Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 38 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. _Die Wadrdeil. Nr. 38. Was nützen unseren Kindern die gediegensten Kenntuisse> wenn es I>en Judenfeinden möglich bleibt, sie trotzdem zu boykottieren? Es wäre ein beschämendes Armutszeugnis, wenn die Juden, das demokratischeste Volk, in der Zeit des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes aus Unverständnis oder Feigheit ihr Interesse trotz judenfeindlichen Kesseltreibens nicht energisch genug verfechten würden! Ans Liebe zu den Kindern müssen die jüdischen Staatsbürger mit dem bisher vielfach geübten politischen Streike Schluß machen!. Politische Indifferenz schädigt nicht, nur. sie.selbst und ihre Glaubens- und Dtammesgenosseu, sondern ihre eigenen Kinder, selbst dann wenn sie die Taufe annehmen. -— Jüdische Staatsbürger dürfen daher nicht politisch rückständig bleiben und keinen politischen Streik machen, denn sie begehen dadurch Verrat an den eigenen Kindern! _ R. L. König und Rabbiner. Es dürfte wenig bekannt sein, daß der verstorbene König Eduard ViL seinen Thron gewissermaßen dem jüdischen Rabbiner Nathan Adler in London zn verdanken hat. Doktor Adolph K o Hut berichtet darüber in dem in einigen Tagen erscheinenden hochinteressanten- Buche „G ek rö n te u n d ungekrönte Jud e ufr en n d e" (Verlag Dr. Basch u. Co.,. Berlin. Preis broschiert 3 Mark, in Leinenband 4 Mark) folgendes: Das erstgeborene Kind der Königin Viktoria war bekanntlich' eine Tochter, die nachmalige Kaiserin Fri e d r i ch. Der englische Kronprinz Eduard wurde erst später geboren. Nun warteten sowohl das britische Volk als auch die königliche Familie mit Ungeduld ans die Geburt eines Prinzen. Die Königin Victoria, die Mutterfreuden entgegensah, war schwer erkrankt und weilte zur Erholung in Italien,' und auf Anraten der Aerzte sollte die Monarchin während der Zeit ihrer Entbindung in Italien bleiben, womit auch die königliche Familie einverstanden war. Die Zeitungsnachricht hierüber drang auch zu den Ohren des Rabbiners Nathan Adler. Er erbat sich eine Audienz beim Minister des Auswärtigen, um ihn daraus aufmerksam zu machen, daß nach der englischeil Verfassung nur derjenige englische Prinz den Thron erben könnte, der auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt. Sollte nundie Königin von England in Italien einem Prinzen das Leben schenken, so wäre er nach der englischen Verfassung von der Thronfolge ausgeschlossen. Der Minister verständigte hievon beit Hof, wo diese Mitteilung große Üeberraschung und Bestürzung hervorrief, denn man hatte diese Eventualität nicht berücksichtigt. So wurde dann Königin Viktoria trotz ihres leidenden Zustandes nach England überführt, wo sie bald darauf eines' Prinzen, des Thronerben, genas. Die königliche Familie batte diesen Dienst dem Rabbi nie vergesten. Bekanntlich wurde Nathan Adler in dankbarer Auer-, keunung seines Ratschlages zum Chief-Rabbi von ganz England ernannt und gründete gewissermaßen selbst eine Rabbiner-Dynastie.^ Nach seinem Tode wurde sein Sohn, Dr. Hermann Adler, zum Chief-Rabbi ernannt und wie der Alte, so erfreute sich auch .sein Sohn der wärmsten Sympathien des Königs. Kohnt weiß auch sonst recht Interessantes über die Sympathien zu berichten, welche König Eduard den Juden entgegenbrachte : _ Während der Regierung Eduard VH. bekleideten hervorragende Politiker und Staatsmänner jüdischen Glaubens hohe Staatsämter. Es waren dies unter anderen Samuel Spei er, Samuel Marcus, Georg Phillips' und Arthur C o h e n. Der genannte Sir Samuel Marcus wurde wiederholt znm Lord-Major uon London gewählt und diese Wahl wurde mit Freuden vom Könige bestätigt. Bezeichnend für das. stolze Bewußtsein des jüdischen Lordmayors war der Umstand, daß er zu dem feierlichen Bankett, das er als städtisches Oberhaupt Londons alljährlich zn geben pstegte, alle fremden Gesandten, mit Ausnahme des rumänischen wegen der judenfeindllchen Haltung dieses Staates, einlud. Aus demselben