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Die Wahrheit · 1913-10-10 · Heft 40 (10.10.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 40 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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vöeite 5. Nr. 40. Die Wahrheit von verschiedenen Personen, die er aber nicht nennt, darunter auch von zwei getauften Juden, die Mönche geworden, die er aber ebenfalls nicht nennt, allerlei über die Mazzothb et eitung d er C h as s i d i m ü nd d a s d a zu erforderliche Blut gehört habe und nun all das znm Besten gibtwas in den verschiedenen mittelalterlichen Ritnakmordprozessen vorgebracht und tausendfach widerlegt wurde. Zum Schluffe wiederholt er die Bemerkung, daß er den Gegenstand speziell nicht studiert habe, sondern ihn nur aus mehrfachen Unterhaltungen mit den genannten, recte ungenannten Personen leinte. Fürwahr, schon in einem gewöhnlichen Prozesse, in -welchem es sich um ganz geringe Werte, um Mein und Dein handelte, müßte eine solche Aussage als wertlos erachtet und verworfen werden! (Lebhafte Zustimmung.) Das zweite Protololl ist ausgenommen mit dem emerit. Professor der St.-Wladimir Universität in Kiew, S i k o r s k i, notabene Professor der Psychiatrie, der an der Hand des Obdultionsbefundes eine Reihe der merkwürdigsten Folgerungen zieht. So z. B., daß bei der Ermordung des 12 jährigen schwächlichen und unterernährten Knaben, der gefesselt war, eine ganze Reihe von Personen mitgewirkt haben müsse, weil, so heißt es wörtlich im Gutachten „bei der Zwangsfütternng Geisteskranker, welche glauben, daß sie vergiftet werden und sich der Fütterung als einem Morde widersetzen, zum Gelingen der Operation nicht weniger als sechs Mann erforderlich sind", daß die große Anzahl der Verwundungen dem Knaben nur zu dem Zwecke beigebracht worden sei, um reichliche Ansblntnng zu bewirken und in größeren zeitlichen Zwischenräumen, weil, wie es wieder wörtlich in diesem famosen Gutachten heißt, „im allgemeinen Plane der mörderischen Handlungen ein Zwischenprogramm zwischen der Entblutung Und der Beifügung qualvoller Reizungen vorgesehen war." Damit soll der Glaube erweckt werden, daß irgend welche Gebote und rituelle Handlungen .in. der Zwischenzeit vorgenommen worden seien und daß insbesondere vor dem letzten rötlichen Stiche eine Art Schlußgebet verrichtet, werden mußte. Er konstatiert, daß der Knabe die Mätze auf hatte, daß die Stiche in den Kopf durch die Mütze hindurch, geführt worden waren und wirft hieran anknüpfend die Frage auf', „ob dieser Umstand nicht eine religiöse oder andere Bedeutung für den Mörder besaß . . ." Der Direktor einer Irrenanstalt in Riga, einer der ansgezeichnetesten Psychiatrischen Aerzte, gelangte in den Besitz dieser Gutachten und legte sie den bedeutendsten Kapazitäten Europas auf dem Gebiete der Psychiatrie vor, es seien hier genannt Professor Z i e in k e in Kiel, der bekanntlich bei dem jüngst in Wien stattgehahten Kongresse der Naturforscher und Aerzte hierüber einen Vortrag hielt. Das v e r d ä m m e n de Urteil d i e s e s wisse n s ch. a f 11 i cf) e n A e r o p a g s. das in allen Zeitungen zu lesen war, dürfte Ihnen noch erinnerlich fein. Er legte diese Dokumente ferner den französischen. Professoren. La ca ssagne, Thoiiiet, Professor F o r el, weiters: den Professoren P e p p e r, Me r c i e r und Willen x in- London, Bleue r-—Zürich, Bönhoffe r—Berlin, B o e d eck er—Zehlendorf, Maye r—Königsberg und unseren WienePAutoritäten Professor H a b e rd a, W a g n e r-J a u r e g g und Ob erst ein er vor. Ich muß bemerken, daß, um jeder konfessionellen Verdächtignng ans dem Wege zu gehen, jüdische Autoritäten, und wir besitzen solche, ausgeschlossen wurden. Ich kann selbstverständlich nicht alle diese Gutachten verlesen. Aber es möge Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß einige der Herren es überhaupt in Zweifel zogen, ob ein solches Gutachten, das Gutachten Sikorski von einem Arzte herrühren könne, ob es überhaupt ernst zu Nehmen sei. Der Kürze wegen lese ich Ihnen nur das sehr summarisch gehaltene Gutachten der Professoren v. Waguer-Fauregg und Obersteiner vor, in welchem es wörtlich lautet „ . . . d a ß wir unsin eine Kritik