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Die Wahrheit · 1913-09-19 · Heft 37 (19.9.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 37 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37 Sette 7. Die Wabrbett Der Kapporalh Minhag Äon Rabbiner Prof. Stark, Prag-Weinberge. lieber den Ursprung dieses Branche» und dessen Bedeutung 'find schon viele Meinungen ausgesprochen worden. Selbst christliche Gelehrte haben-es nicht nnterlassen. sich darüber zn --äußern und haben denselben sogar mir dem Hinweise auf ein im Innersten Israels seit jeher schlummerndes Bedürfnis nach Sühne durch Opfer zn Bekehrnngszwecken benützen wollen. Begannt ist, daß R. Josef Karo im Oraoh-Ohasirn 605, 1 die Beseitigung dieses Minhag empfiehlt, während R. Moses Jsserls -für dessen Erhaltung sich ansspricht, und da des letzteren Aussprüche in jenen Ländern, in welchen der überaus größere Teil - her Judenheit wohnt, maßgebend geworden sind, so ist auch -dieser Minhag bis zur Zeit, wo überhaupt alle religiösen Gebräuche fast überall geübt worden sind, beobachtet worden. Das Aller dieses Minhag läßt sich nicht mit vollständiger -Sicherheit bestimmen. Ascheri (blühte 1300) führt bei dessen Er- -tvähnnng in seinem Kommentar znm ll?rahtat Joma, letzter Abschnitt, Sign. 23, die Responsen der Geonim als Quelle an. Mnf dieselbe Quelle weist auch sein Zeitgenosse Mordechai den .Hillel hin. Ascheris Sohn, R. Jakob, hat die Worte seines Vaters in seinem Kodex Tur Orach Chajim, Kap. 605, vollständig ausgenommen. R. Josef Karo führt aber in seinem ^Kommentar Letd-ll'oZst die Meinungen des R- Moses den Nachman (R-amban) und des Salomo beu Aderet (Raschba) an,, die gegen diesen Brauch sich erklärten, und entscheidet darum tm Schulchaii Aruch, wie schon oben erwähnt, daß der Brauch zu beseitigen ist (jesch lebatel baminhag), während von R. Moses Jsserls sogar das Auflegen der Hände, analog dem einstigen Opfer, empfohlen wird. Gegen letzteres spricht sich “Ture-Sahab, lit. 8, ganz entschieden ans, weil es dadurch den Anschein hätte, als würde man außerhalb des Tempels zn Jerusalem Dpfer bringen, wenn auch Hühner nie geopfert wurden. Und in der Tat ist der Minhag nur schwer mit Talmud .{Pesachim 53) in Einklang zu bringen. Dort wird nämlich verboten, bei den Vorbereitungen für das Pessach-Fest zn sagen: „Dieses Fleisch ist auf Peßach", weil dies die Deutung znließe, daß man es zum Peßach-Opfer bestimmt hatte, als das Tier, von dem es herrührt, noch lebte, selbst wenn dieses Tier znm Heßach-Opfer nicht geeignet war. (Nach der Ansicht des Maharil .gilt dies sogar vom Geflügel.) Der Ausspruch Räbs in Peßachim ist von allen Dezisoren kodifiziert worden (siehe Ture und :Schulchon-Aruch Orach Chajim 469.) Ans demselben Grunde Hat man sogar verboten, gebratenes Fleisch am Peßach-Abend Lu essen, weil das Peßach-Opfer gebraten sein mußte. (Das. 476). Ob nnn der Minhag zu beseitigen ist, wie Karo will, -oder zn erhalten, wie es Jsserls haben will, darüber soll hier micht weiter gesprochen werden, weil hierzulande die bei weitem überwiegende Mehrheit es schon längst mit Karo (leider aber nur in diesem Punkte, in anderen, viel wichtigeren, weder mit Haro noch mit Jsserls, ja nicht einmal mit Moscheh Rabbenn halt). Nur ein Vorkommnis, das belustigen kömue, wenn es nicht «in gar so überaus trübes Licht aus unsere religiösen Zustände - iverfen würde, möchte ich zum Schlüsse hier erzählen: Vor ungefähr 20 Jahren erzählten mir glaubwürdige Augenzeugen, .daß in einem Vororte Prags eine alte, jüdische Frau, die sonst, wie viele andere, totes Geflügel bei der nichtjüdischeu Geflügel- Händlerin zn kaufen pflegte, vor dem Versöhunngstage darauf chestand, daß ihr dieselbe ein lebendes Huhn gebe. Als ihr ein solches herbeigeschafft wurde, nahm sie es in die Hand, schwang es einigemale um den Kopf und übergab es dann der Händlerin, -es zu töten. Diese drehte dem Huhn den Kopf um, gab es wieder der Jüdin, die es nach Hanse trug, ihre „Kappora" znbereitete, am Abend verspeiste und im Glauben, vom „Heiligen" erfüllt zu sein, in den Tempel ging. Was nun den Ursprung des Minhag und die Idee und Vorstellung, aus der er geflossen, betrifft, so weist schon Mayer Abraham ans eine hiefür wichtige Stelle in Raschi (Sabbath Blb) Schlagw. Parpisa) hin. Nachdem Raschi dort das Wort mit Blumentopf, dessen Boden durchlöchert, erklärt, bemerkt er .noch: In den Erzählungen der Geonim habe ich gefunden, daß man einige Wochen vor dem Versöhunngstage Körbchen aus Palmen bereitete,, mit Erde füllte nnd in dieselben ägyptische Bohnen pflanzte (solche blühen bald.auf); diese Körbchen wurden Parpisa genannt. Am Vorlage des Neujahrsfestes nahm jeder sein Körbchen, schwang es einigemale nm den Kopf und sprach dabei: „Dieses statt jenes, dieses sei in Umwechsel für mich, dieses sei in Umtausch für mich" (siehe Levit. 