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Die Wahrheit · 1913-09-26 · Heft 38 (26.9.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 38 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. -lese Abwanderung in den Städten beobachten. In der Regel pflegen die Kaufleute, wenn sie Vermögen erworben haben, nicht in der Heimatstadt zu bleiben, sondern nach einer größeren Stadt zu ziehen. Auch die Vorliebe der reichen Bauerntöchter für die Beamten entzieht dem Lande ein beträchtliches Kapital in Form der Mitgift." Der französische Nationalismus nnd feine Erscheinungsformen. Der Nationalismus in Frankreich hat aus seilten vielfachen Niederlagen nichts gelernt. Immer wieder sucht er die Herrschaft an sich zu reißen, und immer wieder sind es die alten, verbrauchten und lächerlichen Methoden, die ihn zum Gespött aller zivilisierten Nationen machen. Seitdem Maurice Barres im Jahre 1892 das Wort „literarischer Und philosophischer Nationalismus" geprägt hat, hat der nationalistische Rausch, bald stärker allschwellend, bald wieder langsam verebbend, sich die verschiedensten Gebiete des ösientlichen Lebens zum Tummelplatz erkoren und insbesondere den „Schutz nnd die Verteidigung des französischen Geisteslebens" in den Vordergrund gestellt. Der leicht entzündliche französische Esprit bedarf eben fortgesetzter Emotionen, um sich bald in Liebe für eine Sache zu .begeistern, bald sich an der Wollust des Hasses berauschen zu können. Wie schon Hermann Bahr in der Vorrede zu feiner Sammlung von Jmerwiews über den Antisemitismus mit Recht betont hat, ist den Franzosen der eigentliche Gegenstand der jeweiligen Sympathie nnd des jeweiligen Hasses keine Prinzipiensache, sondern nur eine Frage der Rangordnung. Sie haben, wie Bahr sagte, „der Reihe nach zuerst den Preußen und dann den Inden und neuestens den Bankier gehaßt und es hat sich ihnen nicht um den Preußen nnd nicht um den Juden und nicht um den Bankier gehandelt: es handelt sich immer «r um,den Kan um die starken Aufregungen, die er gewährt, enn' es leine Hilden ßhh»?r -ovjtitfeeu. Sie wären sonst um allen Geiluß der kräftigen Erregungen gebracht." Augenblicklich wird der Kampf der Nationalisten gegen die Intellektuellen in Frankreich von einem seltsamen Gemisch von Rässenantipathien und konfessionellen Abneigungen beeinflußt. Schon Barres faßte unter dem Sammelbegriff Intellektuelle die „Israeliten, Protestanten nnd Mischlinge" zusammen, und das im Jahre 1898 gegründete „Komitee für französische Aktion", in dem der Philosophieprofessor Henri Vangeois und Charles Maurras als unbestrittene Führer des Nationalismus die Hauptrolle spielten, richtete seinen Kampf in erster Linie gegen die Freimaurer, Juden, Protestanten und Mischlinge. Die nationalistische Bewegung ist heute keineswegs mehr, nachdem im reiferen Lebensalter stehende, angesehene'Publizisten wie Jules Lemaitre und Paul Bonrget, und der Romanschriftsteller Paul Acker sich der Bewegung angeschloffen haben, auf die Heranwachsende Jugend beschränkt, wenn diese auch freilich'noch immer ihre Hanptkadres bildend Der fanatische Haß der französischen Nationalisten gegen Deutschland und die Deutschen wird ans den verschiedensten Quellen gespeist. Typisch hierfür ist ein besonders bösartiges Pasquill, das Leon Daudet, der gegenwärtige Chefredakteur „Action 3?rancaisea und sein Sohn Alfonso Daudets unter dem Titel „I/Espionnage juif-allemand“ verfaßt hat. Da üns das Buch selbst nicht vorliegt, geben wir die wesentlichsten Gedankengänge aus einer Inhaltsangabe der „Köln. Volksztg." (20. 7. 1913) wieder: „Marianne (d. h. die französische Republik) ist nach der Darstellung dieses exzentrischen Nationalisten eine Tochter Bismarcks. Sie sei in den preußischen Munitionswagen ins Land gebracht worden und seither ihrer deutschen Herkunft treu geblieben. Zn der Republik Bismarck-Gambetta (der Mischling!) 