Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 39 (3.10.1913)
- Date
- 1913-10-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39. Die Wahrheit Teile 5. -wenn die Exulanten zum Glauben der Väter zurückkehreu und die Ueberzeugnng gewinnen würden, daß die Thora allein es sei, die dem. jüdischen Volke unverwüstliche, unzerstörbare Lebenskraft verleihen kann. In Babylonien, wo die Juden im Exil weilten, war die Kenntnis der Thora ans ihrer Mitte geschwunden. Sie beherzigten wohl den Auftrag, den ihnen der Prophet Jeremias im Namen Gottes, als sie ins Exil wandern mußten, erteilte: ^Fördert das Wohl der Stadt, wohin ich euch versetzt habe, denn .in ihrem Wohle ist auch euer Wohl begründet, bauet daher Häuser und-Paläste und bewohnt sie, pflanzet Gärten -und genießet deren Früchte, richtet es euch recht bequem und /wohnlich ein, als wäret ihr noch in eurer alten Heimat." Sie gingen aber bald einen Schritt weiter und suchten sich, was wohl gegen den göttlichen Willen war, mit den Babyloniern, und später mit den Persern zu assimilieren: sklavenmäßig buhlten sie um. die Gunst der Babylonier und Perser, verleugneten ihre eigenen Traditionen, Sitten und eigneten sich die Sitten, Bräuche und Formen ihrer Gegner an, selbst Mischehen kamen linier ihnen häufig vor. Was Wunder also, daß die Thora in Israel vergessen wurde? Als nun später die Exnlanten die Erlaubnis erhielten, in ihre alte Heimat wieder zurückkehren zu dürfen, war der Schriftgelehrte Esra — der sich wohl nicht dem ersten Zuge unter Cyrus anschloß, sondern erst einige Jahre später von dieser Erlaubnis Gebrauch machte, weil er sich noch im Gesetzesstndium bei seinem Lehrer, Bornch b. Nerias vervollkommnen wollte, nach dem Grundsätze: Godol Talmud Thora joser mibinjan Bes Hamikdasch (Megila 16 b.) „Das Studium der Gotteslehre ist wichtiger als der Tempelban — vor allem bestrebt und bemüht, die Heimgekehrten für den Glauben der Väter, für die Thora, zu erwärnren, zu begeistern. Er hielt um Bosch haschono in Gegenwart des ganzen Volkes eine Vorlesung ans der Thora, trug ihnen nicht nur die Glaubensnnd Sittenlehre, nicht nur die Gesetze der Humanität, der allgemeinen Menschenliebe, Menschenfreundlichkeit und Menschenverbrüderung, sondern auch die aus die Hygiene der Wohnung, Kleidung, Reinlichkeit und der ganzen Lebensweise bezughabenden Vorschriften und Satzungen in anziehender und begeisternder Weise vor. Bei dieser Gelegenheit erfuhr erst das Volk, daß die Thora, deren Inhalt es nicht mehr kannte, Gesetze enthalte, die allein geeignet sind, das Heil und Wohl der Menschen nach jeder Richtung hin zu fördern, die Gesundheit .zu erhalten, das Leben zu verlängern — wochai hohem — und daß sie diese herrlichen kostbaren Schätze der Thora ans fremdem Boden in so leichtsinniger Weise preisgegeben hatten. Jetzt erst sahen sie ein, wie recht Jeremias hatte, als er ihr Treiben, kurz vor der Zerstörung des ersten Tempels, geißelte und im Namen Gottes wehmutsvoll ausries: Hahemir goj elohim wehemu lau elohim, ammi hemir kewodi belau joil — „Hat je ein heidnisches Volk seine Götter vertauscht, verhandelt, obwohl sie Ungötter sind, mein?.Volk aber hat meine Herrlichkeit hingegebeu für die törichten Gottheiten des Tages." Diese Wahrnehmungen waren es, die einen solche betrübenden Eindruck auf die Anwesenden machten, daß sie alle in Tränen ansbrachen. Das Bewußtsein, daß sie sich so schwer versündigt, hat einen solche deprimierenden Eindruck ans sie gemacht, daß Esra und Nehemia sich veranlaßt fühlten, ihnen tröstend, besänftigend znzurufeu: „Seid doch nicht so betrübt und niedergeschlagen, weinet nicht und klaget nicht, chedwas Adonai mouschem, die Freude in Gott, das feste, unerschütterliche Vertrauen ans Gott ist eure Schntzwehr. Die Rene, die ihr heute bekundet, beweist, daß ihr euch nunmehr für den Glauben der Väter begeistern, mit dem Studium der Thora befassen, für die Verbreitung der Kenntnis derselben Sorge tragen und somit euch eurer hohen Ausgabe als „Reich von Priestern", als Träger der Gotteslehre, als Förderer der Humanität und Gerechtigkeit, der Religiosität und Sittlichkeit auf die glänzendste Weise entledigen werdet." So war Esra unausgesetzt bestrebt und bemüht, das