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Die Wahrheit · 1913-09-19 · Heft 37 (19.9.1913) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 37 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. '; Die Wahrheit Nr. 37. Güte, Frische, Sauberkeit und Ausgiebigkeit glänzend einen Vergleich mitdem tags zuvor genommenen Vierkronendiner in einem noblen koscheren Restaurant. Auch über die Gesellschaft, die sich gerade in den Räumen der Einheit befand, darunter einige wohlbekannte Berliner und sonstige reichsdeutsche Persönlichkeiten mit ihren Damen, konnte keineswegs Klage geführt werden. Wir hatten alle die Empfindung, daß die Einheit angesichts der großen Wichtigkeit der Magenfrage ein Wort, eigentlich eine Tat von ganz eminenter Bedeutung ist. Während des Tischgebetes blieb mein Gedanke unwillkürlich bei dem Zitate haften: ro-in nyatPi rteai „Hast du gegessen und dich gesättigt, so danke." Die Dankbarkeit ist ein Gebot der Thörn. Ein Gebot, welches die rabbinische Ethik so hoch schätzt, daß sie den für die talmudische Zeit gewiß kühnen Satz ausstellte: „Wenn dereinst der Zionstempel wieder erstehen wird, so wird zwar der Opferkultns anfhören, das Opfer des Dankes aber (n-nn pnp) wird ewig bestehen bleiben". Ich folgerte nun: Esse ich bei mir zu Hanse, so gebührt mein Dank Gott allein; .cffe ich jedoch bei Anderen, die mich liebevoll und uneigennützig bewirten, die also Gottes Eigenschaften nachstrebeu, so muß ich nebst dem obersten Spender auch dieseiwAnderen den Dank abstatten. Ich erfülle daher frendigst diese Dankespsticht, indem ich das wahrhaft wohltätige Unternehmen der Einheit öffentlich mit dem Bemerken anerkenne, daß diese Institution, die den Wiener Glaubensgenossen zur Ehre gereicht, die weitgehendste Förderung und Nachahmung verdient. Allen Männern des geschätzten Vereines (Bernhard Hosbauer, Moritz Felsenbnrg, Dr. Kreuberger, Adolf Fischer usw.) den wärmsten ro ->V"! Dem gesamten Vorstande wünsche ich, da es au der Zeit ist, eine m*,a naTim rcro. Das verstehe ich, neben der üblichen Auffassung, so, daß in dem neuen Jahre sich recht viele edle Menschen in seine Spenderliste mit guten und reichen Gaben eiutrageu mögen. Das wird wohl die beste Anerkennung sein. Mäh ris ch O st r a u, den 14. September 1913. Dr. R. F a e r b e r, Rabbiner-Stellvertreter. Ans der Zeit des Zunftwesens. Unter der Ueberfchrift „Schattenseiten ans der Blütezeit des H a u d we r k s" eröffnete die „Westdeutsche Mittelstands-Ztg." eine historische Untersuchung über die Lage des Handwerks aus der vielgerühmten Zeit des mittelalterlichen Zunftzwanges; die Arbeit ist um so verdienstlicher, als auch heute noch in vielen reaktionären Köpfen die damalige Zeit sich in einer Art romantischer Verklärung widerspiegelt. Der Verfasser weist nun nach, daß diese Zeit unmöglich eine so ungetrübte Zeit des Wohlstandes gewesen sein kann, daß im Gegenteil der größte Teil der Bevölkerung selbst in den wohlhabendsten Gemeinden zum Proletariat hernntergedrückt war. Die Gleichheit der immer wiederkehreuden Verhältnisse zeigt, daß die bedrängte Lage der Bürger, die vorzugsweise im Handwerk tätig waren, nicht nur an lokalen .Umständen lag, sondern an allgemeinen Entwicklungstendenzen im gesamten Städtewesen. In diesem Zusammenhänge kommt der Verfasser nun auch ans die Geldwirtschaft und den Anteil der Inden an dem Geldleihhandel des Mittelalters zu sprechen und gelangt zu folgenden interessanten Feststellungen: „Während die Großkaufleute — der Handel war noch bis tief in das 16. Jahrhundert hinein etwas Aristokratisches, hatte durchaus nichts von der kleinen Krämerei an sich und wurde von patrizischen Geschlechtern betrieben — ihr Geld teils für ihre weitblickenden Unternehmungen benötigten und für die Anlage ersparten Kapitals resp. für Zinsgewinn große Papiere bevorzugten, wie z. B. Obligationen, von Städten und größeren Landesherren, während sie also in Gewährung von Kleinkredit an Handwerker etwas Lästiges sahen, was sie sich gerade so vom Hals zu halten suchten, wie die Großbanken heutzutage die kleineren Kunden durch das Verlangen höheren Zinses und von Provisionen, war der Handwerkerstand, also die Mehrheit der städtischen Bevölkerung, im großen ganzen recht übel dran. Er arbeitete freilich in der Regel für die Bürger der gleichen Stadt, und die Dörfer der Umgegend; mit, dem Anwachsen der