Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 38 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit Helte 5, Der Kapparoth-Minhag. -I . Als ich heute meinen, obige Ueberschrift tragenden Artikel gedruckt, las, fiel mir ein, daß es, um Mißverständnissen, vorznbengen, besser gewesen wäre, die von mir angeführte Stelle in Peßachim 53 a und . Schulchan-Arnch 469 noa^ n? im Original und nicht in deutscher Uebersetznug anznführeu, weil Mogen-Awrohom am Schluffe seiner.Glosse 2 bemerkt, daß nach seiner Meinung nichts daran liegt, wenn man in deutscher Sprache sagt, dieses Fleisch ist „auf Peßach" naa bs* nur naa1? soll man nicht sagen. Wie nriab ans deutsch wiederzugeben wäre, ob für Peßach oder zu Peßach gibt er nicht an. und bleibt fraglich. Denn deutsch bleibt es dem Sinne nach sich ganz gleich, ob mau sagt: Dieses Fleisch ist auf oder für Peßach. In beiden Fällen ist eine Mißdeutung ausgeschlossen. R. Abraham Danzig wundert sich in seinem Buche Chaje- Odom 130, 8 auf Mögen Awrvhom, daß er naa bv nur in deutscher Sprache zu sagen erlaubt und nicht auch in hebräischer. Wenn aber auch der Talmud wirklich nur in hebräischer Sprache Naab ni->Va zn sagen verboten hat, so geht arlch daraus hervor, daß man sehr darauf bedacht war, alles zn vermelden, was auch nur im entfernteste^ die Deutung znließe, daß man etwas zu einem Opfer bestimme und als solches darbringe. Wenn man die Hände auf die Kapporoh legt und Tnaa nr spricht, bemerkt dafür Ture sakab ganz richtig, wird eher der Schein erweckt, daß man ein Opfer bringen wolle, als wenn man naab rn nwa fagt. M- Stark. Weinberge, 21. September. Die Indenfrage in Russisch-Dole». .. Die Jndenfrage in Russisch-Polen wie in den polnischen Landesteilen Preußens zeigt in ihren Ursachen nnd Erscheinungsformen überall wesensvel wandte Züge. Es ist nicht - wahr, wenn als Ursache des Boykotts, de,- jüdischen. Meschäftsl^nti„ Warschau der Umstand angeführt wird, daß die dortigen Juden bei den letzten- Wahlen den sozialdemokratischen Abgeordneten. Jagiello zum Siege gegen den National-Polen verholfen haben und daß der Boykott daher als Racheakt anzusehen sei. Wirtschaftliche Gründe sind das ausschließliche Motiv der.antisemitischen Bewegung . in Russisch-Polen. Das Fehlen eines polnischen Mittelstandes, eines Handel- und gewerbetreibenden polnischen Lürgertnms. das die Verbindung zwischen dem polnischen Adel und. dem Volk Herstellen sollte, hat den Anlaß zu dem wirtschaftlichen Vernichtnngsseldznge gegen die jüdischen Gewerbe-' treibenden geführt. Dieser polnische Mittelstand konnte nicht entstehen, so lange die Juden im Lände waren. Ein Artikel im antisemitischen „Hammer": „Wandlungen in Polen" gibt hierüber interessante Aufschlüsse: „Handwerk und Kleinhandel waren von jeher ihr Monopol gewesen. Sie blieben es auch im neuen Polen. Und jüdische Betriebsamkeit nnd Bedürfnislosigkeit machten eine rein geschäftsmäßige Konkurrenz außerordentlich schwer, wenn nicht gar unmöglich. Vielleicht hätte die fortschreitende Entwicklung des kleinen Mannes allmählich zur Verdrängung der Juden geführt. Sie wären vielleicht in andere Gebiete des Reichs übergesiedelt, in denen die Konkurrenz mit der eingeborenen Bevölkerung ihnen weniger schwer gefallen wäre — wenn der Ring der Ausiedlnngszone ihnen geöffnet worden wäre. Das aber war nicht .der Fall, sie mußten, in Polen bleiben. Und das war es, was die Polen zwang, zu Gewaltmaßregelu zn greifen. Nationaler Chauvinismus in gefühlsmäßigem Sinn spielte hier nicht die mindeste Rolle. Die Polen haben jahrhundertelang in engster Gemeinschaft mit den Inden gelebt, sie haben sich längst an sie gewöhnt, sie waren ihnen früher als Vermittler ganz unentbehrlich. Es liegt einfach so, daß die Juden der planmäßigen Entwicklung, des neuen Polen im Wege stehen und daß^ deshalb der Kampf mit. ihnen unvermeidlich geworden ist. Natürlich aber können die Führer der Bewegung,' auch soweit sie sich selbst über die Motive ihres Vorgehens verftandesmäßig klar waren, den.Massen nicht mit historisch-wirtschaftlichen Anseinandersetzlmgeu. kommen. Hier mußten primitivere Argumente angewandt werden.