Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6.;Die Wahrheit_Nr. 40. Stürmisch ükklannert hält hierauf Oberrabbiner Dr. M. Güdemann folgende Ansprache: Geehrte Versammlung! - Der Anlaß, der uns hier zusammenführt, ist zugleich traurig und empörend. In zwei Tagen soll in Kiew gegen einen der Ermordung eines Christenknaben beschuldigten Juden vor Gericht verhandelt werden- Aber die Anklage lautet nicht auf Mord, sondern auf Ritnalmord, d. h. auf einen M o r d i m D i e n st e d e r j ü d i sch e u N e l i g i o n. Es Handelt sich daher in diesem Prozeß nicht bloß um den angeklagten Juden, ja, man könnte sagen, es handle sich überhaupt nicht um ihn, wenn mau nicht zu dem Ritnalmord einen Ritualmörder brauchte. In Wahrheit aber k o mmt übermörgen in Kiew unsere Religion auf die Anklagebank und die Inden der ganzen Welt müssen, ob sie mögen wollen oder nicht, auf dieser Anklagebank Platz nehmen. Ich bezeichne diesen Vorgang als traurig. Er ist es wegen des Opfers, wegen der Rückständigkeit dieser aller Aufklärung spottenden Anklage, endlich wegen unserer russischen Glaubensbrüder, deren Leiden, wenn die auf Ritnalmord lautende Anklage obsiegen sollte,' sich ins Unabsehbare vermehren werden. Der Vorgang ist aber auch im höchsten Grade empörend, weil dadurch unsere Religion, die Mutter aller monotheistischen Religionen, aufs gröblichste beschimpft wird. Wir können diesen Schimpf nicht auf ihr sitzen lassen, deswegen pr oteftie.ren wir dagegen, und das ist der, Zweck dieser außergewöhnlichen Versammlung, (Bravos Bravo!) Hiemit könnte ich meine Ansprache schließen mib brauchte nur um Eure Zustimmung zu diesem feierlichen Protest zu ersuchen, die Ihr ja ohne Zweifel erteilen werdet.; Uber ich sage mir: Rußland n n d die Wirkung sittlicher En trüstnn gJ Welche eooitr-adicfeip in adjeetG! Welche Ungereimtheit! Wann hat jemals sittliche Entrüstung, und wenn die ganze Welt davon Ergriffen war,' aus Rußland einen Eindruck gemacht? Es soll aber wenigstens der Welt nicht' Vortäuschen können, als ob es sich ihm um die unbefangene und - objektive Entscheidung einer zweifelHgsteii Rechtsfrage handle.! Diese Maske müssen wir ihm, wie immer der .Erfolg sein mag, vom Gesichte r e iß en. (Bravo! Bravo!), Desj halb füge ich zu den beiden Prädikaten, die ich.der Ritnalmord-! anklage beigeleg l habe, noch ein drittes hinzu; Sie ist nicht bloß: t r fl n r i g und e ni p ö r e n d, sondern sie ist auch u n s i n ii i g. Ich werde das an der Hand einer geschichtlichen Reniiniszenz beweisen. Im Mittelalter hat es bekanntlich eine Zeit gegeben, in der mau die Inden der Brunnen ve r gif tun gbes chn l d ig te. Der Anlaß war die Pest, der sogenannte schwarze Tod, im Jahre' 1348. Ueber diese Anklage äußert sich nun ein christlicher Zeitgenosse, Konr-ad v. Megenber-g, der damals Schulrektor in .Wien 'war, folgendermaßen: „Wahrlich, ob etliche Inden das täten (nämlich die Brunnen vergiften), das weiß ich nicht. Jedoch weiß ich das wohl, daß ihrer zu Wien so viel, waren, wie in keiner Stadt, die ich wüßte in deutschen Landen und daß 'si e d a so sehr sin-r b en, d a ß sie ihren Friedhof um vieles erweitern mußten und zwei Häuser dazu kaufen. H £ 11 e n j t e si ch u u n s e l b e r vergiftet, das w-äre eine Torheit gewesen." Der Mann, der dies geschrieben hat, war kein Inden freund,, denn er fügt hinzu: „Jedoch will ich der Inden Bosheit nicht färben." Aber seine Gesinnung hat ihn nicht gehindert, die Anklage auf Brunn eu Vergiftung mit Rücksicht ans die obwaltenden Umstände als unsinnig hiiiznstellen. Wachen wir nun hievon die Nutzanwendung. Jede Anklage, die auf einem inneren Widerspruch bericht, ist unsinnig. Das hat schon Konrah von Megenberg zngestanden.