Bevölkerung spielte indessen der Markiverkehr immer mehr die ausschlaggebende Rolle, weswegen die Arbeit vorzugsweise auf Vorrat gemacht werden mußte also in einer Art, die für Rohstoffe und Werkzeug momentan verhältnismäßig große Mittel verlangte, Bezahlung aber erst im wesentlichen in späterer Zeit erwarten konnte. Es liegt auch in der Natur der Sache, baß bei der immer mehr sich geltend machenden überwiegenden Nachfrage nach Geld auch, bei der einheimischen Kundschaft der Handwerker ein starkes Borgunweseu und Verluste einreißen mußten. Alles drängte dahin, daß das Gewähren von Kleinkredit zu einem gewinnbringenden Unternehmen wurde, mit dem sich namentlich diejenigen, beschäftigten, die, wie Kaufleute, am ehesten sich einen gewissen'Vorrat von barem Gelbe anhänfen konnten. Das kirchliche Zinsverbot des Mittelalters wurde zwar oft übertreten, zum Teil von kirchlichen Stiftungen selbst, wurde indessen von einem erheblichen Teil der Bürger im 13. und 14. Jahrhundert noch wohl eingehalten, und führte dahin, daß die Gewährung kleiner Darlehen an die meistenteils umherziehenden Inden kam, die durch kanonische Verbote nicht gebunden waren. Nun ist ja .sicher, daß überall die Gläubiger solche Zwangslage der Schuldner ausgenntzt haben, wie ja auch Verurteilungen zu sin den sind, in denen christliche Bürger wegen Wuchers' schwer bestraft worden sind. Es ist also ganz natürlich, daß an sich sehr oft'die Inden Wncherzinsen gefordert und erhalten haben, und daß vielfach Existenzen dabei zugrunde gingen; wurden doch sogar ansehnliche Landesherren ganz direkt airsgewuchert, wie z. B. sich Eberhard I. von Württemberg (1281) eine Finanzkontrolle auf Grund kaiserlicher Macht gefallen lassen mußte, weil er seine Schulden nicht zahlen konnte; auch die Juden in elsässischen Städten spielteil gegen Mitte und Ende des 14. Jahrhunderts verschiedenen mächtigen Fürsten übel mit. Aber solche Ueberschreitungen der Billigkeit sind nicht eigentlich zum Verhängnis geworden, sondern die grundsätzliche Abneigung des Gläubigers gegen seinen ihn bedrängenden Schuldner, insbesondere, wenn er einem fremden Volke angehört, wie ja vielfach als verhaßt iw jenen Zeiten Nebeneinandergestellt werden die Juden und Lombarden. Die Entladungen lagen meist nicht au besonders schlimmen Wuchersällen, sondern an finsterem Aberglauben der wenig unterrichteten Bevölkerung. Das starke Wachstum der städtischen Bevölkerung bei der Gefahr, in der Fehdezeit vor den Befestigungen der Stadt zu wohnen, führte bald dazu, daß der Jnnenranm der Stadt zu klein wurde; die Straßen wurden immer enger, die Häuser immer höher gebaut, mit nach oben mehr vorspringenden Stockwerken, die Luft und Licht außerordentlich benahmen. Trotzdem war der Bevölkerung nicht möglich, ausreichende Wohnungen zu erstellen, resp. zu finden, und die Volksmasse wohnte enge zusammengepfercht. Erinnere man sich nun daran, daß um die Befestigungen der Stadt herum beständig ein Wassergraben war, der in der Regel stehendes Wasser enthielt, infolgedessen zu Schlamm- und Snnipfbildung neigte, und daß selbst in einem Fluß, an dem die Stadt etwa lag, alle Abfälle und sonstigen.Verunreinigungen kamen, durch die eventuell infolge von Durchsickern sogar die Brunnen der Stadt angesteckt werden konnten. Hiezu kam der ungeheure Schmutz ans den Straßen, die zu jenen Zeiten nur in Ausnahmefällen ams notdürftigste gepflastert waren, und ans die man Mist und Kehricht ungeniert ausschüttete, und der Umstand, daß infolge der Unkenntnis von Anstecknngskrankheiten und Tiefstand der Heilkunde, die sich in der Regel auf Zauberformeln und ähnlichem Humbug beschränkte, Seuchen sich ganz unbehindert ansbreiten konnten. Nach dem allen sind die großen Epidemien selbstverständlich, die ganz Deutschland ergriffen, insbesondere der „Schwarze Tod" von zirka 1340 bis 1350. Fast ausnahmslos gab man den Inden Schuld, daß sie die Brunnen vergiftet hätten und es kam zu blutigen Verfolgungen von solcher Größe und Grausamkeit, daß hiergegen die russischen Pogroms, über die sich alle Welt entrüstet, kaum in Betracht kommen. Den Schaden hatte aber wieder der Bürgerstand selbst. Die etwa geraubten und geplünderten Güter der'Inden waren meist schnell durchgebracht, wenn sie nicht die Stadt als solche oder der Landesherr als konfisziertes Gut in Beschlag nahm;

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