Grunde folgte er auch nicht'der an ihn ergangenen Einladung zn den Jubiläumsfeierlichkeiten nach St. Petersburg. Wie sehr der König an den Grundsätzen der Gleichberechtigung festhielt, wurde auch durch die Tatsache bewiesen, daß ein gläubiger Israelit, Sir Matthew N a t h a n. den wichtigen Posten eines Gouverneurs der Stadt Hongkong durch ihn erhielt. Dieser selbe Sir Matthew Nathan soll früher zum Militär-Attachee der englischen Botschaft in Berlin bestimmt gewesen sein, doch soll diese Ernennung an dem Widerstand von Berlin gescheitert sein. ' Später wurde ihm der Posten des Gouverneurs der großen südafrikanischen Kolonie Natal zugewiesen. Als.ein ferneres Zeichen der philosemitischen Gesinnung, des Monarchen sei hier noch angeführt, daß das Amt eines Generaldirektors der Posten in Indien, der einen viel weiteren und einflußreicheren Wirkungskreis besitzt, als der deutsche Staatssekretär des Reichspostamtes, von dem Monarchen einem Juden namens Kisch überwiesen wurde. Demselben Bekenntnis gehörte auch der Bürgermeister des Hanptortes des als antisemitisch verrufenenBritisch-Nvrdafrika, von Kapstadt, an, namens H. Liebermann. Er war zugleich erster Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, als welcher er am 13. September 1905 die Eröffnung der großen Synagoge in feierlicher Weise vollzog.. Auch, im britischen Kolonialstaat in Westanstralien ist von Eduard VII. die Verwaltung des Reichsdepartements'einem Inden Matthew L. M o ß übertragen worden. Dieser Moß war vorher schon zweimal Minister ohne Portefeuille. Der Philanthrop und Führer der orthodoxen Partei unter den englischen Inden, Sir Samuel Montagu, wurde trotz seiner politisch-radikalen Richtung von dem König zum Lord S w a i t t h i n g ernannt. Später wurde er Unterstaatssekretär von Indien.. Der Monarch, nahm absolut keinen Anstoß daran, ihn sowohl wie den bereits genannten Herbert Samuel zn Ministern zu ernennen, ohne daß sie es. nötig gehabt hätten, ihre Religion zu „changieren". Im Jahre 1907 erschienenin Kanada die Minister Patte r s o n und A v l e s w o l t h in einer jüdischen Versammlung, um im Namen des Königs die Erklärung abzngeben, daß beide die Einwanderung der unglücklichen Inden Rußlands nach England und Kanada mit voller Sympathie begrüßen und diesbezügliche Pläne gern unterstützen. In Kanada sei einem jeden Freiheit und bürgerliche Gleichheit gewährt. Wirklich wunderten dort schon während eines Jahres nicht weniger als 7127 Inden ein, worunter-sich 6055 Nüssen befanden.' Ihrer Beschäftigung nach'zählten 183 zn Geschäftsleuten, während 267 die Landwirtschaft und 1870 ein Handwerk betrieben. 389 gehörten dem Arbeiterstand und 5 dem Bergbau an, welche statistische Daten in beredter Weise den oft erhobenen Vorwurf gegen die russischen Inden entkräften, als seien diese samt Und sonders Schacherer und Hausierer. Hohe Achtung und lebhaftes persönliches Wohlwollen .bekundete der König auch für einen Engländer, deutscher Abstammung, der' früher dem Judentum angehörte, den hochgefeierten und hochverdienten Philanthropen Sir Ernest Cassel, den er znm Mitglied des Geheimen Rates ernannte. Bekanntlich hau dieseredle Wohltäter ein überaus hochherziges Werk zugunsten des Ausgleichs von England und Deutschland auf dem Gebiete der Humanität vollbracht, indem er eine Stiftung : von vier Millionen ins Leben rief, aus deren Zinsen notleidende Deutsche in England und notleidende Engländer in Dentschland unterstützt werden sollen. Mit dem englischen König hat auch das deutsche Kaiserpaar das Proteklorat über diese ebenso originelle wie großmütige Stiftung übernommen. Solch seltene Männer, wie Sir Ernest Cassel tragen dazu bei, den Ruhm des deutschen Namens in England zu erhöhen. Sir Ernest >Cassel ist auch wiederholt vom deutschen Kaiser ausgezeichnet ' worden. So enthält das Buch eine Reihe hochinteressanter.Ausschlüsse über die Stellungnahme von Herrschern, Künstlern und Gelehrten zum Jndentnme, so daß das Buch wärmstens empfohlen werden kann. >