-Und. die lagen naturgemäß auf nationalem Gebiete. Es gärte schon lange. Nun kam der Fall Jagiello und der gab natürlich prachtvolles Agitationsmaterial. Denn es ist nicht schwer, dem Handwerker und kleinen Händler, der im Inden wie im Sozialdemokratengleichermaßen den Feind sieht, klarzumachen, daß er durch die mit Hilfe der Inden erfolgte Wahl des' Sozialdemokraten schwer gekrällkt und geschädigt ist und daß er sich zur Wehr setzen muß. Und wenn die Mittel, mit denen gekämpft wird, ihm direkt die Tasche füllen, so ist er naturgemäß mit Freuden bereit, den Rufern im Streit zu folgen. . Einige russische Zeitungen suchen den Boykott nicht nur als nnkultnrell und illiberal, sondern auch als kleinlkch und unsanber verächtlich zn machen. Einst hätten die Polen Kampfes» ziele gekannt, die eines großen Volkes würdig waren. Jetzt behandle die polnische Presse jede Eröffnung eines polnischen Kramladens als nationale Errungenschaft und lasse sich unter keinen Umständen die Berichterstattung über ein ein solches Ereignis entgehen. Ob es kleinlich ist oder nicht — zeigt nicht gerade der» artiges ganz deutlich, worum es geht? — Die Schaffung eines Mittelstandes, die wirtschaftliche Fundierung des polnischen Handwerks und Kleinhandels, ,das ist das Ziel, das ist der Kaufpreis. Uebrigeus die russischen Polen folgen darin nur dem Beispiel ihrer preußischen Stammesgenossen, Dort spielt der gleiche Prozeß sich ab, genauer, er geht schon seinem Ende entgegen. Die letzten statistischen Daten zeigen, daß die jüdische Bevölkerung der Posenscheu Städte rapid abnimmt: in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schwankte sie zwischen 21 nnd. 55 Prozent, jetzt beträgt sie nicht mehr als 4 bis 8 Prozent. Freilich ist dieser Niedergang nur eine Nebenerscheinung des deutsch-polnischen Kampfes gewesen, insofern, als Denticbe wix Pnspn sjch systematisch r" ch"" Stammesgenossen hielten. Das neutrale jüdische Element aber wurde ohne viel Aufsehen, gewissermaßen zufällig, zerrieben und verdrängt. Das Resultat aber bleibt das gleiche — es gibt jetzt in Preußisch-Poieu einen polnischen Kleinbürgerstand." In einer späteren Nummer des antisemitischen Blattes tritt R. Lieske, ein alter Korrespondent nationaler Blätter speziell über die Polenfrage, der Anffaffnng entgegen, als ob die „ruinierende Wirkung des Zwischenhandels" das Polentum gegen die Inden mobil gemacht habe. Das „war einmal". Heute sei durch das Bahn-, Post- und Zeitungswesen, durch wirtschaftliche Verbände nnd Genossenschaften der Zwischenhandel entbehrlich geworden. Infolgedessen stellt sich nach Lieske die Sache heute folgendermaßen dar: „Mit dieser Entbehrlichkeit (des Zwischenhandels, d. R.> schwindet aber auch seine Macht und ist sie zum großen Teil schon geschwunden, so daß es wirklich nicht nötig ist, im Interesse des ostmarkischen Deutschtums hinterher nach Ausnahmegesetzen zit rufen. Auch für die Inden sind Posen und Westpreußen heute nicht mehr das Eldorado, das diese Provinzen früher waren. Herr Jaeger schreibt: „Wo nicht viel zu verdienen, du bleibt auch kein Jude." Ganz richtig. Dadurch erklärt sich die Abwanderung. Daß die Inden im Osten noch stark in den städtischen Vertretungen sitzen, trifft zu. Aber in Berlin und Vororten ist dies gleichfalls der Fall. Auf dem Lande ist dagegen ihre Macht infolge der zahlreichen wirtschaftlichen »mb Kreditgenossenschaften fast ganz geschwunden. Mir sagte mal ein Bauer, als ich auf dem Dorfe in einer Versammlung über die Judenfrage sprach: „Räumen Sie man lieber erst mit den vielen Juden in Berlin auf, mit dem Jtzig aus N. (ein Handelsjude aus der nächsten Stadt) werden wir allein fertig." Ganz unrecht hatte der Mann nicht. Seine Bemerkung beweist, daß sich die Bauern den Inden gegenüber nicht mehr als die Gedrückten fühlen." — Auch Lieske ist der Ansicht, daß die Abwanderitug deutschen Kapitals aus dem gemischtsprachigen Gebiet viel zur Schwächung des Deutschtums beiträgt: „Besonders kann mcm