Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 38 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 88 Die äöaöuöctt Seite 1. „Ursachen der Unfrnchtbarkeit deutscher Politik" (Juliheft 1913) — der Frieden zum Faulbett, das für ein Volk, ehe man es sich recht versieht, zum Kranken-, ja zum Totenbette werden kann." Für diese Ueberpolitiker sind alle Freunde des Friedens „geistig Uehergeschnappte" oder Intellektuelle, die vor lauter Jntellektualiiät in gewisser Hinsicht nahezu blödsinnig geworden -sind." Wenn man diese geschwollenen Phrasen liest, erinnert .man sich unwillkürlich des Bismarckichen Wortes: „Es ist keiner unter ihnen, der nicht vom Kriegführen bis zum Hnndeflöhen olles besser verstünde als sämtliche gelernte Fachmänner, während es doch in aubereii Ländern viele gibt, die einränmen, von manchen 'Dingen weniger zu verstehen als andere und deshalb sich bescheiden und .schwelgen." Die Macht der Gattin des Gcmeindeprajes. (Eine 9k e m i n i s z e n z.) (Fortsetzung.) .„Die heute verlesene Hafthora schließt mit den Worten: .„So spricht der Ewige: Der Kluge rühme sich feiner Klugheit nicht, nicht der Held seines Heldentnmes, nicht der Reiche -seines Reichtums sich, sondern damit rühme sich, der sich überhaupt rühmen will, daß es ihm durch Denken, Sinnen und Forschen gelungen sei, sich Kenntnis zu erwerben, in den Geist j)er Gotteslehre einzndringen und die Ueberzengung zu gewinnen, daß der Ewige es ist, der Gnade, Gerechtigkeit und Wohlwollen übt auf Erden, denn nur an solchen Dingen hat er Gefallen! spricht der Ewige. Die schönste, herrlichste Tugend, die jeden Menschen, insbesondere den, der berufen ist, anderen als Musterbild voran- .zuleuchten, zieren und schmücken soll, ist die Bescheidenheit. Als R. Elieser b. Schimon — nachdem er seine Studien --in der Schule Migal eder mit glänzendem Erfolge absolviert hatte — nach der Stadt, wohin er znm Lehrer berufen wurde, reiste, begegnete er auf dem Wege einem Wanderer, der eine ungewöhnlich häßliche Gestalt war. Dieser grüßte ihn, den snngeu Rabbi, in ehrerbietigster Weise: „Friede sei mit dir, großer Rabbi." Anstatt den Gruß zu erwidern, rief R. Elieser ihm zu: „Mensch, wie bist du so ungestaltet! Sind alle Bewohner deines Geburtsortes so ungestaltet?" „Ich weiß es nicht," antwortete tief beschämt der fremde Mann, „aber gehe .zum Meister, der mich schuf und frage ihn, warum er ein solch häßliches Ungetüm ins Dasein gerufen hat." R. Elieser merkte bald sein in . der Uebereilung begangenes Unrecht, empfand tiefe Reue, stieg sofort hinab von dem Esel, auf dem er ritt, fiel dem Beleidigter: zu Füßen und bat ihn um Verzeihung. „Ich sehe ein, daß ich stark gefehlt habe, vergib es mir." „Nein," -erwiderte der Wanderer, „ich verzeihe dir nicht, gehe hin zum 'Meister und frage ihn, warum er eine solche Uugestalt schuf?" Der Wanderer setzte seinen Weg fort und der Rabbi ritt ihm in sehr gedrückter Stimmung nach. Als sie in die Nähe der Stadt kamen, strömten ihnen die Bewohner derselben entgegen -und riefen beim Anblick des jungen Rabbi: „Friede mit dir, Rabbi, großer Lehrer sei gesegnet!" „Wem gilt diese Ovation?" ' frug ganz erstaunt der Wanderer. „Nun, wem anders als dem Rabbi, der dir nachritt?" „Wie!" entgegnete der Fremde, „diesen Mann begrüßt ähr als euren Rabbi? O, möge es seinesgleichen keine in Israel geben!" Jetzt erst erfuhren die Leute, warum der Fremde so erbittert war. Sie gaben sich Mühe, ihn zu beschwichtigen und baten ihn, er möge doch dem Rabbi es verzeihen. „Ja", erwiderte er, „ich verzeihe es ihm um euretwegen,' nur soll er in Zukunft vorsichtiger in seinen Aeußerungen und überhaupt bescheidener in seinem ganzen Wesen fein." — Der erste Vortrag, den R. Elieser am nächsten Tage hielt, hatte den Ausspruch zun: Thema: Der Mensch sei immer machgebend wie das Rohr, nicht aber so hart wie die Zeder (Daanit 20). Ja, die Bescheidenheit ist eine herrliche, wahrhaft göttliche Tugend. R. Jochanan sagte: „Ueberall, wo du findest die Größe Gottes, da findest du auch seine Demut, Herablassung und Bescheidenheit." „Wer gleicht dem Ewigen, unserem Gotte, der so hoch thront und doch so tief herniederfchant", sich, um alle seine Geschöpfe kümmert". Nicht ans dem höchsten Berge, sondern auf dem kleinen Sinai hat sich Gott offenbart und dem kleinsten seiner Völker, nämlich Israel, eine Lehre verliehen, die heute noch die mächtigste Säule bildet, ans der die sittliche Weltordunng beruht. Von Moses, dem großen Lehrer Israels, der doch zweifellos die schönsten