des Gutachtens des Herrn Professor Sikorski nicht einlassen könne n, weil das g a r k e i n p s y ch i a t r i s ch es G n t ä ch t e n i st' und daher für eine Kritik von psychiatrischer Seitekeinen Anhaltspunkt bietet. Es scheint uns nach der Lektüre des Gutachtens überhaupt zweifelhaft, ob dieses Gutachten einen Psychiater zum Verfasser haben kann. So weit, geehrte Anwesende, über den Prozeß, über den Sie in den nächsten Tagen leider noch gar vieles hören und lesen werden. So vieles ich auch noch auf dem Herzen hätte, ich darf Sie nicht ermüden und so eile ich zum Schlüsse. Aus dem 15. Jahrhundert datiert ein Buch „Der Mallens maleficomm“, der „Hexeuhammer" und wenn wir dieses Buch zur Hand nehmen und bedenken, daß auf Grund dieses Buches, welches, man kann sagen beinahe Gesetzeskraft besaß. Tausende und Tausende von Hexen und Hexenmeistern auf dem brennenden Scheiterhaufen ihr Leben endeten, so ergreift uns Schaudern und Entsetzen. Durch drei Jahrhunderte und länger wütete der Hexenprozeß und da erscheint inmitten dieses Unheils die geradezu rührende, herzerquickende Gestalt eines ka th o l i s ch e n Priesters. Er hatte den Verurteilten die Beichte abzunehmen, er hatte sie znm Marterpfahle zu begleiten und er gewann die Ueb erzen g un g, daß er Uns ch n ld i g e znm Tode führe, daß der Hexen glaube ein Wahn sei. Er schrieb ein herrliches Buch gegen diesen Wahn, anonym, denn hätte man den Verfasser gekannt, er hätte sein Werk mit dem Tode büßen müssen. Vor Gram über all das Elend, das er sah, bleichte sich ihm das Haar und er starb in jungen Jahren. So sage ich mir, wenn ich Richter wäre und zum Bewußtsein käme, daß ich ein' Wahnurteil gefällt, daß ich einem Hirngespinnste, einem Jrrwahne folgend, eine Verurteilung ausgesprochen hättemir mein Gewissen nicht Ruhe ließe, der Schlaf, jeder Lebensgenuß mich fliehen würde, ehe ich nach Möglichkeit das Unrecht gesühnt oder gntgemacht hätte. Der Ri tualmordprozeß ist ein Zeitgenosse des Hexenprozesses, mit ihm auf eine Stufe zn stellen, einer wie der andere beruhend auf Suggestion, auf Wahnideen. Gegen diese Ritttalmordlüge haben im Lause der Jahrhunderte katholische und protestautische Gelehrte, weltliche und kirchliche Fürsten, Päpste nnd Kaiser ihre Stimme erhoben und so ist, nm eines Wiener Ereignisses zn gedenken, non der Kanzel der Stefanskrrche, vom Domprediger Veith feierlich verkündet und mit erhobenem Kruzifix beschworen worden, daß die Meinung, es gebe einen jüdischen Rrtnalmord ein Irrwahn fei. Domprediger Veith, der jüdischer Abstammnng war, berief sich hier im Gegensätze zn den von mir früher genannten Archimandriten Ambrosius auf seine genaue Kenntnis des jüdischen Schrifttums, der jüdischen Gebräuche nnd Tradition und — ich erinnere mich dessen ans meinen Kinderjahren — es wurde damals allgemein gesagt, daß jene Predigt in der Stefanskirche über Anregung einer edlen erlauchten Frau gehalten morden sei. Und erst in den jüngsten Tagen hat, wie ich bereits erwähnte, e i n w i s s e n s ch a f t l i ch e r A e r o p a g Europas, haben Bischöfe und Minister gegen die Ritnalm o r d l ü g e i h r e Stimme erhöbe n. Es hat — ich zitiere wörtlich: „ i m Name n d e r s k a v i s ch e.n H n m a n i tä t, i m L e b e n s i n t e r e s s e der ungerecht verfolgten russischen Inden" die geistige Elite des tschechischen Volkes, Universilätsprofessoren, Landtags- und Reichsrats-Abgeordnete, Mitglieder des Herrenhauses ihre Stimme erhoben und bittere Klage geführt, „daß ihr Volk trotz seiner großen Tradition von Religionsfreiheit und Demokratie, von dieser sittlichen Katastrophe nicht verschont geblieben ist. Die Polnaer Affaire, welche im böhmischen Volke solche Verheerungen aurichtete, ist noch in lebhafter Erinnerung." Dieser Aufschrei der flavischen Intelligenz in Böhmen mag und wird, so hoffe nnd wünscheich, nicht ohne unmittelbare Folgen bleiben, möge er allenthalben, m ö g e e r a n ch in R n ßla nd ge h ö r t werden. In diesem Sinne wollen wir am Schluffe unserer heutigen Versammlung in einer solennen Protestkundgebung unserer tiefInnern lieber zengnn g feierlich Ausdruck geben. (Stürmischer nicht endenwollender Beifall.)

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