Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40 Die Wadrbeil Seite 7. forschen, man mag die Tausende erschlagener oder ertränkter jüdischer Männer, Frauen und Kinder h e r a n f b e s ch w ö re n n n d sie befragen — sie weichen von dem an ihnen, nicht von ihnen verübten Ritualmord eine Geschichte erzählen, daß noch die Gegenwart aus Scham davor erröten wird. Aber die jüdische Geschichte i st auch für ihre Verfolger lehrreich. Auch Rußland kann daraus lernen. Es wird daraus ersehen, daß die verfolgten und u n t e r d r ü ck t e n I u d e n ihre mächtigsten Verfolger und Unterdrücker überlebt haben. Nicht aus den Knochen der Inden ist ihr Rächer erstanden, sondern sie haben erlebt, wie Aegypten, Assyrien, Babylonien vor ihren sehenden Augen vom Erdboden verschwunden sind und, wenn dieWeltgeschichte das Weltgericht ist, so werden sie es auch erleben, daß d e r e i n st vor diesem o b e r st e n Gericht s h o f R u ß l a n d geradeso auf d e r A n k l a g eb a n k sitzen wird, lu i e ii bermorge n das Jude nt u m vor dem G e r i ch t s h o f i n K i e w. (Die ganze Versammlung erhebt sich und bereitet dem Redner eine stürmische Ovation.) Als der Beisall sich gelegt hatte, empfiehlt der Präsident Dr. Stern folgende Resolution zur Allnahme: Die am 6. Oktober 1913 im Großen Mnsikvereinssaale in Wien tagende, vom Vorstande der Wiener israel. Kultusgemeinde einbernfene Versammlung beschließt einhellig folgende Resolution. Die heute im Großen Mnsikvereinssaale in Wien tagende Versammlung der Vertreter der gesamten Judenschaft Oesterreichs erhebt in tiefinnerster Empörung feierliche Verwahrung dagegen, daß in dem am 8. Oktober 1913 beginnenden Prozesse gegen den Juden Beilis in Kiew vom öffentlichen Ankläger die Klage auf jüdischen Ritnalmord erhoben wird. Die österreichische Jndeuschaft, die vor 14 Jahren an derselben Stell»' gegenüber einer ähnlichen Beschnldigung im eigenen Lande ihre Stimme erheben mußte, erneuert heute den Protest gegen die ihrer heiligen Religion angetane Schmach, gegen die Beschimpfung ihres altehrwürdigen Glaubens und seiner Grundlehren, gegen die freventliche Auffrischung des unheilvollen, wahnwitzigen Blutmärchens, dem Tausende ihrer Glaubensbrüder zum Opfer gefallen sind itnd das auch jetzt im Beilisprozesse unter staatlichem Schutze in die Volksmässen getragen wird. Oeffentlich und feierlich verweist sie ans die heiligen Bücher, auf den Pentateuch, welcher schon vor Jahrtausenden die Reihe der Verbote mit dem strengsten Verbote des Mordes beginnt, auf den zum Gemeingut der gesamten Knltnrmenschheit gewordenen Dekalog, dessen sechstes Gebot: „Du sollst nicht morden!" ans das gesamte religiöse Schrifttum und die Tradition. Endlich verweist sie auf die Stimmen zahlreicher erleuchteter Männer des Christentums; sie verkündet es laut und feierlich immer und immer wieder: Daß es einen jüdischen Ritualmord nirgends und niemals gibt oder gegeben hat und daß nur fanatischer Haß diese wahnwitzige, lügenhaste Beschuldigung zu erheben und immer wieder zu erneuern vermag. Die Resolution wurde einstimmig angenommen und hierauf die Versammlung vom Vorsitzenden geschlossen. -r- Unter den hunderten eingelangten Protestkilndgebnngen feien nachstehende erwähnt: Baronin Berta von Suttner: „In Anrufung des tenern Andenkens au Arthur Gnndaccar von Suttner, Gründer des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, schließe ich mich ans tiefster Seele dem Proteste gegen.einen Prozeß an, der