Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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der modernen Inden ist krank, seelenkrank. Hüben wie drüben wird gefehlt, geirrt und gesündigt, und zwar ans dem Grunde, weil diese Leute nicht die Kraft besitzen, sich selber zn beherrschen, den Jezer liora, der ihre Leidenschaften zu wecken unausgesetzt bemüht ist, zn bekämpfen. Der eine sündigt aus Uebermut; er ist nämlich rasch in den Besitz großer Reichtümer gelangt, infolge dessen kennt er sich nicht mehr, oder richtiger, will sich nicht mehr kennen, an seine Vergangenheit, - Herkunft und Abstammung nicht mehr erinnert werden. Mit einem Worte, er wird übermütig und gottvergessen. Ein zweiter sündigt ans Not. Ach, die Konkurrenz ist groß, ich würde unmöglich ein menschenwürdiges Dasein fristen können, wenn ich die Feiernnd Festtage, wie überhaupt die vielen Satzungen und Bräuche beobachten möchte. Ein dritter bekleidet, angeblich lesckem schomajim, tatsächlich aber mit seinen unbezähmbaren Ehrgeiz wie seine unbegrenzte Herrschsucht befriedigen zn können, das Vorsteheramt in seiner Gemeinde und kultiviert das Protektiouswesen in solchem Maße, daß er oft dadurch öffentliches Aergernis erregt und Zerklüftungen in der Gemeinde hervorruft. Ein Vierter, der ebenfalls über viele Tausende zu verfügen hat. gravitiert nach außen und glaubt sich in nichtjüdischen Kreisen die Liebe und Achtung erwerben und Ehrenstellen ergattern zu können, wenn er alles Heilige und Religiöse vornehm belächelt und bespöttelt, ohne zu bedenken, daß gerade eine solche, von Mangel an Selbstbewußtsein und Charakterstärke zeigende Handlungsweise geeignet sei, ihn in den Augen der Andersgläubigen herabzusetzen. So greift die Seelenkrankheit mit jedem Tage mehr und mehr um sich, ohne daß irgend eitle Aussicht auf eine Besserung vorhandeu wäre. Wie hören wir aber fragen; „Gibt es denn keinen Balsam in Gilead, sind keine Aerzte mehr dort zu sin den?" Das Judentum war doch stets reich an gediegenen, rationellen Seelenärzten, die durch ihre tiefe Gelehrsamkeit, wie durch die Wacht der Beredsamkeit, nicht nur zu imponieren, sondern auch die Religiosität zu fördern, die Irrenden zu bekehren, die Schwergeprüften zu trösten und zu ermutigen und die Glückbe'günstigten für das Große, Erhabene und wahrhaft Göttliche zu erwärmen und zu begeistern imstande waren Allerdings besitzt das Judentum noch heute, wenn anch nicht in dem Maße wie ehedem, eine stattliche Anzahl von gottbegeisterten sehr gelehrten Seelenärzten, die Großes zu leisten fähig waren, allein diese werden — besonders wenn sie Selbstbewußtsein haben und nicht sklavenmäßig um die Gunst der Machthaber buhlen — nicht immer konsultiert, nicht immer angehört, so daß sie mit Moses ansrusen dürfen: Hen bene Jisroellan schonm elei, weech jiaehma eleiParaoh. „Wie sollen wir von den Gegnern des Judentumes erwarten, daß sie unseren Widerlegungen ihrer hämischen Behauptungen und boshaften Vorwürfe Beachtung schenken werden, wenn unsere eigenen Glaubettsgenossen uns kein Gehör geben?" Ja, die rationellen Seelenärzte werden äußerst selten konsultiert, vielmehr oft ignoriert. In den meisten Fällen nimmt mau, besonders in gewissen Gegenden, zu Kurpfuschern Zuflucht, während die wirklichen, durch Gelehrsamkeit hervorragenden Aerzte taubett Ohren, und gar oft vor leeren Bänken predigen. Diese Aerzte sind indes Wortes reinster Bedeutung Prediger in der Wüste, daher die Seelenkranken kein Mittel sin den, das ihre Genesung fördern könnte. Nun kommt endlich der Versöhnungstag attb da heißt es: Der Weltphysiktts, Eo£e chol bosor, der.rationellste Arzt der Welt, der jede Krankheit, mag sie noch so gefährlich erscheinen, radikal zu heilen versteht, ist anwesend. Alles eilt, alles rennt in die Synagogen, Tempel und sonstige improvisierte Betlokale, jeder dieser Seelenkranken — die weder in den Knrnrten, noch in den Sommerfrischen Heilung gefunden — klagt sein Leid dem großen, edlen Menschenvater, von dem er mit Bestimmtheit Hilfe erwartet. In der Tat könnte allen diesen Kranken geholfen werden, wenn sie nur von den Mitteln, die der Weltarzt ihnen verschrieben, den gehörigen Gebrauchmachen würden. Das Rezept des größten Heilkünstlers