- DenJudeu ist in dem Grnndbuche ih re r Religio n, in der Thora, her Mord ohne Ausnahme bei Tode sst rufe v-erh o teu. Den Iud.en ist durch dasselbe Gesetzbuch auch der B lii t g enuß aufs streng ste untersagt. Ist es nun nicht ein Unikum sondergleichen,-einen Juden anznklagen, er habe a u s Religion einen Christenkuaben ermordet, um aus Religion sein Blut zu gebrauchen. Es »mg einen Inden geben, der g e g en die Religion einen Mord begeht, wie er gegen die Religion stehlen, rauben und plündern kann. Aber, hat man schon je gehört, daß ein jüdischer Dieb, Einbrecher' oder Räuber zu r En t s ch.il l d i g n n g se i u e s V e rbrechens ans die jüdische Neligion sich berufen habe? Jeder Gerichtshof, auch in Rußland, würde! einen jüdischen Verbrecher wegen solcher Ausrede auslachen und es würde keinem Gerlchtshof, auch in Rußland einfallen' eine Umfrage darüber anznstellen, ob nicht etwa eine jüdische Sekte existiere, die da glaube, daß die jüdische Religion das Stehlen, Rauben, Plündern, sei es bei wem immer, gestatte oder gar gebiete, Alf o, b ei: IXn j i nu e in e r s ol ch e n, sogar au f Mord s i ch er str e cke n d e it A n ii a h ui e bleibt n lt x d e r R i t u a l m o r d a n k l a g e Vorbehalten und,' ohne zu lachen, ja mit feierlichem Ernst wird in diesen Tagen ein russischer Gerichtshof sich mit der Frage besassen, ob es nicht eine jüdische Sekte .gäbe, die aus Religion .Christenkinder morde und ihnen das Blut abzapse (Psniruf.e), und es kann vielleicht so weit komylen, daß der Angeklagte wie Talbot ,in der „Jungfrau von Orleans" .wird ansrilfeu können : ,, U n s i n il, d.n sieg st, n n b i ch m n ß u n t e r g e h it, Mit de x D ii in in heit k ä mp s e n Götter s e l b st v e rg e b e n ß," (Stürmischer Beifall.) Wie kommt es dann ui.u.i aber, daß Nußland den Unsinn der Nl.tualmo.rdflnAage unter seine Fittige nimntt, trotzdem seit Jahrhunderten die höchsten christlichen Instanzen und lienerdings die ansgezeichnetesten Christen aller Länder sie verurteilt, hgben? Ich habe vorhin. vom Stehlen, Rauben .und Plündern gesprochen. Wer henkt da nicht an die russischen Po g r.o m.e und an die .n.naiisges.etzte Verfolgung, der die Inden in Rußland preisgegeben sind?' Ist das nicht eine Verfolg un g .von Reli g i ons w egrn, d i e die In d e n für vogelfrei.erklärt unh Di.eb.en, Räubern und Mö r d e r u au s l i e s.e r t, bloß w e jk s i x In d e n si n d und ihrer . Religi ou treu bleiben? Rußland b r au ch t d i e.R i tu.ä s m o rd auk l ag e .g e g ep d i e.I n d en, u m s i e v o n s i ch's e l b st a b z n w ä l z e n. (Stürmischer Beifall.) Es selbst begeht den Ritnalmord und den Inden legt sie ihn zur Last nach dem hebräischen Sprichwort-: „Es sind die eigenen Fehler und Sünden, 'die der'Mensch an anderen geißelt." D a s i st d e r G r-u nd, wes h al b R nßlan d v o r den S timmen d er a u s gezei ch neisten Män ii er d er Chxist.e'-nche i t, d i e die R i t n a l in o r b a u k l a g e v e r d -a m -m e n, h a r tnäckig seine Ohren verschließt. Deshalb muß ich -dieser Anklage noch ein vievtes Prädikat beilegen. Sie ist nicht bloß t-raur'ig, em-pprend und unsi-n ni g, sie ist auch b ö s wi l l i g, ich darf wohl sagen in f.a-m. Wer die Wahrheit nicht hören will und nur der Lüge und Verleumdung sein Dhr leiht, dem ist keine Bona dides, kein unschuldiger guter Glaube zuzubilligen. Wir Inden haben, wie ich schon vor'ID Jahren bei einer ähnlichen Gelegenheit 'in diesem Saale gesagt habe, den .Grundsatz-: „Das'Si eg e l Gottes ist dieWahrheit", Die Ri t u a lmo r d a n k l a.g e ober ist eine i Ufa m e, it ie d er tr ä chti g e Lü g e. (Stürmischer Beifall.) Nicht wir Juden waren jemals, noch sind wir die Brnnnenv.ergist.er, Die eigeutlicheu B-runnenv e r g i f-t e r sind diejenigen,^ die den l y n t er en Qn e l l d e r W ah rh e it m>it der Lüge und Berk e um du n g veru n r e i n i g en, die die -kristallhellen Wa.sserlänfe der Hninaitität und Nächstenliebe mit dem Unrat des Glaubens.- u.nd Rassenhasses verschütten, Es ist wahr, die. jüd i s.ch e Des chich te ist mit Blut geschrieben, aber.es ist kein fremdes Blut, kein Andersglänbigen nbgezapstes Blut, womit sie geschrieben ist,; es ist unserer Väter Bl ut, d as sie für ih ren G l a u b e n v e r g o s s e n haben. Dieses Blut hat in den . Krenzzügen die Wege des Nh eins rot gefärbt. Dort, in jenen Gegenden und in jenen Zeiten muß inan dem Ritnalmord nach-