Tugenden und Eigenschaften in sich vereinigte, hat die Thora bloß die Bescheidenheit rühmend hervorgehoben, wekoisch Moscke onow meodete, weil die Bescheidenheit sich zumeist durch wahre ungehenchelte Frömmigkeit, Herzensgüte, Biedersinn, Seelenadel und Charaktergröße auszeichnet. Wie die Bescheidenheit die herrlichste Tugend, ebenso ist die Unbescheidenheit die größte Untugend. Der stolze, ehrgeizige und ruhmsüchtige Mensch gleicht, wie unsere Weifen sagen, einem Götzendiener. Er vergöttert sich selbst, hat stets nur fein liebes Ich vor Augen, sein ganzes Streben und Denken ist dahin gerichtet, seinen Ehrgeiz, wie seine Ruhmsucht zu befriedigen, für alles andere hat er keinen Sinn. Unbescheiden sind zumeist, wie die Erfahrung lehrt, Emporkömmlinge und Halbwisser, überhaupt gebildet sein wollende Menschen. — Diese Behauptung wird im Midrasch r. (1. M.) durch folgende Fabel illustriert. „Die Frllchtbänme wurden gefragt, warum sie so ruhig dastehen, ohne zu rauschen. Gelassen erwiderten sie: „Wir haben es nicht nötig, durch ein marktschreierisches, protzenhaftes Benehmen die Allfmerksamkeit auf uns git lenken, dies besorgen schon unsere menschenelquickenden Fruchte." Nun wurden die Waldbäume gefragt: Warum sie gar so gewaltig rauschen? — Sie antworteten: ..Das geschieht deshalb, weil wir uns auf eine andere Weise nicht bemerkbar machen können." (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Sonntag, den 4. Oktober l. I. N21V rßtff um h',4 Uhr nachmittags hält Se. Ehrwnrden Herr Rabbiner M. M a y e r s o h n in der Synagoge des Vereines „Beth Israel" II., Leopoldsgaffe 29, eine firn. Wien. (E inweih n n g des K a i s e r F r a u z I o i e f I. H n l d i g u n g s t e m p e l s.) Mit Verständigung der k. k. Polizei» birektion in Wien vom 24. Dezember 1910 wurde der israelitische Bethaus» vereui „Am Bolkerr" in Kenntnis gesetzt, daß ans Grund Allerhöchster Ermächligung das Ministerium für Kultus und Unterricht bewilligt hat, daß der ans Anlaß des Allerhöchsten achtzigsten Geburtsfestes im II. Bezirke. Pazmanitengaffe Nr. 6 zu erbauende Temvel den Namen.„Kaiser Franz Josef I. Hnldignngsrempel" fuhren und nn Siegel tragen dürfe. Dieser Tempel ist nunmehr gemäß den Plänen des Architekten Ignaz Reiserin stattlicher Pracdr serriggestellr und wird allgemein als Wiener Sehenswürdigkeit gehalten. Abgesehen davon, daß die Türme die angrenzenden, mehrere Stock hohen Hänsergrupven überragen und auch im Innern die prachtvollen Galerieanlagen und Säuleiigänge den schmucken Ban zieren, weist dieser Synagogenbau, der mit allem Komfort ausgestattet ist, eine besondere bis nun noch nie zur Ansführnug gelangte Anlage auf. lieber ein Helles, breites Stiegenhaus gelangt man zn einer schön angelegten Terraffe, die rings um den Tempel führt. Eine seltene, sehenswürdige Anlage im Gotteshanse, die an den Feiertagen den Besuchern einen Erholnngsort bietet, zumal dieselbe mir Blumen und Rasen bepflanzt werden wird. Die innere Ausstattung, was die Malerei, die Beleuchtungskörper und die gesamte Grnppiernng betrifft, wurde ebenfalls ganz nach dem Entwürfe des Architekten Ignaz Reiser ausgesührt nnd wird die Altaranlage, die einen selbständigen freistehenden Teil bildet, von allen Besuchern allgemein augestaunr. Der Bethausverein hat hiemit mit Unter» siütznng der israelitischen Kultusgemeinde, durch deren Mmnfizenz dieser großartige, dem allgemeinen Bedürsniffe in diesem Bezirkssprengel dienende Ban ermöglicht wurde, eine seltene Rührigkeit an den Tag gelegt. Liefert ja dieser Bau den bedentenden Wendevunkt in dem Werdegang dieses inr Mai 1875 als äußerst kleiner Minjanverein ins Leben gerufenen Bethans» vereines. Schon im fünften Jahre seines Bestandes wurde der derzeitige, in verdienstvoller Weise wirkende Präsident, Herr Adolf Schrämet, zum ersten Obmanne des Vereines gewählt, der durch feine zielbewußte, umsichtige Leitung und seine unermüdliche Tätigkeit den Verein zu einer achtunggebietenden Körperschaft in der Wiener Kultusgemeinde und in der Wiener Judenschaft emvorgehoben hat. Nunmehr wurde die feierliche Schlnßsteinlegnng und Einweihung ans den 28. September 1913. vormittags 11 Uhr festgesetzt. — Mit Rücksicht daraus, daß an den Stufen des Allerhöchsten Thrones die Bitte um Teilnahme uiedergelegt wurde und ein Vertreter des Kaisers .erscheint, werden hiezu auch die Spitzen der politischen nnd autonomen Behörden Wiens erscheinen und sind bereits die Vorarbeiten zur besonders feierlichen Gestaltung dieses Einweihnngs» festes getroffen.