geistige wie .das nationale Gefühl in den Herzen feiner Glaubens- und .Stammesgenossen wach zu rufen und rege zu erhalten. O, möge es dem moderneit Zionismus gegönnt sein, einen Esra an seiner Spitze zu sehen, der die Kraft und die Macht besäße, die für Zion in höchstem Maßs erglühte Jugend auch für die Thora, die von Zion ansgeht, zu erwärmen und zu begeistern. Nur in diesem Falle würde der Zionismus allseitig als eine wahre Erlösung begrüßt werden. _ Das walte Gott 1 Giu amerikanischer Milliardär als moderner Iefaias. Der dritte Friedenskongreß im Haag, der am 28. August l. I. unter der feierlichen Einweihung des Friedenspalastes daselbst eröffnet wurde, ist nunmehr geschlossen. Anläßlich dieser Feier waren die Augen aller Welt wieder auf die Niederlande gerichtet, auf jenes Land, in welchem zuerst unter allen Staaten des europäischen Kontinents religiöse Duldung, Gedanken- und Glaubensfreiheit Wurzeln geschlagen hatte, jenes Land, in dem die großen jüdischen Denker Meuassah ben Israel, Spinoza und Uriel-Akosta und andere gelebt und gewirkt haben. War auch die Idee der Errichtung eines Friedensschiedsgerichtes, die offiziell zuerst im Jahre 1899 von Seite des russischen Kaisers ansgesprochen wurde, angesichts des russischjapanischen Krieges so wie des Balkankrieges in der letzten Zeit gar oft belächelt und als eine Satyre aus das Menschengeschlecht bezeichnet worden, so wurde doch in der letzten Zeit der Welt klar vor das Auge geführt, daß nicht der russische Kaiser, sondern der amerikanische Milliardär Andrew Carnegie der eigentliche Träger der Idee eines Friedensschiedsgerichtshoses ist, indem er zum Ban des Friedenspalastes 1,500.000 Dollars, also gegen 7 Millionen Kronen, gewidmet hat. Bereits vor sechs Jahren hat er diesen Betrag für den Ban des Friedenspalastes im Haag bestimmt und es war nun natürlich, daß er bei der startgesundenen Eröffnung dieses von ihm geschaffenen Werkes seinen hieran geknüpften Wünschen und Hoffnungen Ausdruck gab. Aber bereits vor diesem Zeitpunkte hat er in der letzten Nummerder Berliner Monatsschrift „Nord und Süd" einen Artikel inder Form eines offenen Brieses an den Herausgeber veröffentlicht, der besondere Beachtung verdient. Gehört es schon gewiß zu den Seltenheiten, daß ein Millionär oder gar Milliardär unter die Journalisten geht und zu einer Frage, wo es sich um kein finanzielles Interesse handelt, öffentlich das Wort ergreift, so wirkt gewiß der Inhalt dieses offenen Briefes noch überraschender, denn der Autor klärt eben das Rätsel ans, wieso es kommt, daß die von ihm geplante unb nur pro forma vom russischen Kaiser zuerst ausgesprochene Idee des Weltfriedens, die angesichts der Balkankriege gar oft als Utopie belächelt wurde, bisher nicht zustande gekommen ist. Er sagt nämlich wörtlich : „Vor zwei Jahren hatte es schon den Anschein, als ob die zivilisierte Welt am Vorabend des größten, je von Menschen erreichten Fortschrittes sich befände, denn England, Frankreich und Amerika halten im Weltsriedensparlament bereits einen Friedeusverrrag unterzeichnet, in welchem sie übereiugekommen waren, internationale Streitigkeiten durch Schiedsspruch anszngleichen und selbst Deutschland hat durch seinen Gesandten in Washington seine Zustimmung dazn ausgesprochen." Dieser Vertrag soll aber darum nicht zustande gekommen sein, weil der damalige Präsident der uordamerikauischen Staaten, Taft, einen Bock geschossen, indem er es unterlassen hat, vor der Uttterfertigung des Vertrages mit einem der leitenden Herren des Senates darüber Rücksprache zu nehmen, obwohl verfassungsmäßig hiezu ein Beschluß des Senates nötig ist. Durch diese Ignorierung sah sich der Senat beleidigt und hat deshalb dem Vertrag die Genehmigung versagt. Der Senat besteht nämlich, wie der Autor hiuzusügt, aus 98 Senatoren, zu dem jeder der 48 Bundesstaaten zwei Delegierte entsendet. Alle diese Mitglieder hatten — wie in dem Briese ausdrücklich hervorgehoben wird — keine Ahnung von dem Friedeusvertrage und haben davon erst ans den Morgenzeitnngen etwas erfahren. Dadurch sahen sie sich in ihrer Ehre verletzt. So kam es, daß der Friedensvertrag vom, Senate abgelehnt wurde, aber mir mit einer Stimme Majorität. Also bloß die Majorität mit einer