27,10) und wirft es dann, in einen Fluß. Ich aber möchte, noch auf eine Talmudstelle Hinweisen, die doch viel älter ist, als die Erzählung der Geonim, aus welcher noch deutlicher hervorgeht, daß damals allgemein die Vorstellung herrschte, man könne von Krankheit oder einem bösen Verhängnis sich dadurch befreien, daß man diese durch einen Spruch auf etwas anderes überträgt und dieses Andere gleichsam für sich eintreten läßt. Im Talmud (Sabbath 66b) wird nämlich Fieberkranken der Rat erteilt, sich an einem Scheidewege niederzusetzen und, wenn eine große Ameise, die etwas trägt, herankommt. so soll man sie schnell fassen und in ei» Metallröhrchen stecken, dieses gut und fest versiegeln, dann her- und hinbewegen und eine Strecke weit tragen und sprechen: „Was du getragen hast, will ich tragen und was ich getragen habe (die Krankheit), sollst du tragen"; oder man nehme ein neues, kleines, irdenes Gefäß und gehe zn einem Flusse und spreche zu diesem: „O Strom, Strom! Leihe mir ein Krüglein Wasser für einen Gast, der zn mir gekommen"; dann schwinge er das Gefäß siebenmal um den Kopf und werfe es hinter sich zurück in den Fluß und spreche dabei: „Fluß, Fluß, nimm dir wieder das Wasser, das du mir gegeben hast, denn der Gast, der zn mir gekommen, ist am selben Tage wieder weggegangen". Abaja teilt das, wie so viele andere sympathetische Mittel, im Namen seiner Amme nnd Ziehmutter mit. Wenn das der Ursprung des Brauches wäre, so würde er allerdings auf einem „Ammenmärchen" beruhen, deswegen aber den alten Minhag als sakan uchesil oder gar als „Minhag schel schtus“ (wie das viele nnd große Lehrer in Israel bezüglich manch anderer, auf Ignoranz und Aberglauben beruhender Minhagim getan), zu bezeichnen, wäre nicht bloß Pietätlosigkeit, sondern auch Frivolität. „Einheit". Die Begrüßung des XI. Zionistenkongresses im Namen der Knltnsgemeinde durch Herrn Dr. Heinrich Schreiber schloß mit der Einladung, die Teilnehmer möchten an den religiösen Einrichtungen, humanitären Anstalten und geschichtlichen Denkmälern der Wiener israelitischen Gemeinde nicht achtlos vorübergehen, damit sie, die aus allen Weltrichtungen gekommen sind, ans denselben etwas lernen. In diesem Sinne wollen gegenwärtige Zeilen auf eine der vielen höchstbewundernswerten Institutionen Wiens Hinweisen. Nach einem mit Anhören von erregten, spannenden Reden und Debatten ansgefüllten Vormittage verließ ich den Kongreßsaal in der Absicht, meinem durch die geistigen Anstrengungen geschwächten Körper neue Kraft znznfnhren. Aber wie im ersten Bezirk schnell ein koscheres Gasthaus finden? Ein orientierter Herr war zufällig zur Hand und belehrte mich: Wollen Sie koscher essen, so gehen Sie zur „Einheit" in die Malzgasse. Ich fuhr bis zur Stefaniestraße, wo ich einen Wachmann nach der Malzgasse befragte. Dieser sah mich eine Weile an und meinte mit einem Tone, der jeden Zweifel ansschloß: Ah, Sie wollen zum Verein Einheit; da müssen Sie bis zur siebenten Querstraße links gehen, dort ist, was Sie suchen. Merkwürdig, dachte ich, daß ein jüdischer Speiseverein in nichtjndischen Kreisen so gut bekannt ist, und noch merkwürdiger, daß das Wiener Gesetzesange sogar den geheimen Willen eines auswärtigen Inden so treffsicher zu erraten vermag. Doch ich schlug den mir bezeichneten Weg ein und gelangte nach einem kurzen, vom Hunger beschleunigten Marsche an das gesuchte Ziel. Wie erfreut war ich, ans einer Tafel eine prangende Aufschrift zn lesen, die das Koscher der mensa Einheit aufs bestimmteste verbürgt. Das Mittagsmahl, bestehend aus Brot, Suppe, Fleisch nnd Mehlspeise kostete 64 Heller und bestand hinsichtlich seiner

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