nicht minder finster und barbarisch begründet ist, wie etwa ein Hexenprozeß." „Als aufrichtiger Kämpfer für die Rechte des jüdischen Volkes schließe ich mich ans ganzem Herzen Ihrem Proteste gegen die barbarische und wahnwitzige Blntlüge, die gegenwärtig im Beilisprozeß ihre Orgien feiert, an und verurteile schärfstens diese ungeheuerliche Beschuldigung, die nur jene stigmatisiert, welche sie erheben." Lemberg. Abgeordneter Breite r. „Der L a n d es -Rab b i nerv e r e i n Ungarns protestiert mit Ihnen vereint in tiefster Entrüstung gegen die Blutbeschnldiguug und beschwört feierlichst, daß das ganze jüdische Schrifttum jedweden Mord verdammt und jeden Blutgennß strengstens verbietet, so wahr uns Gott helfe." Das Präsidium: Dr. Schnitze r. Oberrabbiner, Komorn, Dr. N e u m a u n, Oberrabbiner, Groß-Kanisza. „Die Repräsentanz der Laudesjudenschaft im Königreiche Böhmen und die Jndeuschaft des Flachlandes Böhmen schließt sich Ihrem feierlichen Proteste gegen die Ritualmordlüge an, zur Wahrung der Ehre unserer heiligen Religion." - Dr. S a ch s l, Obmann. Ku l tns g e me i ud e Pr a g. Angesichts des allmächtigen Gottes erheben wir Vertreter der altehrwürdigen tausendjährigen jüdischen Gemeinde Prag vor der Mitwelt und der Nachwelt feierlich Einspruch gegen die zur Schmach des Jahrhunderts neuerlich gegen unsere Glaubensgenossen freventlich erhobene Anklage des Ritnalmordes. Diese Verleumdung wurde von dem entarteten Heidentume in gleicher Weise gegen das Judentum und gegen das Christentum vorgebracht, zu allen Zeiten von den erleuchteten Häuptern beider Bekenntnisse als boshafte, jedes Grundes entbehrende Anschuldigung erklärt und als solche von den hervorragendsten Regenten, Staatsmännern und Vertretern der Wissenschaft verdammt. Wir rufen alle Mitmenschen, in denen der Sinn für Wahrheit, Recht und Menschlichkeit lebendig wirkt, auf, sich dem Proteste der gesamten gebildeten Welt gegen die Eruenernng eines grauenvollen Aberglaubens öffentlich anzuschließen und hiedurch einem Justizmorde entgegenzutreten. der auf das Schicksal vou Millionen Unschuldigen die verhängnisvollsten Folgen haben muß. Israelitische Kultnsgemeinde-Reprüsentanz Prag: Das Präsidium: Dr. Arnold R o s e n b a ch e r. Prag. „Prager Oberrabbinat schließt sich dem Protest gegen die empörende Ritualmordlüge an." Oberrabbiner Dr. B r v d y. Kultusgemeinde Königliche Weinberge. „Der Vorstand der zweitgrößten Kultusgemeinde Böhmens begrüßt die heutige Protestversammlnng gegen den Ritnalmordprozeß Beilis und schließt sich der zur Annahme gelangenden Resolution vollinhaltlich au." Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde König!. Weinberge. Vorsteher Dr. S k a l l. „R a b b i n e r v e r b a u d Mährens und Schlesiens schließt sich Ihrer Protestkundgebung gegen die schmachvolle Verunglimpfung der Lehre und Ehre des Judentums an mit dem innigen Wunsche: „Owinu malkenu sessaum pijaus mastinenu umekatrigemi.“ Rabbiner Dr. Freimann. Präsident. Kultusgemeinde B r ü n n. „Zu der für den 6. Oktober l. I. einberufenen Protestversammlung gegen die wahnwitzige Blutbeschuldignng imKiewer Beilis-Prozeß delegieren wir als unseren Vertreter Herrn Dr. Hermann F i a l l a, Advokaten in Wien, und sprechen gleichzeitig im Namen des Kultusvorstandes. wie unserer ganzen Gemeinde zu der in dieser Versammlung zu fassenden Resolution unsere volle Zustimmung ans. indem wir zugleich unserem Schmerze darüber Ausdruck verleihen, daß das Volk der Bibel