1871—1897 seien den deutschen Jnvasionsbestrebnngen durch den Militarismus noch einigermaßen Zügel angelegt gewesen. Das offenkundige Ziel der Dreyfnsfrennde sei gewesen, die Macht des Militarismus zu vrechen und so Alleinherren , im Nr. 38. Lande zu werden, lind in der Tat ist'es in der Republi Bismarck-Dreyfus den Deutschen gelungen, dank der Mitschuld der Juden, in alle Zweige des Handels, der Industrie, der Kunst und Journalistik eiuzudriugeu, natürlich, nicht, um Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen, sondern um zu spionieren.' Man begnügt sich. aber , nicht mit unbestimmten Andeutungen. Im Ministerium des Innern sitze der „schmutzige Jude" Jaques Grumbach, Vorsitzender des Naturalisierungswesens, ein Neffe des Spions Weyll und der Getreue des. Verräters Dreyfus. Unter der Decke arbeitete er mit den Feinden des Vaterlandes zusammen. So komme es, daß von 1871 bis 1876 10000 von 1906 bis 1911 aber 120000 Ausländer naturalisiert worden sind. . Auf diese Weise ist es den Deutschen mit Hilfe der Juden und Freimaurer gelungen, an einer wachsenden Anzahl voll Punkten des wirtschaftlichen Und industriellen Lebens die Franzosen zu expatriieren, und nun können sie-mit Erfolg den „Vor^ krieg" führen. Von den industriellen und kommerziellen Festungen nnd Enklaven, die soviel als möglichau den vitalen Knotenpunkten und au den strategisch bedeutsamen Orten angelegt sind, sind die Deutschen in die französischen Häfeu^ausgeschwärmt (Deutsche Schifffahrtsgesellschaften), in. ihre Vorwerke (deutsche Kohle^ deutsche Wagen), in ihr Land (jüdisch-deutsche Automobilgesellschaften). in ihr elektrisches Netz und.'.in das für drahtlose Telegraphie (Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft), in ihren Mehlhandel (Muhleutrust von Corbeil) und (übrigens durch Lucieu,' Baumann) in ihren militärischen Luftschifffahrtspark (Elektron in Lamothe-Breuil) in alle lokalen Budgets, in alle Bezirke, Kreise, Gemeinden (Spionageagentur Schinunelpfeng und Konsorten). / ,. Zum Glück aber gibt es in Frankreich, wenn es nur einmal. gewarnt und ordentlich iuformirt ist, eine unberechenbare Macht der Auflehnung. Die Propaganda der Royalisten der „Action Eran^aise“- auf diesem Gebiet ist klar vorgezeichnet, i» allc» Kveiso», in den militärischen, deNkN aiN Tügk der Entscheidung die Aufgabe der Landesverteidigung zufallen .wird (gilt es), die unbestreitbaren und nubestrittenen Tatsachen zu zeigen. Man darf sich nicht in den törichten vom Kerne ablenkendeu Geschichten einfacher Handelskonkurrenz a 1a Matin verlieren. . . . Man must deutlich die Tätigkeit der Juden, die Folgen des Verrates von Dreyfus, die Schwächuiig (äsmantölsmsiit) des Vaterlandes dirrch die Dreyfusanhängtzr, Joseph Reniach an der Spitze, und dann die Mitschuld der Republikaner zechen. . . . Dann muß man die bewußten Franzosen, die 'Patrioten, wie sie auch sonst denken mögen, fragen: Sind Sie der Ansicht, daß man so bald als möglich diese todbringende'Regierung, die jüdische-Republik, stürzen und sie durch das einzige Regime, das unser Land retten kann, die traditionelle, erbliche, antiparlamentarische, dezentralisierte Monarchie in der Person des König Philipp VIII. ersetzen müsse?" Es ist schwer zu entscheiden, wen der französische Nationalismus unter seinen vielen > (mehr oder minder imaginären) Gegnern am meisten haßt: den Deutschen, den Freimaurer, den' Inden, den Protestanten oder den Mischling! Gegen einem solchen Verhetzungswahiisinn, der sich hartnäckig gegen alle Erwägungen der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes verschanzt, ist freilich schwer auzukämpsem Dagegen hilft mir kaltes Blut und Besonnenheit aller noch nicht' von dem nationalistischen Fieberrausch ergriffenen Elemente in beiden Ländern, sowie der feste Wille der an der Spitze stehenden verantwortlichen Männer, sich nicht durch die Leidenschaften einer verblen-! detem und durch gewissenlose Agitatoren sanatisierten Menge zu unklugen Handlungen hiureisten zu lassen. Das gilt, für Deutschland nicht minder wie für Frankreich. Auch bei uns gibt es wilde Männer oder Tartüffs des Patriotismus genug, die lieber heut wie morgen gegen den „Erbfeind" voin Leder ziehen möchten. Eine längere Friedensdauer dünkt ihnen unerträglich.' Die Zeit, wo ein Volk Ruhe und Frieden bitter nötig habe, nehme einmal ein Ende, und' wenn das der Fall sei — „dann wird — so dekretiert der Herausgeber der ,Hol. Anthropolog. Revue^ in einem. Artikel Die Wahrheit

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