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Die Wahrheit · 1913-09-19 · Heft 37 (19.9.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 37 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 9. Nr. 37. Die Wahrheit überdies hatte der Kaiser, dein in der Regel die'Schutzgelder und Stenern der Inden zugehörten, eine-gute Einnahmequelle verloren; Karl IV. entrüstete sich deswegen — wenigstens nach außen hin — sehr und verlangte und erhielt große Entschädigungssummen. Unter den Verfolgungen aber stieg der Zinsfuß für Darlehen ungeheuer und das führte zu einer so schlimmen Entwicklung, daß Städte und Landesherren direkt wieder nach etwa 50 Jahren die Juden herbeiriefen, sie zu Bürgern anfnahmen, resp. ihnen direkte Asyle eröffneteu. Vou der Höhe des Zinsfußes hat mau einen Begriff, wenn man sieht, daß diesen wieder aufgenommenen Inden die Gewährung von kleinen Darlehen zur Pflicht gemacht wurde, wobei sie sich behördliche Festsetzung des Zinsfußes gefallen lassen mußten; hiebei war also zweifellos ein für damalige Zeiten mäßiger Zinsfuß festgesetzt worden. Von der Reichsstadt Memmingen im Allgän wird aber beispielshalber bei der Verleihung des Jndenbürgerrechtes zu Beginn des 15. Jahrhunderts der erlaubte Zins angegeben auf 1 d. Pfennig pro 1 lb. (Pfund) für die Woche, das ist auf das Jahr 21Vz Prozent Zins für Darlehen. Hierunter mußte natürlich der Handwerksstand außerordentlich leiden und hätten gar keine Zuuftschrauken bestanden, so wäre es schon bei solchen Verhältnissen den meisten Gesellen nicht mehr möglich gewesen, sich selbständig zu machen". Man sieht, auch im Mittelalter war die Lage des Handwerkers und Kleinbauers keine so glänzende, wie sie die Schwärmer für Zunftzwang und Aufhebung der Gewerbefreiheit immer schildern — und doch gab es damals noch keine Warenhäuser, aber ähnliche „Totengräber des Mittelstandes". Dagegen verstanden es die „königlichen" Kanfleute, . die allerchristlichen Welser, Fugger nsw. ganz ausgezeichnet, ihren kleinen Berufsgenossen die Schlinge um den Hals zu ziehen. Der Verfasser dieser Studien resümiert sich in einem Schlußartikel, der sich wieder der allgemeinen Lage des Handwerkes im Mittelalter znwendet, folgendermaßen: „Vom 14. und 15. Jahrhundert an aber wachsen die schlimmsten Momente unverhältnismäßig an und die rechtliche und wirtschaftliche Entwicklung des Handwerkes wird immer ungünstiger, gestattet nur wenigen Wohlhabenden, die eine größere Anzahl von Gesellen halten'konnten, erhöhte Einnahmen , und nur ganz wenige,. besonders geistig hervorragende Handwerksmeister konnten ohne ererbtes Vermögen und einflußreiche Verbindungen vou Haus aus vorwärts kommen. Die große Masse blieb in dürftigen Verhältnissen. Trotzdem aber bezeichnet gerade die Zeit solcher Nöte und Unterdrückung einen künstlerischen Höhepunkt in der deutschen Kultur. Besonders das 16. Jahrhundert sah die berühmten Holzschnitzereien an Schränken, Tischen und Stühlen, die in den großen Sammlungen des Germanischen Museums in Nürnberg bewundert werden können. Zn dieser Zeit entstanden prachtvolle Stickereien und Webereien, wie sie namentlich für die Zwecke des Gottesdienstes angeschafft wurden. Man denke an die vorzüglichen Metallarbeiten, die sich bis zur Höhe der Bronzen Peter Fischers ausgestalteten, die aus vielen kleinen buntfarbigen Stücken die Bilder großer Kirchenfenster schufen. Gerade starke Differenzierung, der große und ständig wachsende Unterschied zwischen arm und reich zeigte sich der Kunst günstig, schuf Verhältnisse, unter denen wenige bedeutende Meister, wie Dürer, Syrlin, Fischer und Söhne von der Kunst leben konnten. Die verheerenden Wirkungen des dreißigjährigen Krieges nahmen dem Handwerk freilich auch diese letzte Stütze. In einem Aufsatz „Zur Geschichte der Handwerksbewegung während eines Jahrhunderts" sagte Rechtsanwalt Alfred Diehl, München, von diesen Zuständen -bis Anfang des 19. Jahrhunderts ganz richtig: „In der Tat — das alte Zunftwesen war so verknöchert und in engherzigen Beschränkungen erstarrt, daß mau darauf treffend das Wort Goethes anwenden konnte: Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; — Weh dir, daß du ein Enkel