der Welt enthält folgende sieben inhaltsreichen Worte: „Useschnwoh, nsefilloh, nzedokoh, maavirin es roa ha§eseroh" „Innige, aufrichtige, ungehenchelte Reue, andachtsvolles, inbrünstiges Gebet und e ch t e Humanität d. h. menschenerfrenende, menschenbeglückende Wohltätigkeit verscheuchen jedes böse Verhängnis." V Was tun nun aber die Patienten? Viele von ihnen nehmen .ganz einfach das Rezept ein, ohne von dem,verschriebenen Mittel gehörigen Gebrauch zu machen. Sie rufen wohl alle aus voller Kehle: TTseschiiwoh, nsefilloh, uzedoko usw.,. die wenigsten von ihnen aber lassen am anderen Tage von ihrer gewohnten Lebensweise ab, lassen sich vielmehr nach wie vor vom Jezer hora beherrschen, setzen alle Hebel in Bewegung, um nur ihren Ehrgeiz, wie ihre unbezähmbare Herrsch- und Gnnstsncht befriedigen zn können. Was Wunder also, daß der „Abfall" mit jedem Tage größere Dimensionen annimmt. Mit Recht darf daher jeder gottbegeisterte Lehrer in Israel am Versöhnnngstage seinem Auditorium znrnfen: „Höre Israel! Heute ziehet ihr in den Kampf gegen euren größten gefährlichsten Feind, den Jezer hora, der euch eurem Untergange entgegeuführen will; zaget nicht und banget nicht, seid nicht niedergeschlagen und mutlos, sondern rafft euch auf, kämpfet wacker, denn Gott ist mit euch. So ihr nur fest und unerschütterlich an ihn glaubt, auf ihn vertrant, werdet ihr zweifellos siegreich aus diesem Kävtpfe hervorgehen und eine höhere Stimme wird euch, wie einst dem Patriarchen Jakob, znrnfen: Li 8oriso im Elohim weanosohim, weil du für die Gottesidee, wie für die Menschenidee, für Religiosität und Humanität wacher gekämpft, watuchol deshalb hast du glänzend gesiegt und 'verdienst mit vollem Rechte, „Israel", „Gotteskämpfer" genannt zu werden. __i_ Dentschnationate fiUktntg«* Feindlichkeit Daß diechristlichsozialen Bildungsfeinde sind, braucht man denkenden Menschen, welche die Ereignisse der letzten Jahrzehnte, nur einigermaßen registriert haben, nicht erst zu beweisen.. Die jüdischen Staatsbürger spüren diese Bildnngsfeindlichkeit besonders empfindlich an ihrem Leibe. Aber auch die ehemaligen Kämpfer gegen die Schulprojekte des Fürsten Alois Liechtenstein, die. D eutsch n a tion a lensind unter die S ch-u l v erderb er und Bildungsfeinde gegangen. Unter der Devise des nationalen Kampfes haben die Patentdeutscheu bekanntlich in Böhmen Schule und Lehrerschaft unglaublich verelenden lassen. Der Ministerkandidat und Vorstandsmitglied des- „Verbandes der dentschuationalen. Abgeordneten im österreichischen Reichsrate", der Reichsrats- und Landtagsabgeordnete Dr. Otto S t e i n w eit d e r, hat in seinem engeren Vaterlande, in Kärnten, eine s k a n d a l ö s t, B e r s ch l e ch t e r tt tt g des Volksschulwesens durchgesetzt und auch gegen das Mitte l s ch Ul w e s e n Oesterreichs zieht dieser famose dentschnationale. Volksvertreter im „Neuen Wiener Tagblatte", dem „demokratischen Organe", in wiederholt erschienenen Aufsätzen zn Felde. Am 17. August l. I. jammert dieser Bildungsfeind darüber, weil sich in Oesterreich in den letzten 20 Jahren die Mittelschulen verdoppelt haben. Am 17. September l. I. entsetzt er sich darüber, weil sich in diesem Zeitraum „die Mittelschüler um 100, die Hochschüler um 200 Prozent vermehrt haben." Dr. Steinwender beklagt es, daß man fast für jede Anstellung schon die. Absolvierung einer Mittelschule verlangt und meint, wenn gegen diese Ueberfüllung der Mittelschulen nichts geschieht, (!) werde dieser Uebelstand „katastrophal" werden. Besonders in der Bukowina nnd in Galizien gibt esnach diesem „ältestett Antisemiten" viel zu viel Mittelschulen. Die reichbevölkerten Gymnasien in Lemberg und. Drohobycz sind diesem Pateutdeutscheu ein Dorn im Auge. Dieser Zuzug zu den Mittelschulen könnte nach den Vorschlägen Dr. Steiuwenders dadurch abges chw äch t werden, wenn man die P r tt f lt n g e n, besonders die Matttritätsprüfungen, n i ch t er l e i ch t e r t. die B e g ü n st i g n n g. des . Frei w i l lige n j ah res für Mittelschnlabsolventen am f h e b t und jede Bestimmung der D i e.n st p r a g m a t i k w jede r ab ä n der t, nach welcher die Bezngsklasse und die Vorrückung der Staatsangestellten von den Prüfungszeugnissen ab hängt.