck verhaftet; jedoch eine in ihrer Wohnung vorgenommene Hausdurchsuchung blieb resultatlos, so daß die Mutter wie der Stiefvater des Ermordeten sreigelassen wurden. In Kiew verbreitete sich unterdessen die Ansicht. Juschtschinsky sei das O v f e r eines Ritual mordes geworden, doch hielt sich während der Dauer der Untersuchung auch das Gerücht aufrecht, die Mörder seien seine M u i t e r und sein Stiefvater. Auch ein anderer Mitarbeiter der „Kiewskaja Myßl" Ordynski, erschien aus eigenem Antriebe bei dem Untersuchungsrichter und gab an. bei einem Besuch bei seiner Bekannten Traina Klein habe er gehört, wie die Wäscherin Olga Simenenkowa erzählte, daß ihre Schwester noch vor der Auffindung der Leiche Juschtschinskys den Bruder der Alexandra Prichotka gesprochell habe, der lächelnd äußerte : „Adrej ist spurlos verschwunden." Auch die Mutter Andrejs habe der Schwester der Wäscherin das Verschwinden ihres Sohnes lächelnd erzählt. Die vertiommette Traina Klein behauptete schon bestimmter, die Simenenkowa habe ihr gesagt, die Mörder Andrejs feien seine Mutter, .sein Stiefvater und der Bruder der Mutter, die sich in den Besitz der auf Juschtschinskys Namen deponierten Geldsumme setzen wollten. Die Simenenkowa gab an. sie habe auf dem Markte gehört, daß die Verwandten des Ermordeten seine Mörder kennen, seine Leiche sei in einem Sacke auf einer Droschke befördert worden. Diese Gerüchte habe sie auch der