bist! Jedenfalls würde sich heutzutage eiu junger, frischer Geselle höflichst dafür bedanken, sein Lebtag nicht Meister werden zu können, falls er nicht das Glück hätte, selbst ein Meistersohn zu sein, oder > das etwas zweifelhaftere, eine alte Schraube von Meisterwitwe heiraten zu dürfen, wie es vor 100 Jahren noch der Fall war." Die Verhältnisse, die in dem Artikel dargestellt sind, ^bezogen sich nicht auf diese Zeit um die Wende des 18. bis 19. Jahrhunderts; sie zeigten aber, daß schon in der höchsten Blüte des deutschen Handwerks, über deren Werke wir mit Recht er- - staunen, schon so viel Krankheitskeime liegen, so sehr unglückliche Verhältnisse den Handwerkern das Leben erschwerten, daß dieses Gegenteil der Gewerbefreiheit zu einem bösen Ende führen nnlßte. Und damit wird am besten der Glaube an die „gute, alte Zeit" illustriert. __ Die Macht der Gatt»»» des G cmeindepriiles. (Eine R e m i n i s z e n z.) (Fortsetzung.) Sein erster Besuch galt dem Gemeindepräses, der ihn sehr freundlich empfing, im Laufe des Gespräches mit den dortigen fynagogalen Bräuchen und Formen vertraut machte und ihm überhaupt, wie es seine Gewohnheit war, über die Anstalten und Institutionen der Gemeinde die nötigen Auskünfte erteilte. Die Audienz dauerte ungefähr 20 Minuten. Als sich Doktor Felsenstein vom Präses entfernte, erfuhr er von seinem Begleiter, dem Schames, daß es in der Gemeinde mehrere Takmudisten gebe und der hervorragendste unter ihnen R. Selig Tannenbaum sei, der nebst gründlichem talmndischen Wissen auch allgemeine Bildung besitze und nur deshalb nach Absolvierung seiner Studien dem Geschäfte sich gewidmet, um nicht aus der Thora ein Gewerbe machen zu müssen. Diesen Herrn, sagte Dr. Felseustein. möchte ich gern besuchen, wann ist er zu sprechen? Ach, R. Selig Tannenbanm können Sie immer bei seinen Seforim-Büchern finden — denn, das große Geschäft führen jetzt schon seine erwachsenen Söhne — und er freut sich sehr, wenn ein Lamdan (Gelehrter) ihn besucht, um mit ihm (mefalpel) disputieren zu können. Nun, da werde ich mir noch heute nach Tisch das Vergnügen machen, diesem Manne einen Besuch abzustatten. Um 2 Uhr nachmittags verfügte sich Dr. Felsenstein zu R. Selig Tannenbanm, der ihn in ehrerbietiger Weise begrüßte. Beide Herren fanden bald Gelegenheit, sich über wissenschaftliche Themen zu unterhalten, wobei R. Selig die Ueberzengung gewann, daß er es hier mit einem gründlichen Kenner des jüdischen Schrifttums, mit einem vorzüglichen Talmudisteu und gewandten Dialektiker zu tun habe. „Ich staune," sagte R. Selig, „daß Sie, der in der größten Gemeinde mit bestem Erfolge als Rabbiner und Prediger zu wirken die Fähigkeit und Begabung besitzen, sich um den hiesigen Rabbinerposten beworben haben, den Sie höchstwahrscheinlich nicht erlangen werden." „Warum sollte es mir nicht möglich sein, diesen Posten zu erlangen?" frag Dr. Felsenstein ganz erstaunt, „Nun, diese Frage will ich Ihnen," entgegnete R. Selig, „im Vertrauen lösen. Unser gegenwärtiger Rosch hakohol — Gemeindepräses — ein hochangesehener, reichbegüterter, streng religiöser Mann, ist eiu wenig eigensinnig, ein omed al date, was er sich in den Kopf setzt, muß nach seinem Willen durchgeführt werden, einen Widerspruch, eine Opposition duldet er nicht. Er hat hier einen solch mächtigen Einfluß, daß es niemand in der Gemeinde wagen würde, ihm bei irgend einer Gelegenheit Opposition zu machen." — Vier Kandidaten wurden auf sein Verlangen zur Probe berufen. Die ersten zwei Proberedner haben bezüglich des Wissens und des Charakters den Wünschen der Gemeinde entsprochen, der dritte jedoch besitzt wohl anscheinend große, ich möchte — obwohl ich nicht zu den Liberalen gehöre— sogar sagen, übertriebene Frömmigkeit, jedoch hat er in seinem Vortrage weder vou gründlicher talmudischer Gelehrsamkeit, noch von allgemeiner Bildung Proben geliefert. Nichtsdestoweniger ist er am meisten berechtigt, zu hoffen, daß er hier durchdringen wird, denn er wurde dem Präses von dem auswärts wohnenden reichen Fabrikanten A. Grünfeld, einem Onkel der Frau Ester Kralowitzky, auf das angelegentlichste empfohlen, und das hat

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